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Rainer Würth
Kotuku

Drey-Verlag
110 Seiten
€ 14,-


Von Susanne Graf am 10.02.2004

  „Kotuku“ wird nicht einfach gelesen. „Kotuku“ passiert. Die 110 Seiten rasen am Leser vorbei, so klar und so direkt, wie ein Film. Schnörkellos. Kein unnötiges Drumherum.
 
  Nach seinem literarischen Debüt, dem Gedichtband „Flussaufwärts“, hat der Pforzheimer Autor Rainer Würth eine Erzählung vorgelegt, die in Schreibe und Umfang eher an ein Drehbuch erinnert, als an einen Roman. Wie mit einer Kamera verfolgt der Autor seine Figuren. Eben das ist das Besondere: Irgendwie banal und doch so lyrisch bildhaft entwirft Würth ein Szenario, das auf der anderen Seite der Erde angesiedelt ist. Und doch könnte der Leser selbst eine der Hauptfiguren sein.
  Aber wer oder was ist „Kotuku“, und um was geht es eigentlich? „Kotuku“ ist ein fiktiver Ort irgendwo in Neuseeland. Es gehst um das Leben. Es geht um Geburt und Tod, um Liebe und Sex, um Suchen und Finden, ums Reisen und darum, irgendwann irgendwo anzukommen. Das Leben als Roadmovie. Kompakt, komprimiert, beschränkt auf das Wesentliche: Die Jagd nach Liebe, nach Träumen, nach Abenteuer. Die Sehnsucht nach Ruhe und Klarheit in einer verworrenen und zum Teil auch surrealen Welt.
  Würths Protagonisten sind unterwegs in Neuseeland. Ihre Wege kreuzen sich – zufällig. Doch ihre Schicksale sind miteinander verwoben. Da ist zum Beispiel die schöne Stripperin Emily, die einen Job mitten im neuseeländischen Dschungel annimmt. Oder der traumatisierte Jonathan, der als Teilnehmer eines Survivaltrainings Emilys Auftritt zusieht, und fortan nur noch ein Ziel hat: Emily wieder zu sehen. Der frustrierte Polizist Raymond ist mit dem Rucksack unterwegs, um vom Alltag auszuspannen. Und auch der ruppige Greg träumt im Suff nur noch von einer Frau: Von Emily.
  Parallel verfolgen wir die Protagonisten auf ihrem jeweiligen Weg. Wir stehen mit Emily auf der Bühne, wir fahren mit Raymond per Anhalter, wir kriechen mit Jonathan durch den Dschungel, wir saufen uns mit Greg das Gehirn weg.
  Bei einem minimalen Umfang von 104 Seiten ist es nur natürlich, dass Würth keinen Platz hat, aus den Figuren echte Charaktere zu entwickeln. Es bleibt bei grob umrissenen Typen. Plakativ - mag man denken. Aber das Plakative gehört zu diesem Buch, das mit Urinstinkten und Klischees spielt, das lakonisch und lustvoll scheinbar nebensächliche Details ins Auge fasst, und nicht nur das große Ganze im Sinn hat.
  Das Große Ganze ergibt sich ganz von selbst. Ein Puzzle setzt sich zusammen aus den Figuren und aus den Wegen, die sie beschreiten. Kein kriminalistisches Puzzle, keine weltbewegende Weisheit steckt dahinter. Schlicht der Zusammenhang jedes einzelnen mit seiner eigenen Welt kristallisiert sich da heraus, und die banalen Kleinigkeiten, die das Leben so interessant machen. Nichts ist überflüssig in diesem Buch.
  Zu banal? Nur eine dumme Montage von Hollywood-Klischees? Das kommt auf die Erwartungshaltung des Lesers an. Denn „Kotuku“ macht einfach Spaß: Die bösen augenzwinkernden Running-Gags über schwedische Touristinnen, Opossums und Pseudo-Buddhisten. Auf 110 Seiten bekommen wir eben keine epischen Ausschweifungen und tief schürfende Analysen geboten. Aber wir bekommen viel Raum, um aus den knappen Beschreibungen eine dichte Atmosphäre zu spinnen, denn hier entstehen nicht nur die Bilder im Kopf, sondern auch die Geräusche, die Gefühle, die Gerüche.
  Die lyrischen, direkten und bildhaften Beschreibungen von einem Himmel, der „unglaublich blau“ ist, „den Wolkenresten, die „in langen dünnen Schlieren“ vom Mond herabhängen, der mit Herzchen um sich werfende Chinese - all das ist so erfrischend und echt, dass man am Ende das Buch zuklappt, und erst langsam wieder auf diese Seite der Weltkugel zurückkehrt.

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