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Urs Widmer
Der Geliebte der Mutter
(2000)

Diogenes
€ 8,90 [D]


Von Heide John am 23.08.2004

 Sonne und Schatten
 
 
  Die Perspektive, aus der diese kurze Geschichte erzählt wird, ist die des Sohnes. Bereits der Titel „Der Geliebte der Mutter“ verweist auf die eigentliche Hauptperson: Auf den Dirigenten Edwin, der als junger Mann „mausearm“ war, „der mit Blitzen im Hirn auf und ab tigerte und der wilden Musik in seinem Schädel nachjagte“.
  Edwin ist ein Besessener. Er kann nicht komponieren und sein Klavierspiel bleibt jämmerlich, aber er versteht sich schon früh aufs Dirigieren. Schon bald wird der arme Edwin reich – so reich sogar, „dass er mit neunzig Jahren der reichste Bürger des Landes war“. Edwin dirigiert nicht nur sein Schweizer Orchester, sondern kauft eine Fabrik, die Maschinen herstellt. Nach dem II. Weltkrieg gehört ihm die Aktienmehrheit eines Firmenkonglomerats, das „Lokomotiven, Schiffe, aber auch Webstühle und Turbinen und neuerdings sogar Hochpräzisionsinstrumente für die Laserchirurgie herstellt“.
  Während seine Fabrik auf der Seeseite liegt, die immer im Schatten ist, verbringt Edwin fast sein gesamtes Leben auf der Sonnenseite des Lebens.
  Die Mutter Clara hingegen, die andere Hauptperson des Romans, bleibt ebenso wie die Fabrik auf der Schattenseite.
  Sie, deren Namen nur selten genannt wird, wächst als Tochter eines Emporkömmlings aus Domodossola auf, der zunächst Vizedirektor eben jener Firma ist, die später – „so viel später nun auch wieder nicht“ – Edwin gehören wird. Ihre Kindheit verläuft trotz des äußeren Reichtums unerquicklich. Ihr Vater Ultimo lässt sie oft stundenlang vor ihrem Essen sitzen, häufig versperrt er die Haustüre, nur weil sie wenige Minuten zu spät aus der Schule nach Hause gekommen ist. Er quält sie mit Worten und Schlägen, die Clara ohne zu klagen hinnimmt. Ultimo, der als zwölftes Kind eines armen Säumers zur Welt gekommen ist, überträgt seine schlechten Kindheitserfahrungen auf seine einzige Tochter. Sie soll genauso leiden wie er. Der Vater ist der König, ihm darf nicht widersprochen werden. Clara hält sich an seine Gesetze. Und wird sie später auf Edwin übertragen. Denn als Ultimo stirbt, wird Edwin der neue König, Kaiser, Gott.
  Lange bevor Edwins Karriere wirklich beginnt, bittet er die Mutter „Mädchen für alles zu werden. Herz und Hirn des Orchesters“. Mit Begeisterung und großer Energie stürzt die Mutter sich auf diese Aufgabe und trägt auf ihre Art und Weise zum Erfolg des Jungen Orchesters bei. „Aber sie hatte nur Augen für ihn,“ heißt es. Edwin hingegen nimmt Clara nur beiläufig wahr. Genauso beiläufig zieht er sie später in sein Bett. Als sie schwanger wird, besteht er auf einer Abtreibung und als er heiratet, erfährt Clara es lediglich per Zufall.
  Edwins Aufstieg ist steil. Er dirigiert in verschiedenen Städten, begegnet Ravel und Bartok. Als Clara von einer Konzertreise zurückkehrt, bei der Trotzki unter den Zuhörern war, stirbt ihr Vater. Der Börsenkrach vom 29. Januar macht sie schlagartig arm – und damit ist ihr endgültiger Abstieg besiegelt.
  Dennoch heiratet sie - und bekommt den Sohn, der mit dieser von Nähe durchdrungenen Distanz die Liebesgeschichte seiner Mutter erzählt. Clara leidet unter Depressionen, sie bekommt Elektroschocks und redet beinahe unausgesetzt von ihrem Selbstmord und dem Mord an ihrem Sohn, den sie nicht alleine zurücklassen will. Auch in ihren Erziehungsmethoden setzt sich das Familienmuster fort.
  Edwin, der sie längst vergessen hat, bleibt sie Zeit ihres Lebens innig verbunden. Allabendlich steht sie an der Schattenseite des Sees, starrt auf seine Villa und flüstert den Namen des Mannes, der – ohne es zu wissen - an ihrer Lebenstragödie die Schuld trägt.
  Die Darstellung der beiden Pole – der Sonne und des Schattens – ziehen sich wie ein roter Faden durch dieses schmale Bändchen. Der Roman nimmt den Leser mit auf eine einhundertdreißig Seiten lange Reise, die nie bitter, sondern stets mit einer wunderbaren Leichtigkeit erzählt wird. Und dieses kleine Buch ist wirklich ein großes Buch!

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