Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Hermann Hesse
Die Morgenlandfahrt
(1932)

Suhrkamp
2001
102 Seiten
€ 6,00 [D], 6,20 [A]


Von Sandra Bittmann am 06.09.2004

  „Wer weit gereist, wird oftmals Dinge schauen,
 Sehr fern von dem, was er für Wahrheit hielt.
 Erzählt er´s dann in seiner Heimat Auen,
 So wird ihm oft als Lügner mitgespielt.
 Denn das verstockte Volk will ihm nicht trauen,
 Wenn es nicht sieht und klar und deutlich fühlt.
 Die Unerfahrenheit, ich kann´s mir denken,
 Wird meinem Sange wenig Glauben schenken.“ (S.10f)
 
  H.H., der Erzähler der vorliegenden Geschichte, sieht sich – wenngleich er sich diese Pflicht selbst auferlegt – gezwungen die Ereignisse jener Reise, die er einst mit dem Geheimbund der Morgenlandfahrer unternommen hat, schriftlich niederzulegen. Die Schwierigkeiten die dieses Unterfangen mit sich bringt sind ihm bereits zu Beginn bewusst: Einerseits hat er versprochen das Bundesgeheimnis der Morgenlandfahrer niemals preiszugeben, andererseits plagen ihn Zweifel daran, ob ein Leser den fantastischen Begebenheiten überhaupt Glauben zu schenken vermag.
  Der Bund der Morgenlandfahrer ist ein Zusammenschluss der Intellektuellen und Suchenden aller Epochen und Kontinente. Im Zuge der Darlegung der Ereignisse trifft der Leser zudem auf Romanfiguren aus vorangegangenen Werken Hesses, u.a. auf den Brahmanensohn Siddhartha.
  Der Erzähler gelangt schließlich an einen für ihn scheinbar unüberwindbaren Punkt der Geschichte: zur allmählichen Auflösung des Bundes nach dem mysteriösen Verschwinden des Dieners Leo, der die Reise begleitet hat. Die Figur desselben stellt H.H. vor ein unlösbares Rätsel. Um sich der Lösung zumindest anzunähern, sucht er, auf Anraten eines Freundes, Leos Haus auf. Bei der Begegnung, die erst nach einigen Tagen stattfindet, scheint der ehemalige Diener H.H. nicht zu erkennen. Der Erzähler schreibt daher abends einen Brief an Leo, über dem er schließlich einschläft. Als H.H. morgens erwacht, findet er den Diener mit einem an ihn adressierten Schreiben in seiner Wohnung vor.
  Allmählich wird klar, dass sich der Bund niemals aufgelöst hat und der Erzähler dies lediglich so wahrnahm, weil er den wahren Glauben verlor. H.H., der vor das Gremium des Bundes beordert wird, folgt dem Diener. Hier muss er sich vor dem Obersten der Oberen – Leo selbst – verantworten und wird zum Selbstankläger. Nach dem Freispruch wird er allerdings einer Probe des Glaubens unterzogen. Diese besteht darin, das Bundesarchiv über ihn selbst zu befragen. In dem Fach, das seinen Namen trägt, findet er eine Plastik aus zwei Figuren bestehend: aus ihm selbst und jener Leos. Im Inneren derselben bewegt sich unendlich langsam die Masse seines Figurteils in die des Dieners. H.H. findet hierfür folgende Erklärung: „Er [Leo] musste wachsen, ich musste abnehmen.“ (S.102). Mit dieser Erkenntnis schließt die Erzählung.
 
  „Die Morgenlandfahrt“ ist meiner Ansicht nach eines von Hesses schwerst fassbaren Werken. Dies mag in der gewählten Thematik und dem für den Leser nicht greifbaren (zeitlichen) Raum der Handlung begründet liegen. Als Zuhörer wird man an das Limit der eigenen Imagination getrieben, sodass die Frage nach der Grenze zwischen Realität und Fiktion bald als unbeantwortbar verworfen werden muss.
  Obgleich die Erzählung von fantastischen Figuren besiedelt ist, basiert sie auf philosophisch durchaus ernst zu nehmenden Fragestellungen, wie jener nach Macht. Leo sagt: „Was lange leben will, muss dienen. Was aber herrschen will, das lebt nicht lange.“ (S.34). Diese Passage unterstreicht wie kaum eine andere die Bedeutung von fernöstlichem und vor allem chinesischem Gedankengut für Hesses Werk. Im „Tao te king“, jenem Buch in dem die Lehren des Taoismus niedergelegt wurden, heißt es über den Weisen: „Der Heilige Mensch häuft nicht an. Je mehr er für die Menschen tut, desto mehr hat er selbst. Je mehr er den Menschen gibt, desto mehr wird ihm selbst zuteil.“ (81.Kapitel). In diesem Sinne ist wohl die Figur Leos zu deuten. Sein demütiges Dienen macht ihn zum Obersten der Oberen.
  Auch auf das Ende der Erzählung ist diese Interpretation anwendbar: Der Mensch soll seine Substanz an das Demütige, dem anderen Dienende in ihm hingeben, und Egoismus und Unglauben hinter sich lassen, um ihm allmählich den Nährboden zu entziehen.
  Es sind die hundert verschiedenen Symbole, Figuren und Eindrücke, die dieses Werk zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügen und dem Leser – was ich für besonders wichtig erachte – Freiraum für eigene Interpretation und Vorstellung zugestehen.
  Ist die „Morgenlandfahrt“ ein modernes Märchen für Erwachsene? In gewissem Sinne ist dem zuzustimmen. Um Hesses „Morgenlandfahrt“ wirklich genießen zu können, sollten wir uns daran erinnern, wie es war als wir als Kinder - Märchen lauschend - noch nicht hinterfragten, was Realität und was Fiktion ist…

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.