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Duncan Sprott
Das Haus des Adlers
Das erste Buch der Ptolemäer-Tetralogie
(The House of the Eagle)

Europa Verlag
2004
Übersetzt von Karsten Singelmann
591 Seiten
€ 24,90 [D]


Von Alfred Ohswald am 14.05.2004

  Als Alexander der Große stirbt, hinterlässt er ein Riesenreich aber keinen Nachfolger und so teilen seine Generäle es unter sich auf. Der Form halber wird Alexanders geistig nicht ganz gesunder Bruder König Makedoniens und damit ihr König. Ptolemaios bekommt dabei das reiche Ägypten und reist als neuer Satrap in sein Herrschaftsgebiet, nachdem er sich den angeblich glückbringenden Leichnam Alexanders unter den Nagel gerissen hat.
  Wenig überraschend brechen bald Kämpfe zwischen den Diadochen, den Nachfolgern Alexanders, aus und auch Ptolemaios, der eigentlich des Kämpfens überdrüssig ist, wird immer wieder in diese Auseinandersetzungen hineingezogen. Daneben steckt Ptolemaios viel Energie in den Bau von Alexandria, seiner berühmten Bibliothek und seinem ebenso berühmten Leuchtturm. Und langsam nähert er sich, vom mächtigen Ptah-Priester Anemhor beraten und angeleitet, der ägyptischen Lebensweise an. Anemhor drängt Ptolemaios dazu, sich zum Pharao ernennen zu lassen, weil Ägypten nach seinem Selbstverständnis unabdinglich einen Pharao im eigenen Land braucht. Er ist der Garant für die regelmäßigen und lebensnotwendigen jährlichen Nilüberschwemmungen und selbst für das Auf- und Untergehen der Sonne. Ptolemaios lässt sich schließlich überzeugen und wird der nächste Pharao Ägyptens nach Alexander.
  Aber das größte Problem Ptolemaios ist seine recht machthungrige und mörderische Familie. Das Geschlecht der Ptolemäer sollte berühmt, berüchtigt für ihre Morde unter den eigenen Familienangehörigen werden.
 
  In diesem ersten Teil beschreibt Sprott das Leben von Ptolemaios I. und die Geschichte der Familie der Ptolemäer unter seinem Nachfolger bis der Leuchtturm von Alexandria in Betrieb genommen wird. Eine überaus ereignisreiche Zeit aber Sprott gelingt es, auch durch die Konzentration auf die Familie von Ptolemaios, dieses Wirrwarr geradlinig und spannend zu beschreiben, ohne die Leser mit der Fülle an Geschehnissen und Personen zu überfordern.
  Ein Geniestreich ist sein Trick, als Erzählerfigur den ägyptischen Gott Thot zu benutzen, der sogar von sich selbst in der dritten Person spricht („Und Thot? Thot zuckt die Schultern und…“). Das gibt ihm die Möglichkeit einer gewissen, nicht selten ironischen Distanz, des Dialogs mit den Lesern und dazwischengestreuter Kommentare. Recht geschickt versteht es Sprott auch, verschiedene, sich oft widersprechende historische Überlieferungen einzubauen.
  Dieser erste Teil der geplanten Tetralogie über die Ptolemäer, die insgesamt in der Zeit von Alexander dem Großen bis Augustus herrschten, macht wahrlich Appetit auf die Fortsetzungen. Ein absolutes Highlight unter den historischen Romanen und für den Zeitraum des alten Ägypten in der Qualität nur mit „Sinuhe der Ägypter“ vergleichbar, obwohl es meiner Meinung sogar diesen Klassiker übertrifft.

Von Christel Schweitzer am 23.08.2004

  Dies ist das erste Buch der Ptolemäer Tetralogie verfaßt von Duncan Sprott in einem einprägsamen, knappen, linearen Erzählstil. Ganz dem Beispiel der Illias folgend, erzählt er Begegnung nach Begegnung, ohne Rahmen, ohne Einschübe. Er benützt keine komplizierte Syntax und/oder Semantik. Er schmückt nicht aus, verschönert nicht die Geschichte des Ptolemaios, Sohn des Lagos, und dessen Familie. Diese wird hier aus der Perspektive von Thot, den ibisköpfigen Gott, den ägyptischen Gott aller Schreiber erzählt. Wenn Thot berichtet, verschluckt er ein paar Jahre, er schreitet durch die Jahrzehnte, Thot hat alle Zeit der Welt. Für ihn ist die Zeit der Menschen nichtig kurz, so unbedeutsam winzig. Ganz der epische Erzähler, spricht Thot zu uns, lehrt uns diese Familiengeschichte und deren Folgen für Ägypten. Daß die Darstellung ein wenig einseitig, nämlich zugunsten der Ägypter und damit zu ungunsten der Griechen, als der fremden Eroberer und Belagerer, ausfällt, stört uns nicht. Thot ist ja allwissend und dabei so herrlich präpotent und erzählerisch lapidar, daß man ihm diesen kleinen Geschichtsverriß gerne verzeiht. Stets mit einem Schmunzeln auf den Lippen lesen wir den feinen, versteckten Spott. Dann aber es ekelt uns auch wieder vor den allzu realistischen und detaillierten Schlacht- und Sterbeszenen – wo das Blut nur so spritzt und die Krähen und Hunde sich um die Augen und Eingeweide der Sterbenden streiten...-
  Thot der mit väterlicher Geduld, mit großväterlicher Nachsicht über die Naivität, die Unbelehrbarkeit und die Absonderlichkeiten der Griechen berichtet, wird von uns als unser gestrenger Herr Tutor gerne akzeptiert, wir folgen ihm willig durch diese, seine Variante der Geschichte:
 
  Ptolemaios, Sohn des Lagos kommt als mittelsloser Bauernsohn an den Hof des makedonischen Königs Phillip II und lernt dort dessen Sohn Alexander kennen. Von Ptolemaios ruhiger und nachdenklicher Art beeindruckt, steigt Ptolemaios bald in der Hierarchie des Alexanders nach oben und wird dessen Vorkoster und Vertrauter. Ptolemaios folgt Alexander auf dessen Schlachtzügen, nach dem Tod von Phillip II, überall hin. Erstens, weil er nichts anderes gelernt hat, als Soldat zu sein, zweitens weil er Alexander treu ergeben ist, auch wenn er Alexander mehr und mehr als „völlig durchgeknallt“ empfindet. Er kann mit Alexanders Hybris, mit dessen Hang zur Theatralik, mit dessen Glauben an die eigene Unsterblichkeit genauso schwer etwas anfangen, wie mit dessen unnötiger Unmenschlichkeit und Grausamkeit gegenüber Feinden, wie gegenüber in Unehre gefallenen Freunden. Außerdem ist Alexander eine „Schwuchtel“ – und Ptolemaios, Zeus bewahre, nicht!
  Als Alexander in der Wüste stirbt, die damals bekannte Welt ihm und Makedonien untertan, teilen seine Generäle das Weltreich untereinander auf - Alexanders Sohn, aus der Ehe mit einer persischen Prinzessin, ist noch viel zu jung, um Papas Erbe anzutreten.
  Ptolemaios „schreit nicht wirklich hier“ als es um die Aufteilung Alexanders Erbes geht, sondern wartet geduldig und ruhig, was denn so abfällt. Und was da abfällt, hätte weitaus schlimmer sein können, findet er, der bescheidene Bauernsohn, als Satrap von Ägypten zu werden.
  Er zieht also nach Ägypten und findet es hoch an der Zeit, sich von seiner Nobelhure zu verabschieden, deren Kinder nimmt er zu sich mit, und sich mit einer ehrbaren Frau, auf Eurydike fällt seine Wahl, niederzulassen. Als er so die Ägypter und deren Bräuche kennenlernt, rümpft er die Nase, für ihn alles Barbaren. Die vielen Gottheiten irritieren ihn, die Hitze schafft ihn. Doch bescheiden, wie er ist, merkt er bald, daß er von „Tutten und Blasen“ keine Ahnung hat und wenn er sich nicht mit dem Hohepriester Anemhor auf guten Fuß stellt, daß seines Bleibens in Ägypten kein langes sein könnte. Er lernt also von Anemhor, wie man sich als Grieche in Ägypten zu benehmen hat, um zwar noch als Grieche erkennbar zu sein, aber von dem ägyptischen Volk, als Satrap akzeptiert zu werden. So gut er seine Staatsgeschäfte führt, so anerkannt er als Städteplaner der Hafenstadt Alexandria ist, so kompliziert gestaltet sich sein Eheleben. Seine Frau Eurydike haßt Ägyptens Hitze, sie mag Ptolemaios auch nicht sonderlich gerne, kannte ihn ja auch nicht bei der Eheschließung und er könnte altersmäßig ihr Vater sein. Außerdem will sie auch nicht ununterbrochen seine „Kinder werfen“. Kurz, er hat ein echtes familiäres Problem...-
  Die Abhilfe kommt in Form von Eurydikes Tante Berenike, die zur Begleitung von Eurydike nach Ägypten mitgeschickt wurde. Berenike war mit einem griechischen General verheiratet, hat zwei Kinder und einen unstillbaren Hunger nach Macht und Reichtum. Ihrem Geltungsdrang opfert sie gerne ihre weinerliche, weiche und, in ihren Augen unfähige, Nichte Eurydike. Sie beginnt Ptolemaios zu umschmeicheln, der, ganz Mann, auf das verheißungsvolle Angebot eingeht. Seine zweite Ehefrau ist also die Tante seiner ersten Ehefrau. Und ab jetzt wird es ein wenig unübersichtlich, welche Ehefrau ihm welche Kinder schenkt und warum welches Kind welches Kind eigentlich nicht leiden kann und von der jeweiligen Mutter aus auch gar nicht darf. Dazwischen gibt es auch noch so manches Raufhändel mit den anderen Diadochen, kurzum das Leben des Ptolemaios ist wahrlich nicht fad...- Und Thot berichtet und schüttelt über so viel griechische Barbarei nur den Kopf!
 
  Selten habe ich einen Historienroman gelesen, der so unterhaltsam die Geschichte aufrollt und näherbringt. Helden sind auch nur Männer, die „im Stehen Pinkeln und bei Gefahr nach ihrer Mama schreien“ und mancher sagenumwitterte, griechische Gott war lediglich eine lukrative Geldquelle für den jeweiligen Herrscher. Was hätte ich darum gegeben, wenn wir im Gymnasium solche Bücher auf dem Lehrplan gehabt hätten. Wahrscheinlich könnte ich mich dann heute an viel mehr erinnern, was wir im Geschichtsunterricht über die Antike gebüffelt haben...-
 
  Mit Freude also erwarte ich das nächste Buch der Tetralogie, bis dahin:
 
  UND SO EINER SCHLECHT ÜBER DIESES BUCH REDET, SO BEKOMMT ER ES MIT THOT ZU TUN!
 
  PS: Ich habe eben erst noch ein zweites Buch von Duncan Sprott gelesen: „Die irische Mätresse“, welches ich ebenfalls, besonders den belesenen Damen, empfehlen kann. (Anmerkung zum Titel: auf ausführliche, detailgetreue Sexszenen wird man allerdings vergeblich warten, denn das wäre nicht der Stil des Duncan Sprott.) Buchkritik folgt bald!!

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