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Eugen Biser
Ist der Mensch, was er sein soll?
Einführung in das Geheimnis der Gotteskindschaft

Glaukos Verlag
2003
€ 10,- {D]


Von Richard Niedermeier am 19.01.2003

  Eine Frage treibt gerade den modernen Menschen um: „Wer bin ich eigentlich?“ Diese Frage kommt weder in den tiefgründigen philosophischen Selbstdefinitionen des Menschen zur Ruhe noch in den unzähligen empirischen Fakten, die er über sich selbst sammelt; immer ist das „eigentlich“ uns einen Schritt voraus, weist auf ein Sollen, das erst noch zu erschließen und einzulösen ist. Einen solchen Sollensanspruch anzuerkennen, fällt jedoch vielen schwer, zumal wenn dieser Anspruch das Grundverständnis menschlicher Existenz betrifft; zu sehr hat sich das Ideal der absoluten Selbstbestimmung in die Köpfe eingegraben. Und doch wächst andererseits der Sinn dafür, daß die Lebenskrisen unserer Zivilisationen weit mehr sind als nur Betriebsstörungen, die sich rein technisch beheben lassen. Der Kernbestand des Menschen, das Humanum steht auf dem Spiel; und so wird der Ruf nach einer grundlegenden Besinnung auf die Koordinaten unseres Menschseins immer lauter.
  Hier sieht der Religionsphilosoph und Theologe Eugen Biser eine große Chance für das Christentum. Mit einer Leidenschaft, die an Paulus erinnert, mahnt er eine müde und unsicher gewordene Christenheit, sich neu auf das Wesentliche der Botschaft Jesu, mehr noch, auf dessen Person hin zu besinnen und von ihr her auch die Theologie zu erneuern. In der Reihe seiner in Vogtsburg/Oberbergen gehaltenen programmatischen Voträge ist jetzt ein Hörbuch erschienen mit dem Titel „Ist der Mensch, was er sein soll“. Darin focusiert Biser diese erneuerte Theologie auf einen heute weithin vergessenen, auf den ersten Blick sogar mißveständlichen Begriff hin: die Berufung des Menschen zur Gotteskindschaft.
  „Gotteskindschaft“ – das klingt nach weltfremder Frömmelei und Selbstentmündigung, nach Herrschaft der Kirche(n) über die Seelen. Aber weder Paulus, der der Gotteskindschaft den zentralen Ort in seiner Lehre und Verkündigung zugewiesen hat, noch Biser selbst wollen sie so verstehen. Mehr noch, für Biser und seine „neue Theologie“ nimmt die Idee der Gotteskindschaft das Zentrum und den Gipfelpunkt der christlichen Anthropologie ein – um so dringender der Ruf nach einer Neubesinnung auf das Wahre und Eigentliche dieses Begriffes!
  Dazu unternimmt Biser eine doppelte „Tiefenbohrung“: eine in das Herz des Menschen und eine in die Tiefe der Gottheit. Beide sind alles andere als selbstverständlich – auch für Theologie und Kirche nicht. Denn wer das Herz des Menschen erforschen will, muß jeder Gewalt über den Menschen abschwören; wer aber die Tiefen Gottes ergründen will, muß – soll sein Unternehmen nicht in einer hoffnungslosen Hybris enden – sich Christus zuwenden, in dem Gott geoffenbart hat, wie er wirklich ist.
  An dieser Stelle gibt sich die inspirative Quelle von Bisers „neuer Theologie“ zu erkennen: das Zweite Vatikanische Konzil. Andere wie Küng und Ratzinger mögen für sich beanspruchen, dieses kirchliche Großereignis der Moderne geprägt zu haben, Biser darf sich nicht weniger einen Theologen des Konzils nennen. Denn er hat den Neuansatz dieses Konzils ohne das lähmende Wenn und Aber in sein Denken aufgenommen und in seiner Theologie, die immer auch Fundament einer Spiritualität, einer Lebens- und christlichen Existenzform sein will, weiterentwickelt. Und das gibt auch Bisers Vorträgen ihre eigene, den Zuhörer ganz in ihren Bann ziehende Note: Sie bieten nicht nur theologische Orientierung, sondern ermuntern und ermutigen sogleich auch zu einer neuen christlichen Praxis; sie sind nicht nur Hilfen zum Verstehen des christlichen Glaubens, sondern auch Wegmarken eines christlichen Lebens, das den Herausforderungen der Zeit standzuhalten vermag.
  Biser erinnert nun an eine geradezu umwälzende Aussage des Zweiten Vatikanischen Konzils, die noch immer nicht in ihrer ganzen Tragweite begriffen, geschweige denn im Leben der Christen eingeholt ist: Im Christentum geht es nicht vorrangig um eine Lehre („christliche Wahrheit“), sondern um die Person Jesu („Wahrheit Christi“). Damit ist ein entscheidender Wendepunkt in Theologie und Verkündigung markiert: Christsein verwirklicht sich in einer unauslotbar tiefen persönlichen Beziehung zu Christus. Rahners Wort, daß der Christ der Zukunft Mystiker sein müsse, um überhaupt als Christ in der künftigen Welt zu bestehen, hat hier seinen ganz unspektakulären Ort.
  Jesus als Bezugspunkt – das ist für Biser mehr als nur ein Hängen am Wort; es schließt mit ein seine Stimme, seine Gestik, sein Gesicht, seine Lebenstat, seine, wie Romano Guardini es nannte, (das ganze konkrete Dasein Jesu umfassende) „Gestalt“. Wer dem Christentum allein mit den Augen eines Historikers begegnet, wird hier die nicht so einfach abweisbare Frage stellen: Woher wissen wir das alles? Woher kennen wir sein Gesicht oder seine Stimme? Es ist nicht nur die sehr sensible, aus der Herzensweite ebenso wie aus der Verstehenstiefe kommende Exegese Bisers, die auch noch die feinen Schwingungen des Textes, das Mit- und Ungesagte aufzunehmen vermag. Der letzte Grund dieser Kenntnis ist ein ganz anderer: „Ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich“, sagt Jesus im Johannesevangelium (Joh 10,14) – für Biser gilt dieses Wort uneingeschränkt auch noch in unseren Tagen, denn durch seinen Tod und seine Auferstehung sei Christus uns innerlich geworden, wohne in uns.
  Es ist eine den Menschen entlastende, befreiende und damit auch heilende Theologie, die Biser vertritt; eine Theologie, in der die Gnade nicht zu einem Geschenk für eine Leistung verkommen ist, sondern die reine und all unserem Handeln zuvorkommende Liebe Gottes meint, die eigentlich jeder Mensch von seinem innersten Wesen her sucht.
  Gott als eindeutige und unbedingte Liebe – dies ist zugleich die Antwort auf die erste Tiefenbohrung in das von Todesangst gequälte und so zur Sünde getriebene Herz des Menschen. Biser weist das ambivalente Gottesbild der Religionen (der zürnende und der liebende Gott, Gott als mysterium tremendum et fascinosum), das viele Jahrhunderte auch die christliche Gottesvorstellung bestimmt hat, mit aller Entschiedenheit ab. Doch hat seine Option für den liebenden Gott nichts von einem „laissez faire“ an sich, das alles vor Gott gleichgültig werden ließe. Vielmehr hat der Mensch die Beziehung Jesu zu seinem Vater, in die er hineingenommen ist, auch bewußt und entschlossen zu übernehmen. Dem Ruf der Liebe muß auch eine entsprechende Antwort gegeben werden; und wie diese auszusehen hat, hat Jesus selbst uns gezeigt.
  Bisers Verständnis der Gotteskindschaft hat deshalb eine eminent praktische Seite. Sie stellt den Menschen nicht abseits in das Selbstgenügen erbaulicher Vorstellungen, sondern verpflichtet ihn zum Leben für andere, zu einer Liebe, die an der Menschenliebe Jesu Maß nimmt. Es ist vor allem der Dienst am Frieden, den Biser so leidenschaftlich anmahnt. Die „sanfte“, d.h. auch gewaltlose Revolution Jesu will er fortgeführt sehen, nicht in den Knabenmorgenblütenträumen einer Revolutionsromantik, sondern im harten täglichen Friedensdienst in Gesellschaft, Beruf und Familie.
  Die Gotteskindschaft gibt also auf die Frage nach eigenen Identität keine entfremdende, dem Freiheitsbewußtsein des modernen Menschen widersprechende Antwort; im Gegenteil, sie hebt den Menschen zu einer Würde empor, die der des menschgewordenen Gottessohnes entspricht, in dem höchste Freiheit und Gehorsam gegenüber dem Vater eins geworden sind. Eugen Bisers Vortrag zeigt deshalb allen einen Weg über die in der Gegenwart so oft konstatierte Krise des Subjekts hinaus; er ruft aber auch die Christen, von denen die Welt so viel zu erwarten hätte, zur Treue gegenüber dem Ursprung ihres Glaubens zurück.

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