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Effi Biedrzynski (Hrsg.) / Johann Wolfgang Goethe
Mit Goethe durch das Jahr 2004
Ein Kalender für das Jahr 2004

Patmos
2003
144 Seiten
€ 7,50 [D]


Von Richard Niedermeier am 07.12.2003

  „Säume nicht, dich zu erdreisten, / Wenn die Menge zaudernd schweift! / Alles kann der Edle leisten, / Der versteht und rasch ergreift.“
  Viel Denkwürdiges, Besinnliches, aber auch Ironisch-Heiteres und manchmal Satirisches gibt das Büchlein „Mit Goethe durch das Jahr 2004“ dem Leser jeden Tag mit auf den Weg. Kleine, ausgefeilte poetische Miniaturen sind diese Epigramme, die in der Summe viel über ihren Verfasser verraten, aber auch das ästhetische Empfinden ihrer Zeit einfangen. Daneben aber auch Aphorismen, die einen Lebensrat geben wollen (z.B. „Es gibt keine Lage, die man nicht veredeln könnte durch Leisten oder Dulden“) oder in einem frappierend direkten Zugriff ein verborgenes Geheimnis, einen nur mit dem inneren Auge zu erfassenden Sinn erschließen (z.B. „Die ganze Natur ist eine Melodie, in der eine tiefe Harmonie verborgen ist“).
  Doch sind es nicht nur Epigramme und Aphorismen, die den Reiz dieses Büchleins ausmachen. Drei Frauen, die Goethe beschäftigt, beseelt haben, stehen im Mittelpunkt: Die Schauspielerin Corona Schröter, die Malerin Angelica Kauffmann und die Dichterin Bettine Brentano. Goethe und die Frauen – das ist ein nie zu erschöpfendes Thema, vor allem, wenn diese Frauen selbst Persönlichkeiten sind, ein Eigenleben haben, das sie dem genialen Dichter auch entgegenzusetzen vermögen.
  Die Texte (Briefe, Tagebuchaufzeichnungen, Notizen und Erinnerungen, An-Gedichtetes und Zugeeignetes) zeigen auch, wie Goethe in ganz verschiedenen Phasen seines Lebens von diesen drei Frauen bewegt, aus dem Gleichgewicht gerissen wurde. Da ist bei weitem nicht alles Harmonie, wie wir es gerade bei Goethe vermuten würden; da zeigt sich dann auch, daß mancher Lebensrat zu sich selbst gesprochen ist, ein Versuch, Gleichgewicht, Ordnung in einem hereinbrechenden Chaos zu bewahren.
 Aber auch Werden und Vergehen selbst drücken sich in diesen Beziehungen aus, daß nichts bleibt, was man schon zu haben meinte, daß die allmächtige Zeit uns mitreißt und fortträgt. – nicht nur ein Stück Goethe-Biographie, sondern auch gültig für unsere eigenen Jahre.
  Beigefügte Zeichnungen, Aquarelle und Stiche versuchen - wider den Lauf der Zeit - festzuhalten, erinnern, harmonisch mit dem Wort verfügt, auf ihre Weise. Erinnerungen aber erachten wir als kostbar, weil sie uns Fluchten aus dem Getriebe der verfallenden Zeit.
  Mit Goethe durch das Jahr zu gehen, ist deshalb auch weit mehr als nur eine Bildungsattitude. ; vielleicht ist es der Versuch, dem eigenen Leben etwas einzubringen, was bereits als beständig und wertvoll erwiesen ist, oder auch nur den Gesetzen des Vergehens zu trotzen.
  In jedem Fall schenkt dieses reizvolle Buch schöne Augenblicke; und wer hätte diese heute nicht nötig?

Von Eberhart J. Theuer am 23.03.2004

  Manches klug, manches altklug, vieles geistreich, manches weise, manches auch banal – so begegnet uns Goethe täglich in Sprüchen, Ahporismen, Vierzeilern, auf insgesamt 141 Seiten. Goethe in kleinen Dosen – typisch für unsere Zeit ist man versucht zu sagen, wäre der Kalender nicht bereits in der 56. Folge erschienen.
 
  Drei Frauen werden in der Ausgabe 2004 porträtiert, Schauspielerin die eine, die zweite Malerin und Schriftstellerin die dritte:
 
  Corona Schröter, „marmorschön und marmorkalt“ (Herzog Carl August), „ein Engel“ (Goethe), Sängerin und Schauspielerin: „Es gönnten ihr die Musen jede Gunst / Und die Natur erschuf in ihr die Kunst. / So häuft sie willig jeden Reiz auf sich, / Und selbst Dein Name ziert, Corona, dich.“ reimte Goethe in verzückten Jamben.
 
  Angelica Kauffmann, die Malerin, geschätzt und verehrt in allen Städten Europas. „Die Großen dieser Welt drängelten, von ihr porträtiert zu werden.“ (S. 47). Nur das Konterfei Goethes wollte ihr nicht richtig glücken. Warum? Man lese Seite 73f des Kalenders.
 
  Und schließlich Bettina! Bettine – die Wilde, Brentanos Schwester, Arnims Frau, die gerade „in“ zu sein scheint, wird ihr doch in PM History (Februar 2004, 64ff) ein mehrere Seiten langer Artikel gewidmet und ihre politische Schrift „Dies Buch gehört dem König“ auszugsweise abgedruckt. Bettine, die ein geradezu schicksalhaft-verhängnisvolles Verhältnis zu Goethe hatte, und schließlich mit ihrem kokett betiteltem „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“ (ein Kind war Bettine damals nicht mehr) letztlich „triumphierte“, wie es auf Seite 138 des Goethekalenders formuliert wird. Auch der „Briefwechsel“ war ein durchaus kontroversielles Buch; Rilke beeindruckte es.
 
  Die sittliche Corona, die zarte Angelica, die wilde Bettina sind lebendig in makellosem Stil beschrieben und mit ihnen umweht uns ein Hauch vom Geist der damaligen Zeit.
  Viel zu bescheiden dann auch die Referenz zur Autorin dieser Beiträge, Goethekennerin Effi Biedrzynski, die sich auf Seite 4 kleingedruckt im Impressum findet, deren Schilderungen sich bloß Anmerkungen nennen.
 
  Bis auf Band 15 (Übersetzungen) diente jeder Band der Goethe Gedenkausgabe im Artemis Verlag als Fundgrube für die Zusammenstellung, der man mit Recht Mannigfaltigkeit bescheinigen kann.
  Aber nicht immer Exaktheit. Nun habe ich nicht jedes der abgedruckten Zitate mit den Texten in der Artemis-Ausgabe verglichen. Aber eine Stichprobe zeigt bereits, daß die Prosastellen oft gekürzt wurden, teilweise in der Kürzung auch verändert, ohne das dies gekennzeichnet wäre. So liest sich im Original der Artemis-Ausgabe (Band 8, Wilhelm Meisters Wanderjahre: Aus Makariens Archiv, 504):
  „Es gibt keine patriotische Kunst und keine patriotische Wissenschaft. Beide gehören, wie alles hohe Gute, der ganzen Welt an, und können nur durch allgemeine freie Wechselwirkung aller zugleich Lebenden, in steter Rücksicht auf das was uns vom Vergangenen übrig und bekannt ist, gefördert werden.“
 
  Im Goethekalender (S. 55) ist die wichtige Stelle „durch allgemeine freie Wechselwirkung aller zugleich Lebenden“ weggelassen. Zahlreiche weiter Beispiele für Kürzungen dieser Art, teilweise verbunden mit Abänderungen, ließen sich anführen.
 
  Schade auch, daß nicht gleich beim Zitat vermerkt ist, woher es stammt. Lediglich am Ende des Büchleins sind für jede Seite Band und Seite der Artemis-Ausgabe angegeben. Auf Titelangaben oder Siglen wurde dabei verzichtet, so daß sich erst durch Konsultation der Artemis-Ausgabe erschließt, aus welchem Werk Goethes das jeweilige Zitat herrührt.
 
  Auch hätte man wenigstens solche Werke wie etwa die Maximen und Reflexionen, welche – wen wundert’s – häufig in dem Goethekalender zu lesen sind, nach den üblichen Zitiergepflogenheiten nachweisen können.
 
  Falsches verheißt der Rückentext des Büchleins: Die Frauen die dort aufgelistet sind (u.a. Christiane Vulpius) sind gerade nicht Gegenstand des Goethekalenders 2004.
 
  Trotz dieser Unzulänglichkeiten ist „Mit Goethe durch das Jahr“ vorbehaltlos zu empfehlen. Und auch der Kalender für 2005 mit dem Thema „Goethe und Schiller in Weimar“ scheint spannend zu werden.

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