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Dimitré Dinev
Engelszungen

Deuticke
2003
599 Seiten
€ 24,90 [D]


Von Alfred Ohswald am 28.01.2004

  Das Grab des bulgarischen Exgangsters Miro liegt in bester Lage auf dem Wiener Zentralfriedhof und ist mit einem Engel mit einem Handy geschmückt. Um dieses Grab hat sich eine Legende unter den Zuwanderern in Wien gebildet, jedem Ausländer in Not soll geholfen werden, wenn er Miro an dessen Grab darum bittet.
  Die beiden Bulgaren Svetljo und Iskren befinden sich, unabhängig voneinander, in Not. Jeder hat sein letztes Geld in einem Spielcasino im Prater verspielt und von einem polnischen Angestellten dort den Rat erhalten, sich an Miro zu wenden.
  Beide stammen aus der gleichen Stadt in Bulgarien und die Schicksale ihrer beiden Familien kreuzten sich schon einige Male, ohne dass sie davon etwas wissen. Iskrens Vater war ein hoher Parteifunktionär und Svetljos Vater Milizangehöriger und Spezialist für Verhöre und beide Familien sind zerbrochen. Beide wuchsen im streng sowjetgläubigen Kommunismus des Todor Shivkov mit all seinen Schrecken und Absurditäten auf.
 
  Dimitré Dinev erzählt in seinem ersten Roman zwei Familiensagas aus Bulgarien, die mit den Helden schließlich zu Emigrantenschicksalen werden. Dieses Thema, das er schon in seinem Erzählband "Die Inschrift" behandelte, ist Dimitré Dinev vertraut, musste er sich doch auch selbst mit allen möglichen und unmöglichen Arbeiten durchschlagen, seit er 1990 nach Österreich kam.
  In „Engelszungen“ kann er tief in die bulgarische Vergangenheit der Familien seiner Helden eintauchen. Es beginnt mit der Zeit des 1. Weltkrieges, der Hauptteil spielt aber seit der Zeit der Machtergreifung der Kommunisten. Das Leben ihrer Väter spielt eine genauso große Rolle im Buch, wie das von Svetljo und Iskren.
  Und Dimitré Dinev nutzt den Platz, keine der 600 Seiten ist zu viel für seine unbezähmbare Fabulierlust. Es sind Menschenschicksale in ihrer ganzen Verrücktheit mit einer Mischung aus schwermütiger Gutmütigkeit und feiner Ironie beschrieben. Und Einfälle für wunderliche, skurrile Ereignisse hatte Dimitré Dinev hier im Überfluss. Aber die werden noch von seinem Talent für passende und ironische, aber nie vordergründig witzige Formulierungen überboten.
  Ein derartig unterhaltsamer, kurzweiliger und kluger Roman ist nicht alltäglich, erst recht nicht im deutschsprachigen Raum. John Irving oder T. C. Boyle in Höchstform sind nicht besser als dieser noch weitgehend unbekannte Bulgare, der in deutscher Sprache schreibt.

Von Sandra Bittmann am 22.04.2004

  Zwei Einwanderer mit Namen Svetljo und Iskren, die dem gleichen Land (Bulgarien) den Rücken gekehrt haben und nun mit dem selben Problem zu kämpfen haben: Nämlich sich ohne Geld in Wien wiederzufinden. Und beiden bleibt nur eine Hoffnung, ein Serbe namens Miro. Der einzige Haken dabei ist, dass dieser nicht mehr unter den Lebenden weilt und bereits seit Jahren am Zentralfriedhof begraben liegt. Und welche Hilfe können die beiden überhaupt von diesem „Engel der Einwanderer“ erhoffen?!
  Vor Miros Grab werden zwei verschiedene, aber um viele Ecken miteinander verknüpfte, Familiengeschichten erzählt: Jene der Familien Apostolov und Mladenov. Beide Erzählungen beginnen mit der Generation der Großeltern und schließen mit der derzeitigen Situation Svetljos und Iskrens.
  Svetljo ist der Enkelsohn eines fälschlicherweise umjubelten „Partisanen“ und der Tochter eines orthodoxen Popen. Sein Vater ist ein einfacher und anscheinend, auch was seine geistigen Kapazitäten anbelangt, bescheidener Mann, der aufgrund seiner Unfähigkeit Gedanken sprachlich Ausdruck zu verleihen, umso engagierter als Folterknecht des kommunistischen Regimes potenzielle Feinde zum Sprechen bringt. An dieser mangelnden Ausdrucksfähigkeit wird auch die Ehe der Apostolovs schließlich zerbrechen. Svetljo selbst ist zunächst ruhig und zurückhaltend, da ihm die fehlende Anerkennung durch den Vater zu schaffen macht. Er wird jedoch im Laufe der Erzählung zu einem unabhängigen Mann heranwachsen, der die Schuld des Vaters aber beständig mit sich trägt und schließlich Bulgarien verlässt.
  Iskren ist der Sohn Mladen Mladenovs, der in der kommunistischen Partei eine Führungsposition innehat. Ein besonders enges Verhältnis besitzt der Junge jedoch zu seiner Großmutter Sdravka, die es nie müde wird mit den Toten zu reden. Sie wird zur wahren Bezugsperson, da Iskrens Vater nach Verlust seiner großen Liebe in jungen Jahren zu einem nach außen harten Mann geworden ist, der zudem mit dem Alkoholismus seiner Frau fertig zu werden sucht. Wahre Erfüllung hat Mladen jedoch nur in den Armen einer Prostituierten gefunden, zu der ihm von der Partei aber jeglicher Kontakt untersagt wird. Gebrochenen Herzens und seinem Sohn entfremdet stirbt er schließlich an dem einzigen Ort, an dem er seinen Tränen immer freien Lauf lassen konnte: einer Zugtoilette. Iskren ist unterdessen zu einem geschäftstüchtigen und draufgängerischen jungen Mann geworden, der äußerlich hart, im Inneren aber immer auf der Suche nach Liebe ist. Auch er wird das Land Richtung Österreich verlassen.
  Vor dem Grab Miros kommt es gegen Ende des Buches zum Zusammentreffen von Svetljo und Iskren. Und beide erkennen, dass ein Engel irdische Probleme wohl nicht zu lösen vermag. Oder etwa doch?
  So ähnlich und miteinander verbunden ihre Schicksale zu sein scheinen, so verschieden sind schließlich die von ihnen eingeschlagenen Wege auf der Suche nach Glück. Mehr sei hier nicht verraten...
 
  Dimitré Dinev hat hier nicht nur zwei Migrantenschicksale und Familiengeschichten erzählt, sondern schildert bei näherer Betrachtung auch zwei äußerst schwierige Vater-Sohn-Verhältnisse. So sehr die beiden ihre Väter auch verachten mögen, sie sind ihnen ähnlicher als sie bemerken. Svetljo muss mit dem Erbe seines Vaters, nämlich der Sprachlosigkeit in Bezug auf Gefühle, ebenso leben lernen wie Iskren mit der Tatsache, dass er nach außen wohl ebenso hart geworden ist wie der Genosse Mladen Mladenov.
  Dinev hat zudem geschickt Verknüpfungspunkte zwischen den beiden Familien gefunden, die das Buch zu entdecken einlädt. Svetljos und Iskrens Geschichten sind seit ihrer Geburt unzertrennbar miteinander verbunden. Das Schicksal will es aber, dass sie sich erst am Wiener Zentralfriedhof tatsächlich begegnen.
  Dimitré Dinevs deutsches Romandebüt kann nur als sprachlich meisterhaft bezeichnet werden, denn selten gelingt es Autoren Metaphern derart treffsicher einzusetzen und so großartige Charakterbilder zu entwerfen. Der Titel „Engelszungen“ erklärt sich auf vielfältige Weise im Laufe des Romans. Es bleibt nur zu hoffen, dass uns die „Engelszunge“ Dimitré Dinevs auch in Zukunft solche Geschichten erzählen wird.

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