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Heinrich Steinfest
To(r)tengräber
Ein rabenschwarzer Roman

Lübbe
2000
287 Seiten
€ 6,85 [D]


Von Rudolf Kraus am 04.04.2004

  To(r)tengräber ist ein klassischer Kriminalroman und diese Behauptung fällt mir gar nicht schwer, obwohl man auch meinen könnte, Steinfest benütze den Kriminalroman nur dazu, um seinen skurrilen und satirischen Ideen den richtigen Rahmen zu verleihen.
  Wie dem auch sei, in To(r)tengräber tritt anfangs ein gewisser Klaus Vavra in Erscheinung, wobei die Wortwahl ob seiner Unauffälligkeit und Unwichtigkeit schon übertrieben ist. Jedenfalls gerät jener unbedeutende Mitläufertyp Vavra in eine für ihn ziemlich dumme Geschichte. Seine Obsession, abends Damen anzurufen und sich nicht zu melden, dieser stumme, beinahe atemlose Voyeurismus bringt ihn den Verdacht ein, ein Entführer zu sein. Er wird gewaltsam aus seiner Wohnung entfernt und verhaftet.
  Der Sumpf von Machenschaften, die sich durch diesen Fall einen Daumenbreit öffnen, werfen ein ausgesprochen differenziertes Bild auf die Wiener Lebensart, die an Vielfalt, Bösartigkeit und Undurchschaubarkeit kaum zu überbieten und - das muss hier erwähnt werden - für einen Nichtwiener auch kaum durchschaubar ist.
  Nun Steinfest gewährt, nein er gönnt seiner Leserschaft einen tiefen Einblick in diese Gesellschaft, ohne auf die sich ziemenden Warnungen zu vergessen. Dass eine Wiener Konditorei dabei eine dubiose Rolle spielt, muss eigentlich nicht mehr erwähnt werden. Die Entführung erweist sich schlussendlich als fingiert, hingegen verabschieden sich beinahe alle in den Fall verwickelten Personen recht unsanft von der Geschichte, die in mehreren Verzweigungen auch verschiedene Versionen anzubieten hat. Am Ende lichten sich die Schatten und schon im nächsten Moment hüllt der Mantel des Vergessens ganz Wien ein.
  Heinrich Steinfest ist hier ein sprachlich gereifter Roman gelungen, der ihn als echten Erzähler ausweist, der mit Leichtigkeit frisch und frech von der Leber weg erzählt. Und das ist - für Wiener Leberwerte - keine Kleinigkeit.
  Und der Kriminalroman ist nicht erst seit Chandler oder Dürrenmatt eine literarische Gattung, was hier eindrucksvoll bewiesen wird.
  Reich-Ranicki würde das zwar nicht unterschreiben, aber - ganz ehrlich - wen kümmert schon, was R.R. unterschreibt.

Von Alfred Ohswald am 11.04.2004

  Der harmlose und eher farblose Lebensmittelchemiker Klaus Vavra führt ein geruhsames, ereignisloses Leben, hat aber ein etwas wunderliches Hobby. Er ruft irgendwelche zufälligen Telefonnummern an und hört einige Zeit stumm der Reaktion seiner Opfer zu. Diese kleine Marotte bringt ihn eines Tages in beträchtliche Schwierigkeiten. Als er auf einem 20 Schilling-Schein, den er als Wechselgeld herausbekommen hat, eine Nummer notiert findet, ruft er abends dort an. Verwirrt hört er eine Frau von Geldübergabe u.ä. reden und legt wieder auf. Kurz danach stürmt ein Einsatzkommando der Polizei seine Wohnung und nimmt ihn fest.
  Die Tochter einer deutschen Industriellenfamilie ist entführt worden und die am 20er notierte Nummer war die für die Entführer vorgesehene Kontaktstelle. Sie wurde überwacht und führte zum ahnungslosen Vavra. Niemand glaubt ihm bei den zahllosen folgenden Verhören und als er eines Tages entnervt eine rein zufällige Adresse nennt, wird die Entführte prompt in der Nähe tot aufgefunden und er kommentarlos entlassen. Allerdings steht er ohne Geld da und in seiner Wohnung wohnt bereits ein neuer Mieter.
  Mittlerweile bekommt der Ermittler Cerny den Auftrag, sich unauffällig des Entführungsfalles anzunehmen. Denn es Sache ist noch lange nicht vorbei, sie hat erst so richtig begonnen.
 
  Dieser in Wien spielende Krimi Steinfests hat zwar auch einige satirische Element und wirft auch den einen oder anderen kritischen Blick auf die Wiener Gesellschaft, aber es ist in erste Linie ein Krimi und enthält weniger seiner sonst so typischen Seitenhiebe. Es mangelt zwar keineswegs an kauzigen Typen und irrwitzigen Ereignissen aber die allgemeinen Kommentare sind seltener vertreten.
  Nicht untypisch für Steinfest ist, dass er mitten drin die Hauptfigur wechselt und damit auch den Handlungsstrang plötzlich von einer ganz anderen Seite aufzäumt. Auch lässt er seine Figuren und damit die Leser einige verschiedene Varianten der endgültigen Aufklärung hören, die im Epilog schließlich am Ende wieder in frage gestellt wird. Auf die Befriedung einer klaren Aufklärung müssen die Leser also verzichten oder sie können es sich gewissermaßen aussuchen.

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