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Oriana Fallaci
Ein Mann
(Un uomo, 1979)

Kiepenheuer & Witsch
1997
Übersetzt von Toni Kienlechner
638 Seiten
€ 12,90 [D]13,20 [A]


Von Sandra Bittmann am 10.06.2004

  „Zi, zi, zi!“ – „Er lebt, er lebt, er lebt!“, so liest man im Prolog des Romans „Ein Mann“ der italienischen Schriftstellerin Oriana Fallaci. Und tatsächlich wird dieser Mann im Laufe der nächsten 600 Seiten erneut zum Leben erstehen.
  Es handelt sich hierbei um die wahre Geschichte jenes griechischen Widerstandskämpfers namens Alekos Panagoulis, der im Jahre 1968 ein Attentat auf den damaligen Diktator Papadopolous ausführt, das aufgrund einer falschen Berechnung und widriger Umstände bereits im Vorfeld zum Scheitern verurteilt ist.
  Für den Attentäter folgen jahrelange Gefängnisaufenthalte begleitet von Folterungen, die seinen eisernen Willen jedoch niemals zu brechen vermögen. Panagoulis´ zahlreiche Ausbruchsversuche führen schließlich sogar zum Bau eines eigens für ihn konstruierten Gefängnisses: einer Zelle, in der er das Sonnenlicht für fünf Jahre entbehren sollte.
  Nach seiner Begnadigung, die allerdings gegen seinen Willen vollzogen wird, lernt Alekos die italienische Journalistin Oriana Fallaci kennen und lieben, was ihn jedoch nicht davon abhält weitere halsbrecherische Pläne zum Sturz des Diktators zu schmieden. Selbst vor einer Besetzung der Akropolis mit Hilfe von Sprengstoff würde Panagoulis nicht zurückschrecken. Die Möglichkeit ins politische Exil zu gehen, wie es ihm seine Lebensgefährtin ans Herz legt, hat auf ihn keinerlei Reiz. Orianas Bitten und ihre, angesichts der ständigen Observation wohl berechtigten, Ängste können ihn von seiner „Mission“ nicht zurückhalten.
  Nach dem Sturz des Regimes, an dem er jedoch nicht maßgeblich beteiligt ist, betätigt sich Panagoulis in einer Partei. Sein politisches Engagement bleibt aber ohne große und nachhaltige Erfolge. Doch selbst nach dem Sturz der Militärregierung lebt er gefährlich und unter ständiger Observation, vor allem durch die neofaschistische Organisation „Die Spinne“. So fällt Alekos Panagoulis 1976 schließlich einer Verschwörung zum Opfer, in dem er bei einem inszenierten Autounfall umkommt.
  Erst sein Tod bietet Raum für Mystifizierung und Personenkult. Dieses Phänomen betrachtet Oriana Fallaci bei der Beschreibung Panagoulis´ Beerdigung äußerst kritisch und nicht unbemerkbar hasserfüllt.
 
  Die italienische Schriftstellerin betrauert in diesem Buch den Verlust eines geliebten Menschen, so wird die Begräbnisszenerie zum Rahmen des gesamten Romans. Wut, Liebe und Unverständnis vermischen sich in Fallacis Erzählweise, wodurch einerseits ein sehr interessantes und vor allem lebendiges Bild der Geschehnisse gezeichnet wird, andererseits dem Leser aber auch äußerst langatmige Passagen nicht erspart bleiben.
  Bewundernd hervorheben möchte ich, dass trotz des hohen Grads an seelischem Involvement der Autorin keine einseitige Heldengeschichte erzählt wird. Fallaci beschreibt auch die Schattenseiten und dunklen Momente des Nationalhelden Panagoulis, wodurch es dem Leser erst möglich wird sich mit ihm zu identifizieren. Diese menschliche Nuance fehlt leider nur allzu oft in Lebensbeschreibungen von Freiheits- und Widerstandskämpfern, was in den meisten Fällen zu einem Mangel an Glaubwürdigkeit führt (als Negativbeispiel sei hier „Ich habe sieben Leben“ von Frederik Hetmann angeführt, in dem die Lebensgeschichte des Revolutionärs Ché Guevara denkbar unkritisch für ein junges Publikum aufbereitet wird), Oriana Fallaci ist sich dieser Tatsache bewusst und lässt ihre Leser auch an den Zweifeln ihres Helden teilhaben. Und tatsächlich entpuppen sich gerade jene Passagen, in denen Panagoulis etwa an der Legitimität des Tyrannenmordes zweifelt, als die menschlichsten und für die Leserschaft nachvollziehbarsten.
  Dieses Buch ist emotional, philosophisch und sachlich-informativ zugleich. Wer also die Geduld aufbringt sich auch durch einige langatmige Passagen zu kämpfen, gewinnt bei dieser Lektüre sehr viel: einerseits Wissen über die griechische Geschichte der Neuzeit (denn die Geschichte dieses Landes endet nicht in der Antike!) und andererseits Einblick in die Gedankenwelt eines fanatischen Widerstandskämpfers. Die Tatsache, dass Oriana Fallaci als dessen Lebensgefährtin Zugang zu Materialen aus erster Hand besitzt, schlägt sich in einer äußert authentischen Schilderungen der Geschehnisse nieder. Der Titel des Werks mag auf den ersten Blick alles andere als aussagekräftig erscheinen, erweist sich im Laufe der Erzählung jedoch als der einzig passende und auch mögliche.
  Nach Beendigung dieses Romans kann sich wohl jeder Leser den „Zi-Rufen“ anschließen, denn in diesem Buch bleiben Panagoulis´ Ideen ewig lebendig.

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