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Heinrich Steinfest
Der Nachmittag des Pornographen
Ein Roman zwischen Schnecken und Katholizismus
(1997)

Aarachne
2002
279 Seiten
€ 13,80 [D]


Von Rudolf Kraus am 04.04.2004

  In seinem zweiten Kriminalroman karikiert der Wiener Autor und bildende Künstler Heinrich Steinfest die feine Wiener Großbürgergesellschaft, die auch vor keinem noch so kriminellen Schritt zurückschreckt, um ein Ziel zu erreichen oder sich einfach von etwas Banal-Lästigem zu befreien. Und diese tägliche Liquidation, die in Politik, Wirtschaft und Familie geschieht und meistens in Form von Rücktritt, Kündigung und alltäglichen Terror vorgenommen wird, wird in der Steinfestschen Diktion emotionslos, garantiert tödlich und mit möglichst wenig Brutalität, Zeugen und Spuren von Profikillern durchgeführt.
  Die geschlagene Kreatur Paul, passionierter Radfahrer, Beinahe-Vegetarier, ein sympathischer Versager sozusagen, der in einer Nobelvilla als „Hausarbeiter“ beschäftigt ist, bekommt vom Autor die Mühen einer Hauptfigur aufgebürdet. Nicht nur, daß Pauls Selbstmordversuch scheitert, er gerät zudem noch unter Doppelmordverdacht und landet im Gefängnis, in dem sehr seltsame (beinahe paradiesische) Zustände herrschen und die Machenschaften einer dem Kapitalismus verpflichteten Gesellschaft Dimensionen erreichen, die jegliches Schamgefühl im Keim ersticken.
  Die Hiebe, die Steinfest nebenbei an jene illustre Gesellschaft verteilt, die knöcheltief im Gesabber ihrer ureigensten Doppelmoral steckt, erreichen oft einen boshaft-bösartigen Ton. Er überzeichnet kräftig die handelnden Figuren und Zustände und schafft somit ein Bild, das einem zeitweise den Atem verschlägt. Aber in all diesen Überzeichnungen stecken Wahrheiten, die oftmals erst durch das Mittel der Übertreibung bewußt werden, wenn sich Schmunzeln und Übelkeit die Hand geben.
  Der Nachmittag des Pornographen ist eine bitterböse Krimisatire mit gewissen Ovationen an Thomas Bernhard und Friedrich Dürrenmatt. Die Kunst Steinfests, gesellschaftliche Mißstände und Eigenschaften oft kraß zu überzeichnen, führt anhand der daraus resultierenden Moral logischerweise zur Form des Kriminalromans, wenn nämlich Mord zu einem ökonomischen Prozeß verkommt.

Von Alfred Ohswald am 08.04.2004

  Paul plant einen etwas eigenartigen Selbstmord, indem er einer erfolgreichen jungen Geschäftsfrau mit dem Fahrrad in den Wagen fahren will. Diese Frau war am Selbstmord seines Bruders nicht ganz unschuldig. Sein eigenes Leben läuft natürlich auch nicht recht glücklich, er ist „Putzmann“ bei einer wohlhabenden Familie, die im wahrsten Sinn des Wortes eine Leiche im Keller hat.
  Doch Pauls Selbstmord misslingt und damit nimmt das Unglück seinen Lauf. Die Frau hat den nur leicht verletzt auf der Straße liegenden Paul mit zu ihr nach Hause genommen und von ihrem Hausarzt versorgen lassen. Der Arzt stellt Paul ruhig und als dieser Stunden später erwacht, verlässt er fluchtartig das Haus. Bald darauf erfährt er, dass die junge Frau an diesem Tag ermordet wurde. Sein Arbeitgeber deckt Paul unbewusst, weil es selbst ein falsches Alibi von ihm haben will.
  Das ist aber erst der Anfang, bald darauf findet Paul den Hausarzt der jungen Frau tot im Keller der Familie, wo er arbeitet und versucht ihn zu verstecken. Das sollte allerdings gründlich schief gehen.
 
  Heinrich Steinfest lässt seinen bemitleidenswerten Helden Paul, der eigentlich nur seine Ruhe haben will, in dieser bitterbösen Satire ständig von einer Katastrophe in die Nächste stolpern. Irgendwie entgeht er dabei immer gerade noch knapp einem fatalen Ende, wenn auch nicht einer Bestrafung.
  Neben einer geschickt und konsequent konstruierten, auch recht spannenden Krimigeschichte und einem slapstickartigen Rekordversuch im Fettnäpfchensteigen des vom Unglück verfolgten Helden, ist der Roman aber in erster Linie Satire der bissigsten Art. Das Hauptopfer, sozusagen die 10 auf der Zielscheibe, ist dabei das Großbürgertum Wiens mit seiner typischen Mischung aus katholischer Moral und korruptionsfreundlichen Wirtschaftstreiben. Aber Steinfest ist nicht einäugig, es bekommen auch fast alle anderen ihren Teil scharfzüngiger Kommentare ab.
  Humor, auch Satire ist schwer zu beschreiben, darum hier ein kurzer Textabschnitt aus dem Buch:
  Nach dem sogenannten Einmarsch (eher eine Gepäcksmarsch-Meisterschaft durch Österreich) übernahm ein anderer Großkaufmann und verdienter Illegaler nicht nur den Besitz seines jüdischen ehemaligen Berufskollegen, sondern auch das Personal.
 […]
  Nach fünfundvierzig (der deutsche Mensch hatte das Kriegsziel tatsächlich erreicht, er okkupierte nahe Leningrad deutschen Raum, wenngleich unter der Erde) arbeitete Emilie eine Zeit lang im Haus eines Musiklehrers, eines gütigen älteren Herrn, der sich damit begnügte, an ihr herumzufummeln, er hatte zuviel Angst, sein Herz könnte sonst versagen (aber auch er hielt sich streng an das Gesetz des Bettenmachens).
  Im Jahr des Staatsvertrages (in den Augen der meisten die endgültige Besieglung der Niederlage) gab ihm seine Angst recht und Emilie Frank wechselte in den Haushalt eines jener vielbeschäftigten War-immer-der-deutschen-Sprache-verpflichtet-Schauspielers. Damals blühte der Heimatfilm (man könnte fast meinen, die Österreicher hätten sich mit ihrem Schicksal versöhnt), der Schauspieler (der vom Rollenfach her in seinen Filmen jeweils ein jugendfreies Liedchen auf den Lippen zwischen Latschen herumstampfte und Wilderer missionierte oder so lange jagte, bis sie in der Schlucht ihr Ende fanden), war natürlich überzeugt, dass es für ein Zimmermädchen kein größeres Glück gab, als sich von einem Film- und Bühnenstar begatten zu lassen (er irrte, aber er besaß wie all die anderen Herren Dienstgeber die Macht, diesen Irrtum von sich fernzuhalten).

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