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Nicolas Brehal
Ein Gespür für die Nacht
(Le sense de la nuit)


Von Darko Spoljar am 20.12.1999

  Es gibt Romane über Mörder, die nur allzu konventionell geschrieben sind. Ewig dieselben Verrückten, ewig dieselben Muster. Ein Mord passiert, der Kriminalbeamte kommt, weitere Morde passieren, bis schließlich ein Muster erkannt und der Wahnsinnige am Ende (mal tot, mal lebendig) gefasst wird.
  Brehal sei Dank, dass es auch anders geht. Zwar geschieht auch hier ein Mord und auch ein Inspektor ist wieder im Spiel, doch ist das ganze viel genauer durchleuchtet und eigentlich geht es dem Autoren um etwas ganz Anderes. Nun, um es mit wenigen Sätze zu sagen: Der Roman ist völlig anders. Warum, wird gleich näher erläutert.
 
  Genau sieben Personen benötigt der Roman (von Nebenfiguren abgesehen), bei dem sich alles um und in der Nacht dreht. Da wären zum einen die sorglose Marge, die des Nachts mit ihrem Freund Thomas (dem sie sich jedoch nie richtig nähern will) auf einem geklauten Motorrad durch die Straßen von Paris fährt. Dann der einsame Taxifahrer Marius, der ein Hobbyphotograph ist. Sabine - eine Freundin von Marge und Tänzerin in einem Nachtlokal - hat einen drogenabhängigen Freund, von dem man meistens nicht mehr erfährt, als dass er schläft, wenn Sabine nach Hause kommt und sich zu ihm legt (was ihn auch mehr zu einer Nebenfigur gestaltet). Achille, der Polizist, der Baudelaire liest und alleine mit einer Katze, der er immer alles erzählt, lebt, hatte bisher keinen besonderen Fall aber auch kein besonderes Erlebnis in seinem tristen Dasein, was sich aber ändern wird.
  Gaspard, der sich in die Tänzerin Sabine verliebt, sich ihr ansonsten aber - außer dass er ihr einmal ein Geschenk gibt - nie nähert, begeht schließlich einen Mord an einer anderen Frau, da er sie u.a. als für "nicht würdig" Sabine gegenüber findet. Er zerstückelt einige Körperteile von ihr und schmeißt sie in den Müll, derweil er den Rest des Körpers in die Badewanne legt und säubert. Zu guter letzt bleibt noch der Ich-Erzähler, (man weiß nicht genau, ob es Brehal selber ist oder Teil des Erzählstils; mehr Infos habe ich leider nicht dazu), der sich mit Gaspard - nach seiner Verhaftung - trifft, und diesen retrospektiv erzählen lässt, was nicht heißt, das der Roman ausschließlich aus der Sicht Gaspards beschrieben wird.
 
  Brehal wechselt aus der ersten Person des Erzählens in die dritte usw., was auch sehr interessant ist, aber immer für den Leser nachvollziehbar bleibt. Schon in den ersten Seiten des Buches spürt man die dichte Atmosphäre, die über dem Buch liegt und von der man schnell eingelullt wird.
  Brehals Protagonisten sind durchweg einsame Menschen, mit unerfüllten Sehnsüchten und Träumen. In der Nacht finden sie einen Ausweg aus ihrem Dilemma, die Nacht schärft ihre Sinne, in der Nacht leben sie auf, können sich in ihr "verlieren" wie es so schön im Buch heißt. Doch wenn die Nacht anbricht, "werden die Verrückten unruhig". Ein Satz von Baudelaire, der oft vorkommt.
  In einem der besten Momente des Romans, streift Achille durch die unsittliche Gegend von Paris. Ein Mädchen mit einer "netten Stimme" spricht ihn an. Achille weiß, was für ein Mädchen dies ist und will zunächst weitergehen, doch er besinnt sich anders und geht mit zu ihr auf ihr Zimmer. Allein diese kleine, jedoch großartige Szene sagt so viel aus über die Einsamkeit Achilles und über seine Verzweiflung, zeigt später aber noch eine andere Botschaft..
  Doch Brehal bietet noch weitaus mehr. So zieht sich der vor Eifersucht wahnsinnig gewordene Thomas in der Nacht an den einsamen Wänden vor Paris entlang, um Marge zu finden, die sich in Marius verliebt hat. In dieser Beschreibung schafft es der Autor, den Leser völlig in einen Sog des Abstrakten zu ziehen, wo nichts mehr regiert, außer der Wahnsinn, wo sich der Leser mit seinem Helden verliert; Brehal schafft eine Art hypnotische Wirkung, die nur sehr seltenen Autoren gelingt. Und selbst Gaspard, der Mörder, ist nicht einer von jenen Wahnsinnigen, die einfach nur durchdrehen. Anders, als vielleicht bei anderen Romanen, hat man, trotz der Greueltaten, Mitleid mit ihm, verseht vielleicht nicht unbedingt seine Handlung und teilt sie schon gar nicht, doch versteht man seine Verzweiflung und seine Einsamkeit.
  So sehr der Roman begeistern kann, gibt es doch einige (wenige und im Endeffekt nicht störende) Minuspunkte. So ist man Brehal unendlich dankbar dafür, dass nicht zum x-ten Male irgendwelche Kindheitserinnerungen an den Handlungen der Personen Schuld ist. Denkste! Kurz vor dem (vielleicht etwas zu schnell geratenen ) Ende beichtet (leider!) Gaspard dem Ich-Erzähler eine Erinnerung, während die Rückblicke der anderen Personen (wiederum ein Pluspunkt) nur als Andeutungen existieren, man sich den Rest also denken kann, was jedoch zum Verständnis der Story nicht unbedingt notwendig ist.
  Und auch die Zitate Baudelaires werden vielleicht einmal zu viel von Achille wiedergegeben.
  Von diesen wenigen Punkten mal abgesehen, bleibt EGfdN ein kleines Meisterwerk, dass ganz groß herauskommen sollte, besitzt es doch viel mehr Tiefe, als andere Bücher dieser Art, vor allem, weil es klug zu verstehen weiß, seine Helden genau zu beobachten und weil durch die dichte und auch melancholische Atmo viel Spannung und gleichzeitig Gefühl erzeugt wird. Und da unser lieber Freund Markus Kolbeck immer auf der Suche nach abstrakten Werken ist, so kann ich ihm dieses nur wärmstens ans Herz legen. Greif zu, alter Bibliomaniac!
 
 Fazit:
  Verstörend-melancholischer Roman über Eifersucht, Einsamkeit, unerfüllte Sehnsüchte, Liebe und die Nacht, die "die Irren unruhig werden lässt" - fesselnd spannend und genial erzählt.

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