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Stefan Slupetzky
Der Fall des Lemming
Lemmings erster Fall
(2001)

Rowohlt
2004
254 Seiten
ISBN-13: 978-3-499-23978-6
€ 12,- [D]


Von Alfred Ohswald am 05.02.2004

  Nach einem unschönen Abgang bei der wiener Polizei beginnt Leopold Wallisch, genannt „Lemming“, bei einer Detektivagentur zu arbeiten. Bei einer vermeintlich harmlosen Überwachung eines angeblich untreuen Ehemanns wird der von ihm beschattete pensionierte Lateinlehrer Grinzinger ermordet als er ihn auf einem Waldweg kurz aus den Augen verliert. Die von einem unbekannten bereits herbeigerufene Polizei hält ihn zuerst für den Mörder, was sich jedoch bald als Irrtum herausstellt.
  Als sich Wallisch weigert, den Fall weiterzuverfolgen, wird er in der Detektivagentur gekündigt und von einem ehemaligen, ihm nicht gerade freundlich gesonnenen Ex-Kollegen schikaniert. Trotzdem bleibt er hartnäckig.
  Der Ex-Lehrer stellt sich schon bald als ziemlicher Tyrann heraus und es gab auch einen tragischen Zwischenfall in der Vergangenheit, wo zwei Schüler Selbstmord begingen, die er oft traktiert hatte. Damit hat Wallisch eine Spur, doch die damaligen Schüler lassen sich nicht so leicht auffinden und die Polizei verfolgt natürlich auch diese Spur.
 
  Ein sehr gelungener Krimi mit sehr viel wiener Lokalkolorit. Sowohl die Sprache als auch die Stimmung und die Örtlichkeiten sind ganz hervorragend beschrieben und als Zugabe gibt es manchmal eingestreut, aber nie aufdringlich etwas geschichtlichen Hintergrund. Gerade genug, um Appetit auf Wien zu machen und nicht oberlehrerhaft zu wirken. Am besten ist allerdings die Umgangssprache bei den Dialogen gelungen, noch selten ist in Romanen so lebensnah das typisch wienerische Schimpfvokabular beschrieben worden, ohne gleich in Richtung „Mundl“ (österreichische Fernsehserie mit einer Hauptfigur mit der typischen Sprache des wiener Proletariats) abzudriften.
  Bei all diesen Nebeneffekten bleibt aber immer noch in erster Linie die komplexe aber nicht zu sehr verwirrende Krimihandlung im Vordergrund. Die Leser können, bei allen üblichen Verwirrspielen, der Handlung immer folgen.
  Stefan Slupetzky wird mit diesem Krimi manchmal als Nachfolger von Wolf Haas gehandelt, was aber nicht wirklich zutrifft. Weder ist sein Schreibstil vergleichbar, er schreibt konventioneller als Haas mit seiner wirklich ungewöhnlichen Erzählweise, und auch der Humor spielt bei ihm eine weniger deutliche Rolle, kommt seltener und weniger vordergründig vor. Trotzdem oder gerade deshalb ist Slupetzkys „Lemming“ die erfreulichste österreichische Krimientdeckung seit Haas und Komarek.

Von Christel Schweitzer am 17.03.2010

  „Der Lemming heißt ja gar nicht Lemming, er heißt Wallisch, Leopold Wallisch. Bei einem Einsatz hinter dem Westbahnhof ist es gewesen, da hat er sich, ohne die Waffe zu ziehen, dem Wagen eines Flüchtigen in den Weg gestellt…Krotznig war es, der gefeuert hat. …Und am nächsten Tag hat Kollege Adolf Krotznig den Kollegen Leopold Wallisch vor versammelter Mannschaft „woamer Lemming“ genannt. Der Lemming haftet ihm seither an, nur der Lemming, glücklicherweise.“ (Seite 17)
  Lemminge sind Nagetiere, die im hohen Norden leben. Früher glaubte man, Lemminge wanderten in riesigen Massen zum Meer, um sich darin umzubringen. Inzwischen haben Forscher herausgefunden, daß dies so nicht stimmt.
  Die Bezeichnung „Lemming“ für einen feigen, rückratlosen Mitläufer hat ihren Ursprung in der oben beschriebenen, vermeintlichen und äußerst defätistisch anmutenden Verhaltensweise der Nager. Der „Lemming“ ist ein Mitmensch, der sich blind dem Willen der Masse unterordnet, dabei nicht willig oder fähig ist zu erkennen, daß dieser Kadavergehorsam für ihn selbst negative, ja fatale Folgen zeitigen kann. Und, daß die Masse ihn nur solange beschützt, bis sie selbst untergeht.
  Ist nun Leopold Wallisch tatsächlich ein Lemming?
  Es ist Abend, Dienstschluß. Leopold Wallisch alias Lemming und sein Vorgesetzter, Gruppeninspektor Adolf Krotznig (…man lasse das „r“ zufällig weg…und dazu der passende Vorname…ein wenig plump, Herr Autor, meinen Sie nicht?!) begeben sich per Taxi in ihr Stammlokal. Krotznig zeigt offen, was er von Ausländern hält, indem er den afrikanischen Taxifahrer mit sadistischer Freude demütigt und beschimpft. Krotznig treibt dies so weit, daß sie allesamt nur knapp einem Verkehrsunfall entgehen. Anstatt aber Krotznig Einhalt zu gebieten, leidet der Lemming still und schweigt. Aus Feigheit versucht er sogar entschuldigende Gründe für Krotznigs widerwärtiges Verhalten zu finden. Es ist dies als Geste der Ohnmacht zu verstehen, als der Lemming beim Aussteigen 200 Schilling am Beifahrersitz liegen läßt. Den Taxifahrer zu verteidigen, das hat er nicht geschafft, sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, scheint ihm wenigstens gelungen zu sein.
  Leopold Wallisch beweist sich als Lemming!
  Erst durch den Alkohol enthemmt, gelingt es dem Lemming seine Wut und seinen Ekel über Menschen wie Krotznig herauszuschreien. Daß er seine humanistische Meinung allerdings lautstark und nackt um 1:30 Uhr in der Nacht verkündet, kostet ihm seine Dienstmarke, sehr zur Genugtuung von Gruppeninspektor Krotznig. Der Lemming hat aufgehört Polizist zu sein, und da er sonst nichts gelernt hat, bleibt ihm nur die Arbeit für eine Detektei.
  Seine Freude über den nächsten Arbeitsauftrag hält sich in Grenzen, denn es ist ein gelbes Kuvert, was so viel wie „Ehescheidungsangelegenheiten“ bedeutet. Sein Auftrag lautet Herrn Dr. Friedrich Grinzinger, pensionierter Lehrer für Latein und Geschichte am Döblinger Gymnasium, zu beschatten, um herauszufinden, ob dieser auf ehelichen Abwegen lustwandelt. Sein erster Weg führt ihn auf den Kahlenberg. Und just bei der ersten Verfolgung muß sich der Lemming schon fragen, ob er sich bei der Beschattung wirklich so tölpelhaft angestellt hat, als ihm der Lehrer über den Kellner ausrichten läßt, er habe ihn auf den Kaffee in der Josefinenhütte, einem Ausflugslokal, eingeladen.
  Als Herr Dr. Grinzinger in den Wienerwald aufbricht, scheint er sich fast zu vergewissern, ob ihm sein „unsichtbarer“ Freund auch wirklich folgt. Grinzinger geht irgendeiner Verrichtung am Waldboden nach, welche, das will der Lemming nicht so genau wissen, glaubt er doch…, doch dann stakst Grinzinger Richtung Klosterneuburg davon. Und der Lemming findet ein Päckchen an jener Stelle liegen, auf der Grinzinger vorher gehockt ist. Als der Lemming sich umblickt, ist Herr Dr. Grinzinger verschwunden und er hört nur ein Piepsen, wie das Geräusch eines Weckers. Der Lemming hört auch in der Nähe die erregte Stimme eines Mannes, doch als er Grinzinger wiederfindet, liegt dieser bäuchlings im Frühlingsgras des Wienerwaldes und hört ebenselbem beim Wachsen zu – tot.
  Der Lemming hat geistesgegenwärtig noch die Leiche des Lehrers durchsucht, Visitenkarten und jenes Päckchen an sich genommen, bevor ihn die Polizei stellt, die Polizei, die er nicht gerufen hat. Fast wäre er Krotznig zum zweiten Mal ins Netz gegangen, hülfe ihm da nicht der Forensiker Dr. Bernatzky aus der Patsche (er kann Krotznig nämlich ebenfalls überhaupt nicht leiden) und erklärt, daß nur, weil der Lemming zufällig beim Opfer aufzufinden war, ihn dies deshalb noch nicht zu einem Verdächtigen macht. Nachdem der Lemming seine Aussage gemacht hat, möchte nur gerne wissen, warum die Polizei so schnell kommen konnte, da hört er, daß Grinzinger die Polizei noch selbst per Handy an den Tatort zitiert hat.
  Und so nimmt die Aufklärung des Mordfalles ihren Lauf…
  Daß der Lemming zwar von der Detektei vom Fall abgezogen wird und Krotznig es ihm untersagt auf eigene Faust zu ermitteln und daß die Anhaltspunkte anfangs mysteriös und wirr sind, kann den Lemming nicht von seinem Plan abbringen, aufzuklären, in was für eine Sache er, der Lemming, da hineingeraten ist.
  Wenn das Hauptgericht das Genre Krimi ist, so ist das Gewürz der schwarze Humor und der satirische Witz mit dem Slupetzky seiner Geschichte Geschmack verleiht. Die Erzählperspektive ist die des epischen Erzählers, wobei man durchaus oft das Gefühl hat in die Gedankenwelt des Leopold Wallisch einzutauchen, da scheinen sich dann die Grenzen zwischen epischer Erzählperspektive und „Ich-Erzählung“ zu verwischen.
  Der Roman ist in 25 Kapitel unterteilt, die allesamt dazu dienen, dem Lauf der Geschichte kleine Zäsuren beizubringen. Der Ablauf der Erzählung wird selten komplett unterbrochen – durch Rückblenden etwa – sondern folgt seinem Plot. Der Wechsel der Kapitel ergibt somit einen Wechsel der Szenerie (Zeit, Ort) und erzeugt Dynamik für den Erzählmoment.
 Anders verhält es sich mit den Kapiteln 9, 11, 14 und 17, diese fügen sich nicht harmonisch ins Gesamtbild. Im Gegenteil, wirken sie auch sprachlich entfremdet, zu prosaisch. So als hätte sie der Autor aus einer anderen Geschichte entliehen. Und eigentlich stammen sie auch aus einer ganz anderen Geschichte…
  Das Stilmittel Sprache setzt Slupetzky ganz bewußt ein, indem er seinen Charakteren den Wiener Dialekt/Slang in den Mund legt, die Handlung aber in Hochdeutsch beläßt – kleine Ausflüge ins Wiener Idiom sind aber auch hier vorhanden, siehe Seite 254. Trotzallem, ist dieser Roman sowohl für Nicht-Wiener, wie für Nicht-Österreicher zu verstehen.
 Der Wiener Schmäh, die Sprache reich an Metaphern, ist meist fein verarbeitet:
  „…ich weiß net, ob Sie’s verstehen werden, aber es hat was mit mangelnder Viskosität zu tun, also gleichsam dem spezifischen Aggregatzustand von Fluida. Ich versuch’s einmal, in Ihre Sprach‘ zu übersetzen: Wissen S‘, Krotznig, Blut ist ein ganz besondere Saft, und es ist …flüssig. Und wenn’s flüssig is, dann spritzt’s. Und wenn’s spritzt, dann spritzt’s nicht grad links und rechts am Mörder vorbei…“ (Seite 33)
  Weniger zimperlich, aber dafür dem Volke auf’s Maul geschaut, geht’s aber auch:
  „…Schwuchtelhütte. Der Gonda war a Bochener, also homo…“ (Seite 121)
  Der Lemming selbst zählt eher zu der stummen Gattung all jener, die lieber gedankenschwer das Weltenchaos beobachten, als sich lärmend darin zu beteiligen.
  Dieser Clint Eastwood unter den Schwätzern ist ein Protagonist wider Willen. Er, der am liebsten mit dem Strom der Masse schwimmen möchte, soll nun plötzlich die Leitfigur dieses Romans werden.
  Anfangs erkennt man den Lemming noch als den ewigen Verlierer, als den, der nichts auf die Reihe bekommt, als den, der von seiner Ohnmacht im Würgegriff gehalten wird. Das erste Aufbegehren gegen das System, und damit auch gegen den Polizeiapparat markiert wohl die einleitend geschilderte Szene (im Taxi mit Krotznig und dem afrikanischen Taxifahrer), als der Lemming folglich durch sein unbotmäßiges Verhalten seine Dienstmarke verliert. Er hat sich getraut zu seiner Meinung zu stehen, ist aus der Marschkolonne der Lemminge ausgebrochen.
  Der Prozeß der Emanzipation findet zeitgleich mit der Aufklärung des Mordes statt. War am Anfang noch Ohnmacht und Wut, folgen dann Neugier, ja sogar Hoffnung.
  „Natürlich ändert sich alles. Natürlich. Man muss es nur zulassen, hinnehmen, muss nur dem Kreislauf entrinnen. Am Anfang steht die Ohnmacht, unerkannt. Sie ist es, die die Neugier zeugt, und mit ihr die Hoffnung. Täuschung und Hochmut folgen auf dem Fuße. Und dann die Erkenntnis unumstößlich und ernüchternd. Man beißt in den Apel und weiß im selben Moment, warum er verboten war: Er schmeckt unendlich bitter. Am Schluss ist man so ohnmächtig wie zu Beginn, nur ist man sich dessen bewusst. Das und nichts anderes ist der eigentliche Schaden. Nie wird man es nicht wissen. Es ist nicht mehr zu ändern. Nach allem steigt der Zorn auf, die hilflose Wut, steigt auf, um das Bewusstsein zu betäuben, um der Erkenntnis ihre scharfen Zähne auszuschlagen. Sie kämpfen bis aufs Blut, sie zerfleischen einander und nähren und stärken einander zugleich. Sie sind ein unzertrennliches, hässliches Paar, der Zorn und die unerträgliche Ohnmacht.“ (Seite 180 – 181)
  Meine Meinung über den ersten Slupetzky Roman: ich glaube, daß uns Leopold Wallisch alias „der Lemming“ deshalb so sympathisch ist, weil auch wir oft genug das übergeworfene Nagetierkostüm als zu eng empfinden.

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