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Souad
Bei lebendigem Leib
(Brûlée vive, 2003)

Blanvalet
2004
Übersetzt von Anja Lazarowicz
€ 19,90 [D]


Von Christel Schweitzer am 15.03.2004

  Im vorliegenden Buch erzählt die anonyme Souad ihre Lebens- und Leidensgeschichte. Verfaßt und bearbeitet wurde das Werk von Marie-Thérèse Cuny. Es ist dies ein authentischer Bericht über Souads Leben im Westjordanland, den Anschlag auf ihr Leben – im Sinne des Ehrenmordes - und das Wunder ihrer Rettung.
 
  Souad ist ein einfaches Bauernmädchen, das mit ihren Eltern und zahlreichen Geschwistern im Westjordanland – heute israelisch besetztes Gebiet – lebt. Sie ist Analphabetin, zweitälteste Tochter und als Mädchen eingesperrt in einem zutiefst patriachalischen, muslimischen System, indem die Frau weniger zählt als die Kuh im Stall oder das Schaf auf der Weide. Ihr Leben ist von Kindesbeinen an geprägt vom Dienen, hart Arbeiten, Unterwerfen und schweigendem Erdulden, zB. wenn der Vater, der unumstrittene Herrscher der Familie, ihr die tägliche Trachtprügel versetzt. Wie im Mittelalter lebt sie, bar jedes Luxuses, ohne Zeitgefühl (Uhren tragen nur Männer – ihr bleibt Sonne und Mond), ohne die Möglichkeit sich weiter als bis zur Schafweide zu entfernen.
  Sie ist ihrer Familie ausgeliefert: nicht nur dem Vater, auch der, zwar duldsamen, aber sonst ebenso egoistisch um ihr eigenes Überleben bangenden Mutter (die eher ihre Tochter an das System opfert, als selbst unterzugehen), ihrem Bruder, dem „Prinzen und Klein-Pascha“, sowie ihrem Schwager. Sie bestimmen über ihr Leben und Überleben in dem kleinen Dorf, dessen Sitten und Gebräuche von Männern gemacht, von Männern administriert und exekutiert werden.
  Exekutiert im wahrsten Sinne des Wortes: denn wird über ein weibliches Wesen im Dorf gesprochen – egal ob Gerücht, dummes Geschwätz oder Wahrheit – sie hätte zB. nicht sittsam den Blick gesenkt, sich womöglich nicht respektvoll und demütig verhalten, ein Stück Arm oder Bein entblößt, oder sei sogar bei einem Stelldichein mit einem Mann erwischt worden, fällt der Familienrat, d.h. die Männer des Hauses, ein Urteil über die Frau. Dieses Urteil, je nach Grad der empfundenen Ehrverletzung der Familie, kann von Prügel bis Ermordung (dem Ehrenmord) reichen. In einer Gesellschaft, in der Töchter gleich nach der Geburt von ihren Müttern wegen Wertlosigkeit erstickt werden, Töchter und Ehefrauen (weil „unnütz“ oder lästig) einfach ungestraft beseitigt werden können, ist man nur mehr baff erstaunt. Und vom Dorf werden diese Urteile nicht nur geduldet, sondern auch erwartet! Solidarität zwischen den Frauen, Hilfestellung oder sogar Freundschaft gibt es nicht in diesem System, wo jedes Mädchen sich selbst die Nächste ist. Die blanke Panik und Angst unter Kontrolle zu halten und zu funktionieren, garantieren das nackte Überleben.
 
  Souad ist ca. 17 Jahre alt, als sie, den falschen Versprechungen eines Nachbarn glaubend, sich heimlich mit ihm trifft und völlig unaufgeklärt, von ihm schwängern läßt. Sie hofft verzweifelt, daß er sie bald heiraten und aus der Versklavung ihres Vaters befreien würde. Letzendlich aber nur um in die Versklavung ihres Mannes zu geraten?! Der Vater des Kindes, anstatt um ihre Hand anzuhalten, flüchtet feige aus dem Dorf, aus Angst, Unannehmlichkeiten mit Souads Vater zu bekommen. Er weiß, daß dies das Todesurteil für Souad und sein Kind bedeutet. Nun steht sie, völlig gelähmt vor Angst, alleine da und weiß, daß es in ihrer Situation kein Entrinnen gibt. Die Familie bemerkt ihre Schwangerschaft und verhängt – um sich vor den Dorfbewohnern von der Schande reinzuwaschen (und nicht aus dem Dorf vertrieben zu werden) – das Todesurteil, Tod durch Verbrennen. Vollstreckt wird es von ihrem eigenen Schwager!!
  Sie stirbt zwar nicht in den Flammen, weil sie im Schock auf die Straße flüchtet, wo zwei Dorffrauen das Feuer löschen, wird aber im Krankenhaus sich selbst überlassen; das System hat sie fallengelassen. Als sie schon nur mehr den Tod herbeisehnt, kommt Rettung durch Jaqueline von der Hilfsorganisation Terre des Hommes (Kooperation mit dem CICR). Sie ist es, die Souad und ihr, um zwei Monate zu früh, aber gesund geborenes Baby, nach Lausanne mitnimmt...-
 
  Dieser Bericht besticht trotz, oder vielleicht sogar wegen seiner restringierten, schlichten Wortwahl. Der erzählerische Stil schlägt sich auch in der Syntax nieder: einfache, kurze, manchmal sich im Inhalt wiederholende, Hauptsätze. Dies verstärkt die Plastizität und Echtheit der Lebens- und Leidensgeschichte. Aufrührend ist das Buch, Beklemmung macht sich breit, und fast ein wenig beschämend, wirkt es sich auf den emotionalisierten Leser aus: über welch Nichtigkeiten wir Männer und Frauen des „Abendlandes“ streiten und uns erregen?! Ein paar Flugstunden entfernt, dort in manch unwegsamen Tälern des Nahen Ostens steht Folter, Demütigung, Vergewaltigung und Versklavung der Mädchen und Frauen an der „normalen“ Tagesordnung! Während der Lektüre schwankt man zwischen ohnmächtiger Wut, Ekel und Mitleid, letzteres ist eine Reaktion, die Souad sicher nicht erregen will.
  Das Buch ist ein Plädoyer, es will aufrütteln, Zeugnis ablegen und der Weltöffentlichkeit die Augen öffnen, in der Hoffnung, die unzähligen Opfer, die nicht das „Glück“ hatten geretten zu werden, nicht der Vergessenheit anheim fallen zu lassen und vielleicht das eine oder andere Frauenleben vor solch einem Schicksal zu bewahren.
 
  Zitat Jaqueline von der Hilfsorganisation Terre des Hommes: “ Man nimmt an, daß es pro Jahr über 6.000 Fälle von Ehrenmord gibt (im Jahre 2004), zu dieser Zahl kommen aber noch all die Selbstmorde, Unfälle usw. die nicht mitgerechnet sind... In Jordanien ...gibt es, wie in vielen anderen Ländern auch, ein Gesetz, das besagt: Jeder Mord ist ein Verbrechen gegen das allgemeine Recht und mit mehreren Jahren Gefängnis zu bestrafen. Dann ist da aber noch ein winziger Artikel, der das Gesetz relativiert: wird das Verbrechen im Namen der Ehre begangen, soll der Richter Mitleid mit dem Mörder haben...Einer unserer Kämpfe besteht darin, diesen Zusatz aufheben zu lassen...Das Oberhaus im jordanischen Parlament hat unseren Antrag akzeptiert, das Unterhaus hat ihn abgelehnt. Im Unterhaus sitzen vor allem Beduinen, die fest in ihren mittelalterlichen Traditionen verankert sind...“

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