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Herausgegeben von der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe und dem Badischen Landesmuseum Karlsruhe
„Uns ist in alten Mären...“
Das Nibelungenlied und seine Welt

Primus
2003
240 Seiten
€ 29,90


Von Richard Niedermeier am 11.02.2003

  Von Ausstellungskatalogen verlangt man heute, daß sie mehr sind als nur photographische Wiedergaben und Kurzbeschreibungen der Ausstellungsobjekte. Ein Katalog soll auch in das Thema der Ausstellung einführen, einen Wissenshorizont des Vorgestellten schaffen, der es den Besuchern ermöglicht, nicht als bloß passivc Betrachter eine solche Veranstaltung gleichsam zu „erleiden“, sondern jene Momente der Aktivität und des Bewußtseins miteinzubringen, die erst Rezeption in einem umfassenderen Sinn ermöglichen.
  Ein hervorragendes Beispiel für dieses neue Katalog-Konzept bietet der Begleitkatalog zur Ausstellung „Uns ist in alten Mären ... Das Nibelungenlied und seine Welt“ im Badischen Landesmuseum, die im Schloss von Karlsruhe noch bis zum 14. März dieses Jahres gezeigt wird. Seine Qualität macht den Katalog aber auch für jene interessant, die keine Gelegenheit haben, die dort erstmals gemeinsam ausgestellten drei Haupthandschriften des Nibelungenliedes (die Handschrift A aus der Staatsbibliothek in München, B aus der Stiftsbibliothek St. Gallen und C aus der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe) selbst in Augenschein zu nehmen.
  Vorangestellt sind dem eigentlichen Katalogteil vier Aufsätze, die sich sowohl mit den geschichtlichen, kunstgeschichtlichen und literaturwissenschaftlichen Aspekten des Nibelungenliedes befassen. Zuerst informiert Lothar Voetz („Daz ist der Nibelunge liet“) über die Geschichte der drei Haupthandschriften und die Funktion der an das „Lied“ angefügten „Klage“, in der eine Art Kommentar oder Interpretation des Textes dem ursprünglichen Leser mitgeliefert wurde. Bereits hier wird deutlich, unter welcher Spannung diese Sage steht: Weit davon entfernt eine germanische Heldensage zu sein, greift der Dichter des Nibelungenliedes einen weit zurückliegenden Stoff aus der Zeit der Völkerwanderung auf und transponiert ihn in seine Gegenwart, also in die Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert.
  Gerade diese – immer auch mit Brüchen verbundene - Komplexität aber gewährt der Forschung auch ungeahnte Chancen; lassen sich doch Motive der Darstellung leichter herausarbeiten. So ist die Anonymität des Nibelungenliedes wenigstens teilweise aufgehoben: Alle am Katalog beteiligten Historiker gehen davon aus, daß es ca. 1200 am Bischofshof des Passauer Bischofs Wolfgang /Wolfger von Erlau entstanden ist.
  Joachim Heinzle („Von der Sage zum Epos“) zeichnet den langen Weg von ursprünglichen Sagenmotiven (Untergang der Burgunder, Siegfriedsage, Tod des Attila) zum Epos nach. Aauf diesem Gebiet hat die Literaturwissenschaft in den letzten Jahrzehnten sehr bedeutsame Fortschritte gemacht, die Heinzle in einer sehr verständlichen Weise referiert. Dies gilt vor allem für das heiße Thema der Historizität von Sagen und Epen. Heinzle leugnet die Historizität keineswegs, macht aber deutlich, daß die Dichter von Sagen und Epen ein anderes Verständnis von Geschichte haben als wir heute. Da wird Historie auf menschliche Affekte und Konflikte zurückgeführt, und es werden traditionelle Erzählschemata und Erzählmotive verwendet. Wer Geschichte so darstellt, will sie nicht einfach erzählen oder rational verstehen; er will sie vielmehr in ihren oft sehr tiefgründigen Ängste verursachenden Auswirkungen bewältigen.
  Daß die Gewalt dieser Ängste nicht allein aus den längst vergangenen Fakten selbst herrührt, sondern immer auch eine gewisse Sensibilität in der Gegenwart voraussetzt, hebt Hansmartin Schwarzmaier in seinem Beitrag „Politik, Wirtschaft und Gesellschaft um 1200“ hervor. Das Scheitern staufischer Politik spätestens mit dem Tod Kaiser Friedrich Barbarossas, der in Deutschland viel zu spät und nur ungenügend begriffene Umbruch zu einer neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung vor allem in den Städten Italiens und das Mißlingen der Kreuzzüge gaben den Nährboden ab für Endzeiterwartungen. Gottes helfende Hand in der Weltgeschichte war fragwürdig geworden. Wie weit dieser historische Befund über das bloße Angstmotiv hinaus das Interesse am Nibelungenstoff begründen kann, läßt Schwarzmaier jedoch offen.
  Wenn im vierten Aufsatz („’Nibelungenlied’ und Kunstgeschichte“) Joachim Krüger das Epos an die Spätromanik der Stauferzeit zurückbindet, tritt die Eigenart der Sichtweise des Dichters ans Licht: Die damals klimatisch begünstigte Verbreiterung der Fenster in den Herrschaftsgebäuden einer Burg etwa ist für Krüger ein Indiz, daß sich auch das geistige Gesichtsfeld der Menschen – noch vor dem Aufkommen der Landschaftsmalerei – geweitet hat. Das Nibelungenlied zeigt davon jedoch nichts, ist auch sehr sparsam in der Schilderung von Details. Aber in einem anderen Punkt ist das Nibelungenlied auch unter kunstgeschichtlichem Aspekt auf der Höhe seiner Zeit: Es entspricht der Prägung der Spätromanik durch die Memoria-Idee, die gerade auch in der Kunst Rückgriffe auf frühere Epochen provozierte.
  Auch in dem zweiten, dem eigentlichen Katalogteil leiten kurze thematische Abhandlungen die photographisch hervorragend wiedergegebenen Ausstellungsobjekte ein. Über den tragischen Zusammenstoß der „Burgunden und Hunnen“ kann man hier lesen, über „Rittertum“, „Kampf und Krieg“ oder über „Musik im Umfeld des Fürstenhofes“ – um nur weniges davon auszuwählen. Der Bogen reicht bis hin zur Rezeption der Nibelungensage in der Kunst der Neuzeit und der Gegenwart.
  Das Fazit: Wir leben mehr aus diesen Überlieferungen, als uns gemeinhin bewußt ist. Deshalb ist sowohl der Ausstellung wie diesem Buch eine große Resonanz zu wünschen,

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