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Glen Duncan
I, Lucifer

Scribner
2003
272 Seiten


Von Christel Schweitzer am 01.06.2004

  Lieber Leser, hatten Sie schon einmal ein Zwiegespräch mit Luzifer, dem Teufel?!
 Luzifer monologisiert und der Leser gibt sich mit der Rolle des stumm-still in sich hineingrinsenden Zuhörers sehr gerne zufrieden. Denn die Schlagfertigkeit und der Wortwitz des Teufels, der sich auch selbstironisch und äußerst menschlich eitel und lächerlich präsentiert, erfüllt vollauf den Anspruch an einen Alleinunterhalter. Aus dieser Perspektive beschreibt nun der Autor Glen Duncan seine Vision über den (imaginären?!) Fürsten der Finsternis:
 
  Luzifer, Ihre Satanische Majestät ist unpäßlich!
  So bricht man denn das subtile Schweigen, um uns Menschlein von dem unbeschreiblichen Schmerz – sein persönliches Armageddon – der ihn peinigt, zu erzählen. Offensichtlich sieht Luc keine Heilungsverfahren, die ihn aus seiner Agonie befreien könnten, bis...
 
  Ja, ...bis Gottvater, der große Gegenspieler (der auf ewig omnipresent und omnipotent, jeden von Luzifers zweifelhaften Schritten unter uns Erdlingen beobachtend) Luzifer durch einen seiner „ehemaligen Kollegen“, nämlich durch Erzengel Gabriel, ein Angebot unterbreiten läßt. Luc, wird ein Deal vorgeschlagen, der so ausgefuchst ist, daß er, der Meister bösartiger Pläne, der Spieler aller Spieler, nur allzuschwer widerstehen kann:
  Um von seinem Schmerz befreit zu werden, muß Luzifer, so Gottes Vorschlag, in die Haut eines erst kürzlich durch Selbstmord dahingeschiedenen Schriftstellers schlüpfen. Dieser Sterbensfall ist Luzifer zwar nicht ganz so geläufig (er hat soviele Gäste in der Hölle), aber er gibt zu, sicherlich seine Hände im Spiel gehabt zu haben. Der Herr der Hölle soll nun das Leben dises armen, erfolglosen Tropf retten, indem er ein Monat unter uns Menschen weilend - keine seiner diabolischen Mächte, noch Höllen-Helfer zu Rate ziehend - friedlich und normal dahinlebt. Falls ihm dies gelingt, soll der zermürbende Schmerz von ihm genommen werden. Da Luzifer sich leider, ein wenig zu seiner Schande, wie er dem gewogenen Leser gegnüber, eingestehen muß, nicht in der Position des Stärkeren befindet und seine derzeitige Lage sich nicht wirklich verschlechtern kann, willigt er ein.
  Tja, Lucs große Überraschung folgt auf dem Fuße, ist doch das Leben der Menschen äußerst komplex! Ironie der Geschichte ist, daß dies nun der Teufel persönlich zu spüren bekommt, hält er sich doch für all das Unbill unter uns Menschen für federführend verantwortlich. Er, der Erfinder all der perfiden Ablenkungen und Verführungen am Weg eines sorgenfreien, gottesfürchtigen Lebens stolpert in so manche Grube, die er, Luzifer selbst den Menschen gegraben hat. Sowohl der Drogenkonsum – Alkohol, genauso wie Tabak und Härteres – als auch der animalische Sexualtrieb und ein total verdrehter Biorhythmus (natürlich agil in der Nacht und hundeelend müde und verbraucht am besch... helllichten Tag) beginnen am ohnehin schon geschwächten Körper des Schriftsellers Declan Gunn zu zehren. Lebte Gunn schon vorher kein gesundes Leben, so treibt Luc den Gastkörper nun vollends an den Rand des Ruins. Zwar schreibt Gunn – alias Luzifer – die Story seines Lebens (nämlich das „Coming-Out“ des Teufels) und gewinnt, weil ja mit des Teufels Charisma ausgestattet, bald ein paar steinreiche und einflußreiche Freunde (alles alte Bekannte des Fürsten der Finsternis, die er bald händereibend in der Hölle willkommen heißen wird!), aber sogar Mr. Evel höchstpersönlich, verfängt sich im Fallstrick der zwischenmenschlichen Gefühle...
  Wird nun Luzifer das gesamte Monat auf Erden, aus Gottes Sicht zufriedenstellend meistern, oder wird er, der Meister-der-Finte gar diesen Deal verlieren?!-
 
  Ob es der Teufel ist, der uns auf Abwege bringt, oder, ob Gottvater, ihn den gefallenen Engel, vielleicht lediglich dazu benützt, um uns Menschen zu prüfen, ist nur eine der vielen hochinteressanten Fragen, die Sie sich, lieber Leser, am Ende der Lektüre stellen werden. Was und, vor allem, wieviel bewirkt der freie Wille des Menschen, mit dem uns Gott – so heißt es in der Bibel - geschaffen hat? Oder ist vielleicht jeder einzelne Mensch auch ein auf Erden wandelnder Teufel in Gestalt des „Abbild Gottes“? Machen wir uns unsere Hölle auf Erden selber, oder existiert es wirklich das Fegefeuer?!
  Wie zu erkennen ist, bettelt dies kleine, feine Buch (nur 262 Seiten) darum mehrmals gelesen zu werden, denn derlei pilosophisch religiöse Gedanken drängen sich beim Lesen keineswegs vordergründig auf, sie kriechen einem beim Lesen sozusagen unter die Haut...
 
  Da der Autor den „einseitigen Dialog“, als Stilmittel anwendet, finden sich hier hauptsächlich einfachstrukturierte und prägnante Sätze, wie sie eben in einem 4-Augen-Gespräch vorkommen.
  Diese Syntax wird durch den amerikanischen Slanggebrauch auch noch in ihrer Wirkung verstärkt. (Ich nehme an, daß es äußerst wenige Menschen gibt, die „elaboriert“ fluchen?!) Der Schreibstil wirkt frotzelnd, teilweise ist er lakonisch trocken und dadurch komödiantisch komisch. Die Geschichte des Teufels als Tragikkomödie!!
  Die Semantik ist nichts für zartbesaitete Leser/innen, da Duncan aus dem vollen Repertoire der anglophilen Gassenkultur schöpft. Ordinär, provokant vulgär und teils ekelhaft plastisch läßt Duncan die Zunge des gefallenen Engels sprechen. Dann aber folgen wieder „hochgestochene Wortgebilde“, die Luzifers übermenschlich brillante Intelligenz erkennen lassen sollen.
 
  Wer englische Bücher mit schwarzem Humor und philosophischem Tiefgang liebt, (sicher auch auf Deutsch ein diabolisches Vergnügen), der möge „I, Lucifer“ lesen und genießen! Und wer nicht meiner Meinung ist, möge in der Hölle schmoren.....(HEHE!)

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