Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Fritz J. Raddatz
Unruhestifter

Propyläen
2003
495 Seiten
€ 24,- [D]


Von Richard Niedermeier am 02.04.2004

  „Radikal sein in Deutschland ist schwierig bis unmöglich“, resumiert Raddatz’ in seinem Erinnerungsbuch „Unruhestifter“. Und dieses Buch ist wohl selbst der beste Beweis dafür. Wie alles Radikale, die geordnete Welt in Frage Stellende stieß es in Magazinen und Feuilletons auf heftige Ablehnung: Nestbeschmutzung sei es, eine Bloßstellung angesehener Personen, Schmuddelkram auch. Und wie alles Radikale wurde es nach diessem Sturm im Wasserglas ziemlich schnell zu Grabe getragen. Dabei half diese schreckliche Psychologisierungssucht, die im Falle Raddatz’ auch angesehene Feuilletons überfiel. Da war von sich als „Selbstüberhebung“ entladenden „Minderwertigkeitsskomplexen“ (FAZ) die Rede, von der „Verteidigungsschrift eines narzisstisch Gekränkten“ und „kompensatorischem Eigenlob“ (NZZ), von „verletzter Eitelkeit“ (TAZ). Und selbst die ZEIT verliert ihre – so Raddatz’ frustrierende Erfahrung – vornehme Unterkühltheit, um seine Bösartigkeit mit irgendwelchen Komplexen erklärend in den Kosmos des Verstehbaren wieder zu integrieren.
  Also: Raddatz auf die Couch, damit die Welt wieder stimmt! Doch so einfach sollte man es sich nicht machen. Natürlich ist Raddatz ein Narziß, natürlich geben seine Kindheit und Jugend (das Fehl der Mutter, die ihn sexuell mißbrauchende Stiefmutter, der grausame Vater) genügend Motive her, um eine ganze Liste psychischer Absonderlichkeiten zu erstellen. Und selbstverständlich ist Raddatz nicht frei von dem, was er bei vielen Größen aus der Literaturszene konstatiert: dem Streben nach Ruhm und Anerkennung. Aber wer sollte diese Kritik, nein, diesen Verriß des Literaturbetriebes in unserem Land wagen, wenn nicht einer, der ihn von Grund auf kennt und ein – sehr gewichtiger Teil – dessen ist?
  Aber fragen wir doch einmal, worin die anstoßerregende Radikalität dieses Buches besteht. Daß Gräfin Dönhoff nach Gutsherrenart in der ZEIT schaltete und waltete und über den polnischen Papst als emporgekommenem Gesinde witzelte ist eine – auch noch nachträglich peinliche – Anekdote, wie sie die meisten Leser schätzen , die auch gerne wissen möchten: „Wie ist denn der Grass eigentlich so privat?“ Raddatz’ Buch bietet für solche Leserfreuden natürlich eine wahre Fundgrube, denn er ist den berühmten Namen nahezu körperlich auf den Leib gerückt, was man mit dem fahl gewordenen Begriff „Engagiertheit“ benennen könnte. Wer aber genauer hinschaut, stellt unschwer fest, daß dieses Buch weit mehr ist als eine Aneinanderreihung publikumswirksamer Anekdoten und schon gar keine Abrechnung oder späte Hinrichtung. Sein roter Faden ist vielmehr eine schon fast verzweifelte und verzweifelnde Anfrage nach der Menschlichkeit dieses Milieus. Da lädt Raddatz z.B. zum 60. Geburtstag seines Freundes Grass ein, und fast keiner der Schriftstellerkollegen kommt. „Sie können nicht mehr lieben, sie drehen sich um sich selber, können keine ‚Gabe’ mehr bringen, und sei die Gabe nur sie selber“, räsonniert er deshalb.
 Das also ist die eigentlich radikale Position dieses Buches und seines Autors: daß „die Moral bei allen ihre Grenze an der Brieftasche“ habe“, daß es diesen Funken einer ganz natürlichen Menschlichkeit kaum noch gibt, die grundlegender und lebenswichtiger ist als jede politische Utopie. Da wird die Witwe des so sehr als geistesverwandt erfahrenen Tucholsky zu einem Parzival, der sein Mitleiden mit dem leidenden Amfortas (Raddatz) nicht zum Ausdruck bringen kann; da wird die ZEIT-Redaktion zu einem Kühlhaus, in dem Herzlichkeit „verstört“, Temperament als eine „geistige Geschlechtskrankheit“ betrachtet wird. Wirft man solches unserer nur mehr ökonomisch orientierten Gesellschaft vor, so wäre dies – falls überhaupt noch wahrgenommen – Affront genug. Doch Raddatz’ Adressaten sind genau jene, die als Autoren, Verleger und Kritiker oder – um es im politischen Koordinatensystem auszudrücken – als Sozialisten, Sozialdemokraten oder irgendwie „Linke“ sich dem Humanum in unserer Gesellschaft geradezu verschrieben haben. Raddatz schreit ein Nein zu einem Humanismus heraus, der sich in Floskeln, in einer selbstgefälligen Haltung und im literarischen Geschäft erschöpft und dabei völlig übersieht, daß der Mitmensch einen Namen hat. Das muß keine Leisetreterei dort bedeuten, wo man sich kontrovers etwas sagen will. Gerade am Beispiel von Grass, dem Raddatz durchgehend eine tiefe Menschlichkeit bescheinigt, läßt sich ablesen, daß man auf diesem Fundament trefflich streiten kann, mehr noch, daß unter solchen Voraussetzungen der Streit auch im guten Sinne etwas bewegen, verändern kann.
  Was also soll daran so bösartig und abnorm sein? Immerhin soll Sokrates auch einmal bei hellem Sonnenlicht mit einer Lampe in den Straßen Athens unterwegs gewesen sein, um einen Menschen zu finden Und wenn, wie etwa bei Ledig-Rowohlt ans Licht gezerrt wird, was manche, vor allem die Betroffenen selbst. lieber verschwiegen sähen, dann ist das nicht billiger Voyerismus, sondern so etwas wie der Sturz falscher Götter, man könnte auch sagen: eine nicht ganz freiwillige Befreiung aus dem selbstgestrickten Mythos um die eigene Person.
  Raddatz hat den Finger in die Wunde der deutschen Intellektuellen gelegt. Das tut weh, aber billiger ist das bei Raddatz auch nicht zu haben, von dem man sich nicht vorstellen kann, daß er, ohne buchstäblich gegenwärtig zu sein, von oben herab oder aus der Distanz Kritik übt.
 Wie muß also dann die Anklage gegen ihn lauten? Raddatz, der Literaturversessene, nimmt Literatur und Literaten zu wenig wichtig, dafür aber viel zu ernst.
  Deshalb lohnt es sich auch, dieses Buch zu lesen!

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.