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Hermann Hesse
Siddhartha
Eine indische Dichtung
(1922)

Suhrkamp
1999
189 Seiten
€ 8,50 [D]


Von Sandra Bittmann am 14.08.2004

  „Du hast die Erlösung vom Tod gefunden. Sie ist dir geworden aus deinem eigenen Suchen, auf deinem eigenen Wege, durch Gedanken, durch Versenkung, durch Erkenntnis, durch Erleuchtung. Nicht ist sie dir geworden durch Lehre! Und – so ist mein Gedanke, o Erhabener – keinem wird sie zuteil durch Lehre!“ (Kap. 4, S.33)
  Dies stellt für mich eine der zentralen Passagen Hermann Hesses indischer Dichtung „Siddhartha“ dar – dem meist gelesenen Werk des 20. Jahrhunderts. Der Autor möchte mit diesem Buch nicht belehren oder gar Paradigmen für die menschliche Existenz aufstellen, sondern viel mehr dazu anregen, durch eigenständiges Denken den richtigen Weg für sich selbst einzuschlagen. Diesem Roman, dessen Inhalt im Folgenden erläutert werden soll, wohnt wahrlich ein Zauber inne. Wie wäre es sonst zu erklären, dass Millionen von Menschen rund um den Globus – verschieden in Hautfarbe, Religion und sozialer Herkunft – in Hesses „Siddhartha“ jene Antworten finden, die sie immer gesucht haben?!
  Der Autor versetzt die Handlung in das Indien der Zeit Gotama Buddhas (ca. 560-480 v. Chr.). Hier beginnt die Geschichte des Brahmanensohns Siddhartha, der zusammen mit seinem Freund Govinda das elterliche Haus verlässt, um sich auf die Suche nach dem ihnen zugedachten Schicksal zu machen. Ein langjähriger Aufenthalt bei den Samanas, einer Gruppe von in strenger Askese lebender Männer, wird zur ersten Station des Weges. Das Zusammentreffen mit Gotama Buddha und dessen Jüngern trennt die beiden Freunde aber schließlich: Während Govinda Zuflucht zur Lehre des Erhabenen nimmt, erkennt Siddhartha durch diese Begegnung die Notwendigkeit allen Dogmen abzuschwören, um seinen eigenen Weg zur Erlösung zu gehen.
  Im zweiten Teil, den Hesse nach einer Zeit der schöpferischen und privaten Krise dem ersten anfügte, verschlägt es den Brahmanensohn in die Welt der Sinnlichkeit: Er erwirbt Geld durch eine Anstellung beim Kaufmann Kamaswami und dadurch die Liebe der schönen Kurtisane Kamala. Doch er verliert – immer mehr der Geld-, Spiel- und Alkoholsucht verfallen – etwas weit Wichtigeres: seine Erhabenheit und Würde. Verzweifelt und voll Ekel seiner eigenen Existenz gegenüber, fasst Siddhartha den Entschluss sich das Leben im Fluss zu nehmen, woran er allerdings durch ein Wiedergeburtserlebnis – ausgelöst durch die heilige Silbe Om – gehindert und ins Leben zurückgeführt wird. Der sinnlich-materiellen Welt, und somit seiner Geliebten, kehrt er den Rücken zu. Siddhartha wird zum Gehilfen des Fährmanns Vasudeva, wo er Weisheit findet, die ihm durch keine Lehre sondern durch die Beobachtung des Flusses zuteil wird. Eine letzte schmerzliche Prüfung steht ihm allerdings nach einem Wiedersehen mit Kamala bevor: der endgültige Verlust der Geliebten und des gemeinsamen Sohnes, den Siddhartha kaum kennenlernen darf ehe dieser weiterzieht.
  Der Weg zur Erleuchtung steht dem Brahmanensohn nun offen…
 
  Die Botschaft „Folge niemandem außer dir selbst!“, die „Siddhartha“ vermittelt, mag wohl seinen Erfolg begründen. Hesse schrieb den vorliegenden Roman selbst in einer Phase des Zweifels. Ich möchte sogar sagen, er hat diesem in Buchform Ausdruck verliehen und im Prozess des Schreibens Antwort darauf gefunden, woran er den Leser teilhaben lässt. Hesse, von Natur aus ein sehr nachdenklicher Mensch, zweifelte Zeit seines Lebens an vielem: an der Sinnhaltigkeit von Lehre und Dogma, an der Frage nach der richtigen Lebensführung und damit verbunden an Belangen der Religion.
  Obgleich er „Siddhartha“ als eine indische Dichtung bezeichnet, stellt dieses Buch vielmehr eine Abwendung von indischem und Zuwendung zu chinesischem Gedankengut dar. Der Weg, den der Brahmanensohn im zweiten Teil des Werkes beschreitet, ist ein taoistischer und somit lebensbejahenderer. Die Pfeiler dieser chinesischen Geistesströmung sind das Nicht-Lernen, Nicht-Handeln , Nicht-Wissen und Nicht-Reden . Der Grund für die Abwendung Hesses von indischem Gedankengut und seine Zuwendung zu chinesischer Weisheit mag wohl teilweise in den ernüchternden Erfahrungen während seiner Indienreise im Jahre 1911 zu sehen sein.
  Eine ausführliche Darstellung dieses Themas würde wohl zu weit führen, hiermit sollte lediglich angedeutet werden, dass Hesses Beschäftigung mit asiatischem Gedankengut verschiedener Prägung in diesem Roman deutliche Spuren hinterlassen hat. An dieser Thematik Interessierten soll an dieser Stelle das Buch „Hesse und China“ (2002) von Adrian Hsia ans Herz gelegt werden.
  Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Autor in diesem Werk seinen Zweifel an Lehre und Religion des alten Indien auf literarischem Wege verarbeitet hat. Die Lösung, die Hesse vorschlägt, ist eine idealtypische. Das Ideal, das er mit der Figur des Siddhartha geschaffen hat, sollte er selbst nie erreichen. Ob dies einem Menschen überhaupt zu gelingen vermag ist zweifelhaft. Hesses Absicht liegt wohl eher darin, dem Leser eine Möglichkeit aufzuzeigen dem eigenen Leben zu begegnen. Darin sehe ich die starke Wirkung dieses Buches besonders auf die junge Generation.
  Es erscheint durchaus mutig dem erhabenen, der Askese verpflichteten und mythisch verklärten Buddha einen zweiten, weniger vollkommenen aber aufgrund dieser Schwächen menschlicheren Siddhartha entgegenzusetzen, und beide im Gespräch miteinander zu konfrontieren. Hesse gelingt dieser Versuch indem er keines der beiden Lebensmodelle gänzlich in Frage stellt oder gar verwirft und sich persönlicher Wertung enthält. Im Gegenteil: „Siddhartha“ lehrt uns Toleranz gegenüber anderen Weltsichten und religiösen Überzeugungen.
  Als mir ein Freund vor Jahren – als mir Hesse noch kein Begriff war – dieses Buch empfahl, beschloss ich es aus Neugier zu lesen. Daraus sollte sich mein Interesse an Hesses Werk im allgemeinen entwickeln, das mich immer wieder in eine andere Welt zu entführen vermag. Ein derartiges (Lese)Erlebnis wünsche ich allen, die sich mit den Büchern dieses einzigartigen Schriftstellers – und vor allem mit „Siddhartha“ – auseinandersetzen.

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