Klaus Theweleit Deutschlandfilme Godard. Hitchcock. Pasolini.
Stroemfeld 2003 295 Seiten ISBN: 3878778279 € 24,- [D]
Von Volker Frick am 06.01.2004 In einem Interview äußerte der amerikanische Romancier Don DeLillo “Godard hat einen größeren Einfluß auf mein Frühwerk als irgendetwas, was ich gelesen habe.” Bevor ich Don DeLillo las hatte ich sicherlich zwei Dutzend Filme von Godard gesehen. Die meisten davon allerdings im Fernsehen. Und auf den Screenshots aus Filmen von Godard, die in diesem Buch abgedruckt sind, sind die Logos von Programmanstalten zu sehen, im Gegensatz dazu die Filme von Godard nicht mehr im Kino zu entdecken sind. Das Buch trägt den Titel “Deutschlandfilme”, dreht sich um Godard, Hitchcock und Pasolini. Klaus Theweleit schreibt über Filmdenken & Gewalt. Klaus Theweleit merkte in seiner Rede für Jean-Luc Godard zum Adornopreis 1995 zu dessen Film “Allemagne année 90 neuf zero” an: “ – ein Faschismuskommentar (...).” Und so schreibt Klaus Theweleit Filmgeschichte anderer Art, nicht ohne auch über das weibliche Schreiben zu schreiben in einer Hommage an Frieda Grafe. So finden sich viele kleine Geschichten in den großen Geschichten. Bilder, die für mehr stehen als das was sie abbilden, wenn sie denn abbilden. “Was mit Augen zu sehen ist, aber ungesehen bleiben soll” ist das letzte von drei Kapitel überschrieben, und es widmet sich Pier Paolo Pasolini. PPPs Film “Salò oder Die 120 Tage von Sodom” ist der Ausgangspunkt, und also geht es um de Sade, Mussolini, Folter, und in toto auch um das Thema ‚sexueller Abartigkeit plus Schaulust‘. Klaus Theweleit schreibt: “In Pasolinis Film kommen diese Dinge vor; er hat die Berichte gelesen und sie mit de Sades Sodom-Text kombiniert. Mit welchem Recht wollte Adorno die Taten der Auschwitz-Täter auf den bürokratischen Vollzug industriellen Vernichtens beschränkt sehen? Hilberg ist 1961 erschienen; Adorno las blendend Englisch.” Gemeint ist Raul Hilberg, “Die Vernichtung der europäischen Juden” (1961; dtsch 1982), aber auch Adorno, Zwischentitel: ‚Teddie’s Verdikt‘, “daß die psychologische oder psychoanalytische Untersuchung von Auschwitz-Tätern und Auschwitz-Taten von keinerlei Belang sei, weil in den KZ’s der Komplex der ‚industriellen Massenvernichtung‘ von Menschenleben triumphiert habe”, und dies hat, so Theweleit weiter, “nicht nur eine Generation, sondern inzwischen zwei, drei Generationen von Frankfurturisten daran gehindert, überhaupt nur hinzusehen, wenn die Herren des Gelächters ihren Ring betreten.” Klaus Theweleit hat nach dem 11.09.01 auf die feindliche Übernahme des Bildes durch all die Heerscharen von Kommentatoren sich gewühlt, den Knallchargen des Feuilletons, den unzeitgemäßen Philosophen, oder wer auch immer sich berufen fühlte seinen verstörten Sermon schriftlich abzulassen, erstmal seinen eigenen “Knall” untergejubelt. Auch als eine Art Kommentar, doch als Kommentar wozu? Zur Macht der Mechanik von digitalisierten Bildern im Hirn seiner Betrachter? Nicht sehr verwunderlich, wenn er jetzt einen Schritt zurück geht in Besinnung auf den Film, auf die Realität des Films, er mittels einiger weniger Koryphäen dieses Mediums aufzeigt, was nach zwei mal fünfzig Jahren noch immer nicht gelernt wurde: sehen. Der Zuschauer heute ist ein Hinrichtungsamateur, angeschlossen am großen Bildkreislauf zittert er eher vor der GEZ als sich die Frage der Wahrnehmung zu stellen, sich seiner Realität zu stellen. Er ist Teilhaber an der weltweiten Schlachterei. Die aktive Couchpotatoe. Die Realität der Medien ist zunehmend durch Aktualität bestimmt. Die Nachricht als Laufschrift auf dem Bildschirm. Hintergründe? Aufklärung? Kritisch der Vermittlung gegenüber schon diesem Wort: Nachrichten. Denn Nachrichter hieß früher der Henker. Ein untergeordneter Richter, Hilfsbeamter, Scharfrichter, zu den unehrlichen Leuten zählend, als Reiniger von Kloaken. Den meisten Buchveröffentlichungen von Klaus Theweleit geht eine gewisse Bildhaftigkeit in Form von als Annotation implementierten Abbildungen nicht ab. William S. Burroughs II. war, so Timothy Leary, der erste Textverarbeiter – zu einer Zeit, da es dieses Wort noch gar nicht gab. Er zerschnitt Texte, war Junkie, unterwegs auf diesem Planeten auf der Suche nach Zeichen einer intelligenten Species. Nachdem Klaus Theweleit in “der knall. 11. September, das Verschwinden der Realität und ein Kriegsmodell” den amerikanischen Schriftsteller Don DeLillo kurz zitiert, umso mehr freut es, wenn er in seinem neuen Buch Burroughs das Wort überlässt: “Grimmige Gesichter im Pentagon. Die strategische Luftflotte ist im Anflug auf ihr Ziel ... Nun JETZT ISSES SOWEIT ... Diese Sequenz verschnitten mit Sexszenen und Aufnahmen von einem Todeskandidaten auf dem Weg zur Hinrichtung, Liebespaar im Augenblick des Orgasmus, Atomexplosion ... Der Liebhaber/Todeskandidat ist ein Überlebender der Explosion und von schauderhaften Verbrennungen entstellt. [...] Ein Weißer, der einem Neger mit einem Schweißbrenner die Genitalien abbrennt ... das Licht im Kino geht aus, der Schweißbrenner bleibt in der linken Hälfte der Leinwand sichtbar [...] Ein Junge onaniert vor Sexphotos ... Schnitt auf das Gesicht des Weißen, der dem Neger die Genitalien abbrennt ... Sexphantasien des Jungen ... Der Schwarze sackt zusammen, seine Genitalien sind verkohlt, seine Eingeweide quellen heraus ... der Junge sieht sich gespannt und fasziniert einen Striptease an ... Ein Todeskandidat steht auf der Falltür, die Schlinge um den Hals ... Sexphantasien des Jungen ... ‚Ich stelle hiermit den Tod dieses Mannes fest‘ ... der Junge pfeift auf der Straße einem Mädchen nach ... der Körper eines Verurteilten schleudert auf dem elektrischen Stuhl, blaue Flammen züngeln an den Beinen hoch ... Der Junge stellt sich vor, daß er mit einem Mädchen im Bett liegt ... der Verurteilte auf dem elektrischen Stuhl sackt leblos zusammen, Rauchkringel steigen aus der schwarzen Kapuze, Speichel läuft ihm aus dem Mund ... Das Licht im Kino geht an. Ein Flugzeug am Himmel über Hiroshima ... Die Atombombe mit dem schönen Namen ‚Little Boy‘ wird ausgeklinkt ... Das Flugzeug, der Pilot, die amerikanische Flagge.” Ein typischer FilmText des Textverarbeiters William S. Burroughs (aus “Die Elektronische Revolution”, Göttingen 1971, S. 29), den Theweleit im Pasolini-Kapitel zitiert. Das Buch schließt mit einem Gedicht des Autors ab. Dort finden sich die Zeilen “Im Wort Israel / Steckt eine Antwort / die das das Wort sich selber gibt: // Israel is real”. Ich hörte dies ähnlich vor Jahren in einem Song der Gruppe Minimal Compact, dessen Refrain mehrfach wiederholt die Zeile “Next one is real”. Alarmglöckchen lassen mich schon immer bei Formulierungen wie jener vom “Existenzrecht des Staates Israel” aufhorchen. Klaus Theweleit ermöglicht in der Lektüre Zusammenhänge zu sehen, oder einfach: sehen zu lernen. Er be- und erschreibt in “Deutschlandfilme” Blicke auf dieses Land anhand von Filmen. Hitchcock, Godard, Pasolini. “Deutschlandfilme” erinnert an den Titel eines anderen Buches von ihm. “Das Land, das Ausland heißt.” Diese Perspektive ist sehr einnehmend, lehrreich und gut. In einem Interview mit der WochenZeitung in der Schweiz sagte er “Wir wissen, wir sind Teil einer Killergesellschaft.” Klaus Theweleit hat im vergangenen Jahr den Johann-Heinrich-Merck-Preis erhalten, der jedes Jahr zusammen mit dem Büchner-Preis von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen wird.
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