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Urs Widmer
Das Buch des Vaters

Diogenes
2004
209 Seiten
€ 19,90 [D]


Von Alfred Ohswald am 28.01.2004

  Nach „Der Geliebte der Mutter“, seinem letzten Buch, wendet sich der Schweizer Autor jetzt, wenig überraschend, dem Leben seines Vaters zu. Als eine Art Aufhänger dient dabei ein eigenartiger Brauch in dem Dorf, aus dem sein Vater stammt. Nicht nur, dass dort für jedes Neugeborene ein Sarg angefertigt wird, der dann vor dem Haus mit allen anderen sorgfältig aufstellt wird, es bekommt auch jeder bei einer Initiationsfeier bei Erreichung des 12 Geburtstages ein großes, leeres Buch, in das er über jeden Tag seines Lebens schreiben soll. Eine Art rituelles Tagebuch, das von seiner Familie, seinen Verwandten und Freunden erst nach seinem Tod gelesen werden darf und soll.
  Wie man erst ganz am Ende erfährt, lässt seine Frau Clara dieses Buch nach seinem Tod verschwinden. Weil darin nicht unbedingt nur Vorteilhaftes über sie zu finden wäre, wie der Leser vermuten darf. So beschließt der Sohn, Urs Widmer, dieses Buch noch mal anstelle des Vaters zu schreiben.
  Dieser Karl Widmer (warum ist auf dem Titelbild das Bild eines Walter Widmer zu finden?) ist ein von der Literatur begeisterter, liebenswerter Kauz. Im praktischen Leben, vor allem was die finanzielle Seite betrifft, aufgrund seiner Gutgläubigkeit nicht sonderlich geschickt, lebt er hauptsächlich für die Übersetzung von Büchern, die er liebt.
  Das etwas problematische Verhältnis zu seiner Frau Clara, die ihn offensichtlich betrogen hat, wird in dem Buch nur nebenbei gestreift, was nicht recht glaubwürdig ist. Selbst die biologische Vaterschaft an Urs Widmer erscheint zwischen den Zeilen etwas zweifelhaft. Weil Urs Widmer aber auch sonst meist nicht versucht, allzu sehr in die Gedanken seines Vaters vorzudringen und sich auf das unverschnörkelte Beschreiben seines Lebenswegs beschränkt, passt es insgesamt doch in den Grundtenor des Buches.
  Ein zentraler Lebensabschnitt seines Vaters ist die Vorkriegszeit und die Zeit während des 2. Weltkrieges selbst. Die Zeit, vor der Geburt des Autors und während seiner Kindheit. Wobei er selbst sehr deutlich nur eine Nebenrolle spielt. Die Wirtschaftskrise der 30er und die Bedrohung durch Hitler in den 40er-Jahren sorgen für das besondere Klima, in dem Karl Widmers Haus immer für seinen ebenfalls etwas kauzigen Freundeskreis aus Künstlern und linken Intellektuellen offen steht. Hier setzt sich seine Großzügigkeit gegen die Sparsamkeit seiner Frau durch, auch wenn er schon einmal einem Hochstapler auf den Leim geht. Karl Widmer ignoriert ihn schlicht, als er ihm später noch mal begegnet und lässt sich dadurch nicht in seiner positiven Weltanschauung irritieren.
  Selbst seine häufigen, aber immer schnell vorübergehenden Todsuchtsanfälle haben einen liebenswerten Zug. Haben sie doch immer etwas von gerechtem Zorn, der sich aber nie gegen die generelle Gutmütigkeit durchsetzen kann. Er bleibt ein etwas kauziger Intellektueller, tief in seiner Welt der Literatur gefangen, der die Widrigkeiten des Lebens meist lieber ignoriert als seinem Leben und seiner Wesensart wegen ihnen untreu zu werden.

Von Richard Niedermeier am 01.12.2005

  In ein Verwirrspiel von Realität und Fiktion wirft Urs Widmer den Leser in seinem Roman „Das Buch des Vaters“. Dieser gibt vor, eine – wenn auch romanhafte – Erinnerung des Autors an seinen Vater, den Gymnasiallehrer, Romanisten, Übersetzer und Herausgeber Walter Widmer – im Roman Karl genannt – zu sein. Tatsächlich aber ist es ein kühner Konstruktionsversuch eines unergründlichen Lebens, das zudem dem Vergessen wie auch der Verzeichnung anheimzufallen droht.
  Freilich findet sich auch Biographisches, Authentisches; und wer sollte darüber besser Bescheid wissen als der Sohn: z.B. der Einsatz des Vaters in der Landesverteidigung der Schweiz während des Zweiten Weltkrieges, seine schulreformatorischen und politischen Aktivitäten, kurzzeitig als Mitglied der kommunistischen Partei, die nicht ganz problemlose Ehe mit Clara, vor allem aber sein Engagement für seine Künstlerfreunde und die Literatur. Ohne Zweifel ging er darin auf, war das die große Leidenschaft seines Lebens. Unter seinem Nußbaum seien sie in den Notzeiten nach dem Krieg gesessen, so heißt es im Roman, die nachmals hellen Sterne der Literatur wie Wolfgang Hildesheimer, Heinrich Böll und Günter Grass oder auch der später so erfolgreiche Verleger Witsch. Karl, Walter Widmer also, blieb indes ein Mann der zweiten Reihe, im Schatten der großen Namen.
  Der Schatten, das ist aber auch Dunkel und Zwielicht, in das auch für den Sohn kein Licht zu bringen ist. Den ganzen Roman durchzieht eine eigenartige Fremdheit zwischen beiden. Das kleine Kind sucht nach Verbundenheit und Nähe; der Vater – nur die Literatur im Blick – verweigert sie, ignoriert überhaupt das Verlangen. Die Mutter, die dem Vater den Rücken für seine Leidenschaft freihält, versinkt in Depression. Risse, mehr noch, Brüche in der Wirklichkeit werden wahrgenommen: Die Liebe zwischen den Eltern, im Roman anfangs als „visionär“ beschrieben, hält sie wirklich, was hier versprochen wurde? Und selbst darüber, ob Karl überhaupt der wirkliche Vater ist, darf spekuliert werden.
  Die Not des Erzählers also, daß alles Erzählte mit einem großen Fragezeichen versehen werden muß und nur an die Außenseite eines Lebens heranreicht. Denn das Innere des Menschen – und so erleben es auch die Personen des Romans – bleibt verborgen. Man kann den anderen nicht verstehen – Claras und Karls Welten klaffen so weit auseinander, daß bestenfalls ein Tolerieren möglich ist -, aber was vermag dann noch die erzählende Erinnerung?
  Da bietet sich nun überraschend ein Ausweg an. Eine merkwürdige, surreal anmutende Geschichte wird aus dem Leben des Vaters erzählt. Er sei zu Beginn seines Erwachsenenalters in das weltabgelegene Dorf seiner Ahnen gegangen, wo noch für jeden Dorfbewohner und auch für die fernen Nachfahren schon der Sarg bereitsteht; er habe dort an einer Art Initiationsfeier teilgenommen und dabei ein Buch (das „Weiße Buch“) überreicht bekommen, in welches er künftig alle Begebenheiten seines Lebens einzutragen hätte.
  Und damit fängt die Geschichte an zu sprudeln: Von einer Liebesnacht mit einer spröden Schönen im Dorf über des Vaters Wehrdiensterlebnisse bis hin zu einer enttäuschenden Romanze mit einer Industriellengattin – es ist ein Feuerwerk an Witz und Ironie, das der Autor hier abbrennt. Und es ist auch eine beißende Satire auf die Schweiz, von der Urs Widmer einmal sagte, das „Kapital“ in ihr sei „toll“ geworden: am Desinteresse der Etablierten gegenüber der Dichtung und den Dichtern, aber auch am selbstverliebten, pseudorevolutionären Gehabe der Schweizer Linken.
  Aber nicht die äußeren Begebenheiten sind die wahre Frucht dieses Weißen Buches. Nur wenige Male wird daraus zitiert; aber dann spricht es von Befindlichkeiten, versucht, das Ganze des Lebens zu fassen: Der Vater sieht sich als zweiten Diderot, freilich mit geringerer „fortune“ als dieser. Damit verbunden ist die Selbstpositionierung als Aufklärer und Literat, vielleicht auch als unzeitiger Mensch, der in konfliktreicher Distanz zu seiner Gegenwart steht. Der Vater spricht aber auch von einem tiefen körperlichen Leiden, das sein Leben seit Beginn seines Erwachsenenalters geprägt habe: „Kein Tag ohne Schmerzen“, die nur durch die intensive Arbeit erträglich werden. Ein Leiden aber auch, das unzweifelhaft eine psychische Komponente besitzt. Und nach der heimlichen Affäre mit der Industriellengattin räsonniert er über den „anderen Menschen“, der in ihm stecke und den sie geweckt habe.
  Kein Zweifel mehr, wie sich der Vater selbst einschätzt: als eine verkannte, tragische Gestalt, aber eindeutig auf der Seite der Großen der Literatur. Damit ist dieses Leben, das wegen seiner ungenutzen Möglichkeiten so fragmentarisch war, zum Ganzen und Sinnhaften gerundet.
  Doch die vermeintlich authentische, die Rekonstruktion des väterlichen Lebens rechtfertigende Quelle entpuppt sich nachträglich als Trug: Der inzwischen erwachsene Sohn, der nach dem Tod des Vaters dieses Buch lesen soll, kann nur einen ganz flüchtigen Einblick nehmen, da die Mutter, den ganzen Ballast des Vaters von sich abwerfend, es in den Müll gibt. Da beschließt der Sohn, das Buch neu zu schreiben, um es dann nach der Väter Sitte zu lesen.
  Damit zeigt sich, wer für das aus den bloßen Fragmenten gewonnene Ganze und das Licht im Dunkel des väterlichen Lebens verantwortlich ist: der Sohn, der Erzähler. Nicht Rekonstruktion, sondern Konstruktion führte die Feder. Und man weiß jetzt, daß das Entscheidende dieses Buches nicht auf der Seite des Biographischen, sondern des Romanhaften liegt.
  Urs Widmer hat sich den Vater, zwar nicht den der äußeren biographischen Daten und Fakten, aber den der inneren Gestalt, erst geschaffen. Und er hat ihn zu einem Dichter, Literaten gemacht. Der Initiationsritus im Dorf mit der Übergabe des Buches kann auch gelesen werden als Initiation ins Schreiben, in die Existenz des Schriftstellers, die sich immer im Angesicht des Todes (die Särge) und der Liebe (die Liebesnacht mit dem Mädchen, die der Vater nie vergessen wird) ereignet. Auch das lebenslange Leiden, das mit dieser Initiation einsetzt, steht für das Leiden des Dichters an seinem Volk und wohl auch an der Welt und am Leben überhaupt.
  Und da ist schließlich noch das Mädchen aus dem Dorf. Der Erzähler konstruiert daraus eine später gefeierte Lyrikerin, die der Vater am Abend vor seinem Tod als seine erste und größte Liebe, als das Mädchen aus dem Dorf wiedererkannt habe. Damals hat sie Karl den Tanz verweigert, ihm aber eine Liebesnacht geschenkt. Der öffentliche Tanz, die heimliche Liebe: eine abschließende Metapher auf das Verhältnis des Vaters zur Literatur überhaupt. Ein innigstes Liebesverhältnis zur Literatur, das eben nie öffentlich geworden ist, nie Anerkennung in der Form des dichterischen Ruhms gefunden hat. Die Literatur – hier repräsentiert durch ihre Höchstform, die Lyrik – hat sich ihm geschenkt, hingegeben; aber in einer verborgenen, nicht öffentlichen Weise.
  Man mag darin eine dichterische Apotheose des Vaters sehen - wie auch umgekehrt eine Relativierung des dichterischen Erfolges und Ruhmes - oder vielleicht auch des Literaturbegeisterten überhaupt (bis „hinunter“ zum leidenschaftlichen Leser, der ja mehr ist als nur ein passiver Rezipient von Literatur). Mit Sicherheit ist es keine Selbstbeweihräucherung, in der Urs Widmer mitteilen möchte, daß ihm sein hohes Talent als Erbe schon in die Wiege gelegt war.
  Was aber zu dieser Sicht auf den Vater berechtigt, ist nicht bloß dessen Engagement für die Literatur, sondern seine verzehrende Sehnsucht nach ihr. Urs Widmer hat mit diesem Roman uns allen klargemacht, daß der Mensch mehr ist als das, was er nach außen hin zu sein scheint, was er aus sich verwirklichen konnte. Was den Vater eigentlich bestimmt, ist seine Sehnsucht, die große und auch als unendlich groß empfundene Leerstelle seines Lebens. Der Roman lehrt einen anderen Blick auf den Menschen überhaupt, einen, der ihn auch in dem ernstnimmt, was er nicht realisieren konnte, was er aber mit aller Kraft gewollt hat. Dieser Blick ist für alle Bereiche menschlichen Lebens von großem Nutzen, aber für die Literatur besonders. Er befreit den Menschen gerade hier aus dem Diktat der Leistung und stellt ihn unter eine die ganze Existenz umfassende Liebe: Der Mensch ist, was er über alles liebt!
  Das erweitert den Kreis der Dichter, demokratisiert den literarischen Olymp, verklammert aber auch den Dichter mit seinem unmittelbaren Gegenüber, dem Leser. Und wenn für Luther die Kirche ein rein innere Gegebenheit war, so scheint dies für Urs Widmer die Dichtung zu sein. Solche Lösungen sind oft aus der Not geboren, wenn Realität und Ideal zu weit auseinanderklaffen; aber sie helfen auch, in den idealen Welten eine Heimat und Geborgenheit, Lebenssinn zu finden. So ist das Buch auch die Proklamation und Projektion einer inneren Gegenwelt zur kalten Kommerzgesellschaft, die nur noch Bedürfnisse und ein Verlangen, aber keine Sehnsucht mehr kennt. Ein Plädoyer für die Literatur als Zuhause!

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