Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Heinrich Thies
Wenn Hitler tot ist, tanzen wir
Das Leben der Hilde Heart

Hoffmann & Campe
2004
255 Seiten
€ 17,90


Von Richard Niedermeier am 22.07.2004

  „Die besten Geschichten schreibt das Leben selbst“- an diese Weisheit fühlt man sich erinnert, wenn man die Lebensbeschreibung der Hilde Heart liest, die Heinrich Thies zu Papier gebracht hat. Hilde Heart ist eigentlich Else Meyerhoff, verheiratete Else Hunt, die in ihrem Leben sicherlich keine Heldin war – außer man spricht auch einem Hiob Heldentum zu -, aber doch den späten Mut gefunden hat, ihre ganz persönliche Geschichte der Nachwelt offenzulegen.
  Heinrich Thies hat sie interviewt und ihrem Schicksal Worte gegeben. Ein Frauenschicksal in der NS-Zeit und im Nachkriegsdeutschland ist daraus geworden, aber eben nicht eines, das an prominenter Stelle zu notieren wäre, sondern das einer Frau aus dem Volk.
  Vielleicht ist diese Perspektive für den heutigen Leser etwas ungewohnt. Was sagt uns heute noch das Wort „Volk“, wo wir doch alle besondere Individuen, Persönlichkeiten sein wollen, mit einmaligen und vielversprechenden Biographien. Hilde Heart ist da jedenfalls ganz anders. Da sind keine großen Ansprüche an das Leben, ein bißchen Glück eben und Teil sein in einer Gemeinschaft.
  Aber es gab eben eine Zeit, in der selbst dieses Wenige noch zu viel war. Eine unbedachte Äußerung – „Wenn Hitler tot ist, dann tanzen wir“ -, der übliche Dorftratsch („Die hat was mit einem polnischen Zwangsarbeiter...“), und schon ist dieses Leben völlig aus den Fugen geraten: Denunziation, soziale Ächtung, Konzentrationslager. Die Mühlen des Terrors mahlen unerbittlich und mit typisch deutscher Gründlichkeit. Dabei hält Hilde Heart mit unglaublicher Naivität an ihrem „Führer“ fest, schreibt alles einem Justizirrtum zu, ohne einzusehen, daß die Justiz selbst zum Werkzeug des Verbrechens geworden ist.
  Die Frau aus dem Volk macht damit auf die ganze Tragik des Volkes in der jüngeren Vergangenheit aufmerksam: die Sehnsucht nach dem großen Führer, der als Verführer nur ein um so leichteres Spiel hat, das unterentwickelte politische Bewußtsein, das sich erst dann zu regen beginnt, wenn das eigene Leben an die Wand gefahren ist.
 Aber sind wir darin wirklich so weit von Hilde Heart und ihrer Zeit entfernt? In der ganz schlichten Lebensbeschreibung, die Heinrich Thies gibt, tritt gerade die menschliche Seite des Unmenschlichen ans Licht. Nicht nur fremde Dämonen reiten das geschundene Land, sondern auch das Menschlich-Allzumenschliche hält solche Terrorregime am Leben: die kleinen, von der Gemeinschaft nicht nur tolerierten, sondern oft auch kultivierten Schwächen, die Vorurteile, der Primat des Privaten, das Wegschauen von der Not des anderen. Vieles andere wäre hier noch zu nennen, Verhaltensweisen und Vorstellungen, welche von sich selbst einzugestehen, nicht wenig Mut und Selbsterkenntnis voraussetzt. Daß ein Mensch nicht starrsinnig seine Vergangenheit rechtfertigt, sondern so frei erzählt, ist sicher auch das Verdienst des Biographen, dem es gelungen sein muß, zu diesem Menschen auch eine ganz tiefe und vertrauensvolle Beziehung aufzubauen. Überhaupt spürt man bei Thies den Respekt vor fremdem Leben. So gibt er auch zu, daß vieles aus der inneren Welt der Else Hart nicht mehr zweifelsfrei rekonstruierbar ist. Darum ist diese Erzählung auch eine Begegnung zweier Generationen, ein Versuch, Vergangenes in den Verstehenshorizont der Nachfolgenden zu überliefern.
  Es ist jedenfalls ein Buch, das sehr nachdenklich macht, weil es zeigt, wie Menschen sich einfach den herrschenden Verhältnissen anpassen und wieviel es braucht, bis daraus demokratische Überzeugungen werden. Vor allem aber legt es den Finger in die Wunde der deutschen Misere: daß die „verspätete Nation“ wohl auch in der Ausbildung ihrer Bürgertugenden zu spät war. Deshalb mahnt es auch, Erreichtes nicht wieder preiszugeben, den sehr schmerzhaften Lernprozeß der Demokratie nicht verblassen zu lassen, sondern in lebendiger Erinnerung zu halten.
  Man wünscht sich für dieses Buch darum gerade auch junge Leser, denen es zum Ersatz für die Lebenserfahrungen der Urgroßeltern werden könnte.

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.