Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Rudolf Kraus
die satanische ferse
neue sprachminiaturen, wortbilder und dreizeiler

Resistenz
2003
72 Seiten


Von Wolfgang Ratz am 10.11.2003

  Der Titel weckt Assoziationen an Salman Rushdies umstrittenen Roman und Karl Kraus’ lyrisches Werk „Worte in Fersen“. Vielleicht auch ein bloßes Wortspiel, obwohl man bei Kraus (Rudolf diesmal) stets auf den Hintersinn gefasst sein sollte.
 Die Themen in diesem neuen Werk sind vielfältig, die Behandlung meist ähnlich: Konzentration und Präzision charakterisieren viele dieser lyrischen Texte, nicht nur aber ganz besonders in den Haiku, die Kraus nur Dreizeiler nennt, wohl um sich von den inhaltlichen Beschränkungen der japanischen Form zu lösen. Denn bei Kraus ist die Aussage nicht in zen-buddhistischer Weise in der Naturbetrachtung verborgen, sondern kommt direkt zur Sprache:
 
 gestern lachte ich / dazwischen lag nicht sehr viel / heute bin ich stumm
 
 oder:
 
 statt anzurufen / schreibe ich dir einen brief / reden macht mich stumm
 
 ein besonders anregendes Kapitel, in dem Kraus vom Thema mitgerissen auch die Lakonie hin und wieder über Bord wirft, ist „auf fremden wegen“, Reisefrüchte aus sehr unterschiedlichen Landschaften, wie der tunesischen Wüste oder dem Waldviertel. Diese Gedichte sprechen die Sinne des Lesers an, wecken Sehnsucht nach dem Fremden, weisen oft aber auch auf eine bedrohte Idylle hin, wie z.B. in:
 
 für william carlos williams [skanes-monastir, tunesien]
 
 sag was du willst / die araber / ich weiß schon / krummsäbel halbmond / heiliger krieg // hinter den prächtigen hotels / wo petflaschen / auf stoffresten und verrotteten verpackungen / -made in france- / in der sonne glitzern / wachsen olivenzweige aus dem sand / und hin und wieder / oleander, kakteen und palmen / und purpurne blümchen / die ich nicht kenne // es ist ein gutes land / sagen die einheimischen / ich glaube ihnen
 
  Der Humor ist ein immer wiederkehrendes Element in Kraus’ Lyrik, allerdings ist es meist ein dunkler, sarkastischer Humor, der aphoristisch Funken aus der Verzweiflung schlägt:
 
 im wahrsten / sinne des wortes / behält doch immer / die lüge oberhand
 
  Wie schon „ich bin mein treuer Killer“ (1999) ist auch Kraus’ neues Werk durch seine Formbewusstheit einerseits und den nie aufgelösten Kontrast zwischen Romantik und Illusionsverlust andererseits ein lohnendes Leseabenteuer.

Von Elisabeth Schawerda am 18.07.2004

  „neue sprachminiaturen, wortbilder und dreizeiler" werden am Buchumschlag angekündigt. Rudolf Kraus ist ein Erfinder interessanter, überraschender Titel, und er weigert sich beharrlich, seine Lyrik Gedichte zu nennen. Dichtung ist es jedenfalls, was sich hier aus Worten zusammenfügt, was an Worten zueinanderfindet und sich verbindet wie ein für alle mal, wie untrennbar. Er faßt sich immer kurz, obwohl er ein „hin und wieder plappermaul" ist und bekennt „zungenschlag / war schneller / als der gedanken / flügelschlag ...". Seine Redefreudigkeit ergießt sich nicht in die Breite, spitzt sich lieber zu, damit vieles auf kleiner Fläche Platz hat. Vielleicht auch um ein Instrument zu haben, womit man verletzen kann, am besten sich selbst.
  Und wovon ist die Rede? Die satanische Ferse ist wohl oft eher eine achilleische, darauf weisen nicht nur die „waidwunden gesänge" hin. Der Autor dreht sich auch häufig auf seinen Versen um, vom poetischen Bild zum trivialen. Letzteres malt er nicht aus, setzt es bloß als punktuellen Akzent ins Bild, ein komplimentärer Farbtupfer. (arabische trilogie II „mittagsstunde / friede der erschöpfung / nur der wind wagt sich durch die sengende hitze / die zikaden brüllen ihr lied hinaus / schnatternd und schrill / und plötzlich still / selbst die fliegen / wirken matt / trotz der fetten touristenbeute" ...) So landet die Ferse immer wieder auf dem Boden, wie schön sie auch ein Wort zuvor noch getanzt haben mag. Bei ihm gibt es „heiße ecken im schnee", heiß und kalt vermischen sich nie zu warm.
  Wir folgen dem Autor gern „auf fremden wegen", in die Wüste oder ins Waldviertel, an die Piesting oder Seine. Alles kann fremd oder vertraut sein, wenn das Hineinschauen und -horchen jene lebendige Intensität annimmt, die ein Wiedergeben verlangt.
  Was sind Wortbilder? Das sind nicht Malereien mit Wörtern. Eher ist es ein Wörtlichnehmen der Wörter, wodurch die Sprache ihre Weisheit zeigt. Als geübter Verfasser von Haikus und anderen strengen Formen ist ihm der Rhythmus der Sprache ein Anliegen, das keine Ungenauigkeiten duldet.
  Kraus hat Humor, er ist auch ein amüsanter Wortbildmaler und Sprachminiaturiste. Seine Gedichte sind keine Hängematten, in denen man sich wiegen kann, wenn es auch manchmal ein paar Zeilen lang so aussieht. In der nächsten Zeile liegt man draußen, verblüfft und betroffen.

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.