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Paul Auster
Nacht des Orakels

Rowohlt
2004
Übersetzt von Werner Schmitz
272 Seiten
€ 19,90 [D]


Von Volker Frick am 17.05.2004

  Es liegt etwa drei Wochen zurück, da suchte ich den Roman „Mr. Vertigo“ von Paul Auster im Bücherregal, fand aber nur die amerikanische Originalausgabe. Da ich dieses Buch besprochen hatte, wunderte ich mich schon, denn verliehen hatte ich es nicht. Allein aus eben dem Grund, mich nicht in einer solchen Situation wieder zu finden.
  Gehen wir nach Paris, 1971. Paul Auster lebt in dieser Stadt, sein Schreiben ist durch die Bücher von Samuel Beckett, den er kennen lernt, okkupiert. Er sieht einen Menschen, einen Hochseilartisten. Elf Jahre später schreibt er eine Rezension über die Autobiographie dieses Menschen. Es handelt sich um Philippe Petit, sein Buch: „On the High-Wire“. Zwölf Jahre später erscheint von Paul Auster der Roman „Mr. Vertigo“. Und „vertigo“ ist ein medizinischer Terminus und meint „Schwindel“.
  Die Wurzeln dieses nordamerikanischen Erzählers liegen bekanntlich in der französischen Philosophie, der Poesie und Reflexionen über Erinnerung, Sprache und Identität. Und dies lässt sich in all seinen Romanen, Essays und Gedichten nachlesen. Sein immer wieder bemühtes Sujet des Zufalls determiniert mittlerweile jegliche Lektüre. Sein literarisches Talent scheitert wieder und wieder dort, wo seine metastrukturell angelegten Geschichten ihrer komprimiert möglichen Schilderung qua Sprache weit vorauseilen.
  Sein Buch „Stadt aus Glas“ erschien 1987 in Deutschland. Wenige Jahre später dann ein Buch („Die New York-Trilogie“), das aus drei eigenständigen Geschichten besteht, von denen eine ein überarbeitetes Theaterstück ist, zeitgleich mit einem Roman, „Im Land der Letzten Dinge“, in welchem Anna Blume einen Brief in ein rotes Notizbuch schreibt. Vielleicht ist dies der einzige Roman des Autors, dem die Aufmerksamkeit fernerer Zeiten gelten mag. Mit diesen beiden Büchern begann die Rezeption von Auster in Deutschland.
  In seinem jüngsten Roman erzählt uns Auster von einem Erzähler, der eine Geschichte in ein blaues Notizbuch schreibt. Und seltsamerweise braucht es nicht den Tod als Initialzündung der Erzählung, wie in vielen seiner Bücher. Der Roman „Nacht des Orakels“ beginnt mit den Worten „Ich war lange Zeit krank gewesen.“ Und um Worte geht es auch. Denn sein erfolgreicher Schriftstellerfreund John Trause (sic) erläutert dem Erzähler Sid Orr in einem Gespräch folgendes: „Gedanken sind etwas Reales“, sagte er. „Worte sind etwas Reales. Alles Menschliche ist real, und manchmal wissen wir Dinge, bevor sie passieren, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind. Wir leben in der Gegenwart, aber die Zukunft ist in jedem Augenblick in uns. Vielleicht geht es beim Schreiben nur darum, Sid. Nicht Ereignisse der Vergangenheit aufzuzeichnen, sondern Dinge in der Zukunft geschehen zu lassen.“ Das klingt fast wie ein Bruchstück jener Poetik der Abwesenheit des Autors, die sich in „White Spaces“ (dt. in „Vom Verschwinden“, 2001) formuliert, ganz dem Credo des englischen Dichters Ted Hughes entsprechend, der 1978 während eines tape recordings für „The Critical Forum Series“ äusserte: „Poetry is a way of making things happen the way that you want them to happen.“
  Anzumerken sind die Anmerkungen dieses Romans, erzählen sie doch degressiv wiederum eigene Geschichten. Anmerkung 12 verdient kritische Aufmerksamkeit, da hier Samuel Beckett mit einer Äußerung über seinen Freund, den Maler Bram van Velde, wie folgt zitiert wird: „Ich behaupte, van Velde ist … der Erste, der eingestanden hat, dass Künstler sein Scheitern bedeutet, zu scheitern, wie niemand sonst es riskiert, Scheitern ist seine Welt.“ Der zugrunde liegende englischsprachige Originaltext erschien 1949 in der Zeitschrift „Transition“, und ist ein Dialog über genannten Künstler von Beckett und Georges Duthuit, Herausgeber der „Transition“. In der deutschen Übersetzung von Erika und Elmar Tophoven aus dem Jahr 1969 liest es sich so: „Da ich auf der Anklagebank sitze, plädiere ich dafür, dass Bram van Velde der erste war, … der eingestand, dass Künstler sein in einem Maße scheitern ist, wie kein anderer zu scheitern wagt, dass das Scheitern seine Welt ist und seine Weigerung Desertion, Kunstgewerbe, gute Haushaltsführung, leben.“
  Der Erzähler aber zerreißt seine Geschichten, entsorgt die Erzählungen, die wir gerade gelesen haben, und diese Momente heben das Erzählte zwar nicht auf, aber diese Momente des Autodafé, wie auch schon in seinem vorhergehenden Roman „Das Buch der Illusionen“, als auch das Abbrechen der Erzählung, die Sid Orr in sein blaues Notizbuch schreibt, und dessen Protagonist er in einer wahrhaft aussichtslosen Situation zurücklässt, all dies mag darauf verweisen, das hier einem Autor die eigenen Erzählstrategien über sind.
  Paul Auster beherrscht zweifellos die Klaviatur des Genres. In seinen selbstreferentiellen Romanen spielt er mit oszillierenden Identitäten und verwebt mit leichter Hand Text und Subtext. So auch in „Nacht des Orakels“. Schon ziemlich gut erzählt, aber darüber hinaus herausragend literarisch sind sie nicht, die Bücher von Paul Auster.
  Erstaunlich auch die Widmung dieses Buches. Es ist nicht Don Delillo und nicht Siri Hustvedt gewidmet, sondern „für Q.B.A.S.G.“, und klein darunter „(im Gedenken)“. Ich vermute mal, es handelt sich um Protagonisten seiner früheren Romane.
  Das Buch blieb verschwunden, „Mr. Vertigo“ fand sich in meinem Bücherregal nicht wieder, stattdessen fiel mir meine Besprechung jenes Romans aus dem Jahr 1995 wie zufällig in die Hand. Damals hatte ich geschrieben: „Denn es geschehen Ereignisse außerhalb der Zeit. Sie existieren außerhalb der Zeit. Jedes zukünftige Ereignis ist auch gegenwärtig. Die Zukunft ist schon geschrieben und ebenso unwandelbar wie die Vergangenheit.“

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