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Wolf Wondratschek
Mara

Hanser
2003
2002 Seiten
€ 17,90 [D]


Von Eberhart J. Theuer am 30.12.2003

  Mara ist ein Cello, eine Stradivari, erbaut vom Cremoneser Meister Antonio Stradivari, benannt nach ihrem Erstbesitzer Giovanni Mara. Heute mehrere Millionen Euro wert, erzählt uns das Violoncello seine Geschichte, die im Jahre 1711 beginnt.
 
  Wolf Wondratschek hat schon vorher mit kunstbezogenen Werken (Mozarts Friseur; Die große Beleidigung) auf sich aufmerksam gemacht. Mara, seinem neuesten Beitrag zu dieser Thematik, wurde auf der Frankfurter Buchmesse 2003 ausgiebig Platz geboten.
 
  Der Stil ergeht sich zwar nicht in Redundanz, aber in leichten Abwandlungen und Ausschmückungen von im selben Satz erwähnten Inhalten.
 Diese sind gekonnt konstruiert. Mehr Objektives läßt sich darüber nicht sagen, denn ob man solcherlei mag, ist Geschmackssache. Weniger wäre meiner Ansicht nach hier oft mehr gewesen.
 
  Besonders der Anfang des Buches plätschert ein wenig ereignislos dahin, mit einigen interessanten Informationen zwar, aber doch wenig geeignet, den Pulsschlag des Lesers zu erhöhen. Erst als, ab Seite 32, der erste Besitzer und Namensgeber des Cellos, der Trunkenbold Giovanni Mara, auftaucht, gewinnt die Geschichte an Schwung. Interessant, was Mozart über Mara und Gattin, eine Sängerin, zu sagen hat (36), interessant auch das Frühstück der Gattin mit Goethe (38). Mochte der Umstand, daß Mozart keine einziges Musikstück für Cello verfaßte, gar auf seine Abneigung für Giovanni Mara zurückzuführen sein?
  Richtiggehend originell nimmt sich auch der kleine Exkurs über Thomas Linley aus, jenem jungen Musiker, der vielleicht, wäre er nicht so früh gestorben, ein englischer Mozart geworden wäre (44ff).
 
  Reichhaltig sind, das überrascht nicht, Gedanken zur Musik, zu Musikern (Pini im folgenden Beispiel):
  „Er hatte die Kunst des Cellospiels beherrscht, aber die Kunst der Bewegung nicht begriffen. Er hatte gespielt, sich aber nicht spielend bewegt, sondern das Schauspiel einer Selbstgeißelung geboten. Es hatte imponierend ausgesehen, wie er gekämpft, geschwitzt, sich geradezu athletisch vergeudet hatte. Er war angetreten, es allen zu zeigen, hatte sein Privatleben, seinen schwierigen Magen, sein Lampenfieber ignoriert. (...) Unterlief ihm ein Fehler, nur eine kleine Ungenauigkeit, ein unreiner Ton, heraufbeschworen durch einen falsch angesetzten Fingersatz, ein nicht genug durchsichtiges Flageolett, ein spicatto, das nicht flüssig genug federte, nahm er, ohne es selbst zu wollen, Geschwindigkeit auf, trieb vorwärts, wurde lauter. Er spielte plötzlich auch an Stellen unangemessen und provozierend virtuos, wo es mit leichter Hand getan – und gut und richtig getan – gewesen wäre“ (144).
 
  Und wo klassische Musik ist, darf ein Österreichstatement nicht fehlen:
  „Nein, selbst wollte er nicht wieder ernsthaft mit dem Cellospielen beginnen, nicht bei der knappen Zeit, die ihm seine Geschäfte ließen. Aber er war schon lange von einem fasziniert, der es konnte, sehr gut sogar (womit er recht hat, der reiche Mann, wie ich selbst inzwischen weiß). Ein Österreicher.
  Ja, die Österreicher. Und wenn sie dann noch Musiker sind!
 Glück gehabt, würde ich sagen. Sein Spiel erinnert mich an mein ganzes Leben, angefangen bei Vivaldi, wenn er dessen Sonaten spielt“ (199).
  Damit kommt auch der bislang letzte, der aktuelle Spieler des Mara, Heinrich Schiff, zu Ehren.
 
  Wieviel Dichtung, wieviel Wahrheit die Darstellung Wondratscheks enthält, läßt sich für den Unkundigen nicht sagen. Man hätte sich ein Nachwort des Autors gewünscht, das diesbezüglich Klärung verschafft hätte, mit Angabe der Quellen auf die sich das Werk stützt. Wofür sich Michael Crithon in Timeline gut genug war, sollte sich auch Wondratschek nicht zu schade sein.
  Kursorische Recherchen ergaben immerhin, daß das meiste an Wondratscheks Erzählung seine Basis im Faktischen haben dürfte.
 Daß auch bei direkter Rede auf Anführungszeichen wieder verzichten wurde, dient der Lesbarkeit der Historie, wenn man sie denn so nennen will, nicht.
 
  Von der Kritik wurde das Buch großteils positiv aufgenommen (vgl. den Überblick bei http://www.perlentaucher.de/buch/15217.html), wobei, wie wohl nicht selten, das überschwengliche Lob wie auch der beißende Tadel überzogen scheinen.
 
 Resümee
  Nach einem eher farblosen Beginn steigert sich der Spannungsbogen von Wondratscheks neuestem Werk langsam, aber doch. Es ist bezeichnend, daß der Klappentext, der ja bekanntlich Lust auf mehr machen soll, ein Zitat von der letzten Seite des Romans enthält.
  „Mara“ ist ein stilles, bescheidenes Buch über ein mittlerweile unbescheiden gewordenes Instrument. Kein Werk, das dem Leser zur Offenbarung werden könnte, keines, das sich als Kultbuch eignete.
  Gut für besinnliche Abende, leichte aber nicht oberflächliche Kost.
  Langweilig genug, dem Leser die Ruhestunden nicht ungebührlich zu verkürzen, aber unterhaltsam genug, es zu Ende zu lesen. Dieses Fazit klingt vielleicht negativer als es gemeint ist. Darum sei klargestellt: Gut, daß es dieses Buch gibt.
 
 Bücher zum Thema
  Neben den erwähnten Büchern von Wolf Wondratschek, vor allem der Erzählung „Die große Beleidigung“, die einen vom Publikum verschmähten Geiger schildert, wären noch „Die Cellospielerin“ von Michael Krüger zu nennen, eine tragikomische Geschichte über die Begegnung eines Münchner Komponisten, der Erkennungsmelodien fürs Fernsehen schreibt mit einer ungarischen Musikerin, die an die hohen Ideale der Kunst glaubt.
  Interessant vielleicht auch die Lebenserinnerungen von Gregor Piatigorsky: „Mein Cello und ich und unsere Begegnungen“.
  An Sachbüchern sei „Berühmte Cellisten“ von Julius Bächi genannt; und für Spezialisten „Die Geheimnisse Stradivaris“ von Simone F. Sacconi.
  Für Kinder gibt es ein Hörspiel: „Antonio Stradivari. Sein Leben (1644 – 1737). Mit vielen Musikbeispielen“.

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