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Jens Rehn
Nichts in Sicht
(1954)

Schöffling
2003
164 Seiten
€ 18,90 [D]


Von Volker Frick am 24.06.2004

  Ein Erstlingswerk mit der immensen Frische einer unverbraucht konkreten Sprache, denn dieses Buch erzählt mit ruhiger Stimme eine unerbittliche Geschichte. Es ist genau diese, wenn nicht emotionslose, so doch abgeklärte und verhaltene Erzählhaltung, die einen bemerkenswerten Kontrast zu dem Erzählten dar-, aber gleichzeitig herstellt eine kontinuierliche Gespanntheit der Lektüre. Denn der Plot ist klar. Die Geschichte wird nicht gut ausgehen.
  Als dieses Buch 1954 erschien, formulierte Gottfried Benn ansteigend stakkato-hart: „rebellisch, zynisch, genialisch“, was als Schnittmuster pure Aufschneiderei ist, und en detail auch nicht zutrifft.
  Ein Schlauchboot mit zwei Menschen auf dem Atlantik. Nichts in Sicht. Der eine ist ein amerikanischer Pilot, der andere ein deutscher U-Boot-Matrose. Sie teilen sich eine Flasche Whisky, Zigaretten und Schokocola. „Der Andere“ amputiert dem Amerikaner dessen zerfetzten verfaulenden Arm, den er dann über Bord wirft. Der Stumpf eitert, „der Einarmige“ stirbt, und der Andere wirft auch ihn über Bord. Und nun, da der Einarmige tot ist, ist da nur noch der Andere. Die Sonne schien auf nichts Neues.
  Das sehr reduziertes Setting, was den Inhalt dieser Erzählung als auch die Zahl ihrer Protagonisten betrifft, gemahnt unwillkürlich an zwei französisch schreibende Autoren jener Zeit: Samuel Beckett und Albert Camus.
  Mit brutaler Präzision seziert Jens Rehn das Sterben: innere Stimmen, Monologe, Halluzinationen, lexikalische Exkurse. Ein pathosfreies Protokoll, lakonisch, rational, zeitlos. Jens Rehn wurde im September 1918 geboren, war ab 1937 Seeoffizier, im Zweiten Weltkrieg U-Boot-Kommandant, geriet in Kriegsgefangenschaft. 1950 wird er Redakteur bei RIAS Berlin. Ab 1958 ist er dort Leiter der Literaturredaktion. 1983 stirbt er, und hinterlässt ein schmales Werk. Wenige Romane, einige Erzählungen.
  Dieses Buch ist schlicht grandios, und unzweifelhaft singulär in der deutschen Nachkriegsliteratur. Die Nichtigkeit der Existenz von menschlichem Leben in Reinkultur, diesseits von Nihilismus oder Existenzialismus oder Verzweiflung oder Zivilisationskritik. Die menschliche Komödie, die pure Radikalität des Sterbens. „Die Sonne ging am nächsten Morgen auf, wie sie es seit jeher zu tun gewohnt war (…).“ Gleich zweimal ist diese Formulierung auf der letzten Seite dieses Buches zu lesen. Samuel Beckett begann seinen Roman „Murphy“ (1938; dtsch. 1959) mit dem Satz „Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf nichts Neues.“ Gott sei Dank: Nichts in Sicht.

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