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Duncan Sprott
Die irische Mätresse
(The Lady of the Potatoes, 1995)

Europa Verlag
1998
336 Seiten


Von Alfred Ohswald am 26.05.2004

  Marie-Louise Murphy ist die jüngste von fünf Töchtern irischer Einwanderer in Frankreich. Ihr Vater ist Schuster und ihre Mutter Lumpenhändlerin und Gelegenheitsprostituierte. Die Töchter sollen ebenfalls als Prostituierte ihr Geld verdienen, wen möglich in etwas besseren Kreisen.
  Marie-Louises „Karriere“ beginnt als Aktmodell eines bekannten Pariser Malers. Durch dessen Bilder wird König Louis XV. auf sie aufmerksam, der ständig reichlichen Bedarf an jungfräulichen Mädchen hat. So wird Marie-Louse Mätresse des Königs, bis dieser ihrer überdrüssig wird und sie standesgemäß verheiratet. Lang hält diese Verbindung nicht, weil ihr Angetrauter bald auf den Schlachtfeldern Frankreichs bleibt.
 
  Sprott erzählt diese Geschichte einer jungen Frau, die während der Regierung Louis XV. hoch über ihre gesellschaftlichen Verhältnisse aufsteigt und während der Revolution tief fällt, aus einer lockeren, oft nicht unwitzigen, leichten Distanz. Dadurch hält er selbst zu seiner Hauptfigur immer etwas Abstand, ohne ihre Handlungen von dieser Position aus zu kommentieren oder zu bewerten.
  Der Titel „Die irische Mätresse“ lässt ein etwas schwülstiges Sittengemälde befürchten, was aber durch diesen Stil komplett vermieden wurde. Trotz des eher tragischen Schicksals der Titelheldin bleibt der Ton fast immer amüsant und spiegelt damit die unverwüstliche Lebensfreude der Heldin wider.

Von Christel Schweitzer am 29.06.2005

  Mit zwei historischen Rekonstruktionen hat uns Duncan Sprott in den letzten 7 Jahren beglückt. Sein Erstlingswerk, publiziert im Januar 1997, war eine Art "Aufwärmtraining" für seine kolossale Romantrilogie "Das Haus des Adlers". Obwohl sich der Roman "Die irische Mätresse" bereits in Sprotts unverkennbarem Stil kleidet, hat er nicht so viel internationale Beachtung erhalten, wie "Das Haus des Adlers". Schade eigentlich, denn er ist ein in sich geschlossenes, semantisch und syntaktisch konsistentes Werk. Sprott thematisiert das Leben und Wirken der Marie-Luise Murphy ziemlich unsentimental, wodurch der Roman für beide Geschlechter gleichermaßen lesbar ist.
 
  Marie-Luise wird in eine ziemlich verkommene, bettelarme, irische Familie hineingeboren. Ihr Großvater, Gott hab' ihn selig, kam einst als Soldat nach Frankreich, um dem sicheren Hungertod in Irland zu entfliehen. Marie-Luises Vater ist auch Soldat und hat Marie-Luises Mutter als Lumpensammlerin am Rande des Schlachtfeldes kennen gelernt. Um der Familie das Überleben zu sichern, handelt ihre Mutter nicht nur mit Lumpen, sondern verdingt sich auch nebenberuflich im "ältesten Gewerbe" der Menschheit. Marie-Luises Vater, müde von Krieg und Zerstörung, beschließt sesshaft zu werden, arbeitet er als Flickschuster für arme Leute. Mdm Murphy "wirft" ihre Kinder "wie Kaninchen", muss aber verzweifelt mitansehen, wie sie - durch Kinderkrankheiten und mangelnde Hygiene - dahingerafft werden, wie die "Fliegen". Fünf Töchter überleben. Mdm Murphy geschäftstüchtig wie sie ist, beschließt ihre Töchter zu einem lukrativen Kapital zu machen. Arme Mädchen der untersten Schichte können nicht wählerisch sein und so wird aus jeder der fünf Töchter über kurz oder lang - in qualitativer Abstufung - das, was schon "Maman" als redlich genug befunden hat...
  Bittere Armut, wunderlicher Aberglaube und äußerst individuell-subjektiv zurechtgeschneiderte Moralvorstellungen begleiten Marie-Luise auf ihrem Lebensweg. Während ihre Schwestern bereits "eingeschult" werden, um das Familienbudget aufzubuttern, wacht Mdm Murphy noch streng über Maries Unschuld. Dass Marie-Luise etwas Besonderes ist, ahnt ihre Mutter, und so soll sie auch für einen ganz speziellen Verehrer aufgehoben werden. Marie, ganz fügsame Tochter schickt sich mit fatalistischem Gehorsam in jede Entscheidung ihrer Eltern Sie weiß, dass es außerhalb der Familie keinen Rückhalt in dieser Gesellschaft gibt. Als der Portraitmaler François Boucher die Hände ihrer Schwester Brigitte malt und durch Zufall Marie-Luise zu Gesicht bekommt, ist er von ihrer grazilen und unschuldigen Schönheit so beeindruckt, dass er bittet, sie malen zu dürfen. Das Gemälde, das "Ruhende Mädchen" besticht König Ludwig XV. Dieser ist aber weniger an dem Gemälde, als viel mehr an dem Aktmodel in Fleisch und Blut interessiert...
  Ludwig, als alter Lustmolch in die Geschichte Frankreichs eingegangen, war berühmt-berüchtigt für seinen unersättlichen Appetit und Verschleiß an jungen Mädchen. Die politische Vernunftehe mit seiner älteren Gattin bedeutete ihm, so wie vielen Herrschern der Geschichte, nichts.
  Seine Langzeitmätresse, die Pompadour ist zu alt geworden für seine Spielereien. Marie hingegen ist willig, jung und ehrgeizig. Sie will die bittere Armut hinter sich lassen, nie mehr hungern und betteln müssen. Der ältliche und unappetitliche, aber menschlich sympathische Ludwig kann ihr diesen Luxus bieten, weshalb sie sich seinen Wünschen vollkommen unterwirft. Erst als sie schwanger wird und er von dem Kind nichts wissen will, scheint Marie-Luise aus ihrer simpel gestrickten Gedanken -und Gefühlswelt zu erwachen...
  Wer hoch steigt, fällt tief! Im Kampf um das nackte Überleben in der Gosse hat sie Strategien gelernt, mit welchen sie sowohl am Hofe des Sonnenkönigs, als auch danach in den wirren Zeiten der Revolution besteht. Ihr Leben ist so sehr davon geprägt ihre Existenz zu sichern, daß sie nie gelernt hat echte Liebe zu geben, oder zu empfangen. Liebe ist sentimentaler Luxus, den man sich in der Gosse nicht leisten kann. Deshalb lebt sie ihre Gefühle ausschließlich über ihren Körper aus. Es nimmt nicht Wunder, dass die Menschen, die sie in ihrem Leben trifft, genauso unfähig sind echte Gefühle zuzulassen, wie sie selbst.
 
  Duncan erzeugt eine beklemmend realistische Atmosphäre der unvorstellbaren Zustände der Pariser "Slums" gegen Ende des 18 Jht. Doch es wäre nicht Sprotts Erzählstil könnte der Leser nicht auch über die skurrilen Bräuche, abstrusen Vorstellungen und banalen Lebensweisheiten schmunzeln. Lapidar erzählt, mit einfacher Syntax und schnörkelloser Sprache, entwirft Duncan Sprott ein Bild der Normalität in der Absurdität vergangener Zeiten.
 
 PS: Was denn nun der englische Originaltitel mit dem Thema des Buches zu tun hat, das muss der geneigte Leser selbst herausfinden!!

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