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Martin Heidegger
Briefe an Max Müller und andere Dokumente
Hrsg. von Holger Zaborowski und Anton Bösl

Verlag Karl Alber
2003
196 Seiten
€ 40,- [D]


Von Richard Niedermeier am 26.01.2004

  Nicht immer erfüllen Briefe die Erwartungen späterer Leser nach intimen Bekenntnissen oder klaren und verständlichen Bestimmungen der Positionen ihrer Verfasser. Auch der Briefwechsel zwischen Martin Heidegger und Max Müller (+ 1994), einer von Heideggers „Vorzugsschülern“ (so Müller selbst) und später wohl bedeutendster Repräsentant einer aufgeschlossenen dezidiert christlichen Philosophie in Deutschland, ist keine Aneinanderreihung hochgeistiger Selbstmitteilungen. Viele der insgesamt 89 Briefe bzw. Karten aus den Jahren zwischen 1930 und 1974 enthalten nur Grüße, Gratulationen (zu den Geburtstagen oder Ehrungen), Einladungen oder ihre Absagen – kurz, all das, was man sich in einer Zeit, als das Telephon noch nicht selbstverständlich war, eben so mitzuteilen hatte. Dennoch rechtfertigt nicht nur das Verlangen nach Vollständigkeit die Herausgabe dieses auf den ersten Blick eher belanglosen Schriftverkehrs neben dem anderen, philosophisch und zeitgeschichtlich bedeutsamen, der sich in diesem Briefkorpus natürlich ebenfalls findet. Denn wer bereits das erste der angefügten Dokumente – das Gutachten Heideggers zur Habilitation Müllers – liest, wird das sichtliche Bemühen Müllers um Kontakt und Nähe zu Heidegger mit ganz anderen Augen sehen. Wie abweisend Heidegger jenen gegenüberstand, die Glauben und Denken (im Sinne Heideggers), Theologie und Philosophie miteinander zu verbinden suchten, ist weithin bekannt. Heideggers Wort von der christlichen Philosophie als einem „hölzernen Eisen“ ließ eine Auflösung dieses Widerspruches nur zu, wenn man sein Christsein ins Private zu stellen bereit war, d.h. es für das radikale philosophische Fragen als bedeutungslos zu erachten. Im Falle Müllers ging Heidegger aber sogar so weit, eine künftige philosophische Dozentur durch sein Gutachten zu untergraben. SeineSchlußbemerkung , daß er für eine katholische Professur „in hervorragendem Maße“ geeignet sei, ist blanker Zynismus, der bei jedem anderen wohl eine dauerhafte Verletzung hervorgerufen hätte. Noch eine zweite Enttäuschung hatte Heidegger für Müller parat: eine Stellungnahme Heideggers zur politischen Zuverlässigkeit Müllers kostete diesem 1937 die Leitung der Freiburger Fachschaft Philosophie und brachte ihn zudem in eine äußerst gefährliche Situation. Der Kontakt zwischen beiden brach deshalb zwar ab; doch nach dem Ende der NS-Diktatur hat Müller den um seine Rehabilitierung ringenden Heidegger die helfende Hand nicht versagt und unermüdlich das Gespräch gesucht. Müller machte sich über die „Ambiguität“ der Person seines allzeit verehrten Lehrers keine Illusionen; er hat – das zeigen die Dokumente sehr deutlich – die charakterlichen wie denkerischen Grenzen Heideggers mit aller Klarheit gesehen. Aber er hat das Positive, Wegweisende, das Bleibende und Gültige dabei nicht übersehen. Wo Heidegger schroff ein „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich“ setzt, sucht Müller Brücken zu bauen, Heideggers Extremposition wieder ins Gespräch mit der philosophischen Tradition zu bringen, sie auf neue, christliche Horizonte hin weiterzuführen.
  Einige der Briefe und besonders die Dokumente zeigen die intellektuelle Brillanz Müllers, der es gelingt, in klaren Umrissen das Wesentliche von Heideggers Neuansatz herauszustreichen. So stellt z.B. die beigefügte Rezension Müllers zu Heideggers „Einführung in die Metaphysik“ überhaupt eine sehr treffliche Einführung in Heideggers Philosophieren dar. Müller hat darüber hinaus aber auch einen Sinn für Heideggers Person, so daß man seine Beschäftigung mit Heidegger als beispielhaft dafür ansehen darf, wie Christen sich mit nicht- oder nachchristlichen Positionen auseinandersetzen sollten. Da scheut sich jemand nicht, das Wort „Ehrfurcht“ in den Mund zu nehmen, wohl wissend welchen Widerspruch es hervorrufen muß. „Ehrfurcht“, das ist bei Müller aber keine blinde Heldenverehrung, sondern Respekt vor der philosophischen Leistung, von der er weiß, daß sie in einem nur allzu irdenen Gefäß bewahrt wurde. Dieser für manche verwirrende Blick auf die Sache des Denkens bei Müller ist ein Erbe Thomas von Aquins ebenso wie Heideggers selbst; zumindest hier ist der Brückenschlag gelungen.
  Es ist diese mit menschlicher Größe verbundene intellektuelle Redlichkeit Müllers und sein festes, Offenheit für Fremdes erst zulassendes Glaubensfundament, die ihn seinem Meister gegenüber zumindest in menschlicher Hinsicht sogar überlegen machen. Und man könnte dem Karl Alber Verlag zu nichts Besserem raten, als die Werke Müllers in Nachdrucken oder - noch besser - in editionstechnisch aktuellen Neuausgaben wieder zugänglich zu machen.
  Aber verbleiben wir noch etwas bei Heideggers politischer Haltung im Dritten Reich, die ihn uns so fremd macht. Wie konnte Max Müller dort Tragik sehen, wo wir einfach Schuld und Versagen konstatieren? Die Stellungnahmen, die Müller nach dem Krieg zum Fall Heidegger abgegeben hat, machen deutlich, wie kurzsichtig unser moralischer Blick darauf oft ist. Es war nicht nur die physische Gewalt, mit der die braunen Machthaber eingeschüchtert und auf ihre Seite gezwungen haben; und es war auch nicht nur das verlockende Versprechen einer Karriere, die Menschen zu – zumindest geistigen – Mittätern machte. Noch vor all dem wurden einer ganzen Generation Ideen, Begriffe und Ideale geraubt. Heidegger, so merkt Müller an einer Stelle an, dachte völkisch, hing wie Stefan George und sein Kreis, aus dem schließlich der Hitler-Attentäter Staufenberg hervorgehen sollte, dem Führerprinzip an, war durchdrungen von der Idee eines Neuanfanges in Staat, Gesellschaft, Universität. Nationalsozialistisch dachte er bei alledem jedoch nicht. In dieser Begeisterung des Neuanfanges, des Kairos der geschichtlichen Stunde aber hat Heidegger den Rückfall in die Barbarei verkannt oder zumindest zu spät erkannt. Dies führt natürlich zur Frage nach dem Grund dieses Verkennens. In seinem Interview mit Gottfried Schramm und Bernd Martin, das 1986 in den Freiburger Universitätsblättern abgedruckt wurde, wagt sich Müller noch einen Schritt weiter vor. In der nicht unberechtigten Annahme, daß Heideggers politische Haltung zur Grundausrichtung seines Denkens parallel laufe, greift Müller auf das religiöse Defizit in Heideggers Philosophie zurück: die Unvereinbarkeit des äußersten und radikalen Fragens mit jeder durch einen Glauben gesetzten Antwort. Für Müller ist das Verharren Heideggers ist der Antwortlosigkeit eine Art „Nihilismus“, der dann auch der politischen Verantwortung ausweicht. So erscheint am Ende der „Zauberer“, wie er von Müller einmal genannt wird, doch eher als der Zauberlehrling, der schließtlich tut, was er eigentlich nicht tun wollte.
  Heidegger hat um die Instrumentalisierung und die mögliche Verfallenheit der Sprache gewußt, doch hat er sie auch als bloße Momente des „Seinsgeschickes“ verharmlost. Für den Christen indes ist letzte, unverfügbare und bleibende Norm der Sprache das Heilige des Offenbarungswortes, vor dem der Mensch sein Sprechen verantworten muß. Ein Mann wie Theodor Haecker – Müller berichtet über Heideggers völlig verfehlte Invektiven gegen dessen Buch „Was ist der Mensch?“ – hat dem Mißbrauch der Sprache durch die Nationalsozialisten die Maske heruntergerissen (man vergleiche nur seinen Zorn gegenüber der Rede vom „Herrgott“ in den NS-Phrasen). Aber letzte Verantwortung setzt eben doch den Anspruch eines personalen Gegenübers voraus und nicht ein bloßes „Geschick“ eines anonymen, ganz in der Geschichte aufgehenden Seins.
  Es ist viel über Heideggers Verhältnis zu Glaube und Theologie geschrieben worden; Müllers Sichtweise gibt durch ihre klare Konzentration auf das Wesentliche und durch ihr besonderes persönliches Zeugnis der noch keineswegs erschöpften Diskussion wieder neue Impulse. Allein schon deswegen ist diese mit sehr nützlichen Anmerkungen der Herausgeber versehene Sammlung von Briefen und Dokumenten äußerst hilfreich.

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