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Anne Atik
Wie es war
Erinnerungen an Samuel Beckett

Suhrkamp
2003
Übersetzt von Wolfgang Held
173 Seiten
€ 24,90 [D]


Von Volker Frick am 15.10.2003

 telegram sam
 
  Er schrieb so Sätze wie “Es gesagt zu haben, überzeugt mich vom Gegenteil”. Die Dichterin Anne Atik erinnert sich an Samuel Beckett eher anekdotisch. Und das ist gut so.
 
  Gemeinsam mit ihrem Mann, dem israelischen Maler rumänischer Herkunft Avigdor Arikha, verband Anne Atik eine jahrzehntelange Freundschaft zu jenem Schriftsteller, der, 20 Jahre nachdem er den Literaturnobelpreis erhalten hatte, im Jahre 1989 starb. Sein Werk erfährt bis heute eine eher akademische Rezeption, ausgenommen vielleicht die beiden bekanntesten Theaterstücke aus seiner Feder, “Endspiel” und “Warten auf Godot”. Für letzteres erhielt er den noblen Preis, begab sich nun aber nicht selbst nach Stockholm zur Entgegennahme, da er ihn keinesfalls durch den irischen Botschafter überreicht bekommen wollte, sondern schickte seinen Verleger Jérôme Lindon. Der dann allerdings den Scheck über 375 000 Schwedische Kronen (damals rund 300 000.- DM) vergaß.
  Der Biographie von Deirdre Bair (1978, dt. 1991) wird seit ihrem Erscheinen der Makel der Ungenauigkeit nachgetragen, die Biographie von James Knowlson (1996, dt. 2001) ist empfehlenswert, aber “he’s a lousy writer”, wie Raymond Federman, der nun wiederum die maßgebliche Bibliographie über sein Werk bis zum Jahre 1970 verfasste, mir gegenüber äußerte. Die Biographie von Bair umfaßt 894 Seiten, die von Knowlson 1114 Seiten. James Knowlson verweist immerhin auf die Deutschlandtagebücher, dermaleinst, und gleichzeitig dezidiert auf die lebenslange Liebe zur Malerei, die Handhabung des Lichtes durch die Alten Meister und deren Einfluß auf die Lichtregie bei den Theater-, Fernseh- Film- und Videoproduktionen von Samuel Beckett.
  Es gibt ein paar Zeilen dieses Schriftstellers, die äußerst präzise sind, wenn es um die Erfassung dessen geht, was gemeinhin mit künstlerischer Prozeß benannt wird: “Wieder auf dem Sprung gegenüber dem unbezwinglichen Außen. Auge und Hand fiebernd nach dem Nicht-Selbst. Duch die von ihm unablässig veränderte Hand unablässig verändertes Auge. Zum Nicht-zu-Sehenden und Nicht-zu-Schaffenden vor- und zurückstoßender Blick. Ruhe im Hin und Her und Spuren dessen, was es heißt, zu sein und gegenüber zu sein. Tiefe wunde Spuren.” Diese Zeilen sind betitelt “Für Avigdor Arikha”.
  In dem Buch “Wie es war” von Anne Atik finden sich Entwicklungsstadien dieser Handvoll Zeilen. Neben der Nähe zu einem Romantitel von Beckett (“Wie es ist”) enthält es darüber hinaus schlicht ‚Erinnerungen an Samuel Beckett‘, wie der Untertitel lautet. Beim ersten Durchblättern fallen die Zeichnungen, die Arikha von Beckett schuf, ins Auge: Samuel Beckett im Gespräch, 26. Juni 1983. Aber es sieht eher so aus, als ob er zuhört, und Anne Atik erzählt uns dies, wie “niemand so wie Beckett das Gefühl geben konnte, daß er einem wirklich zuhört.” Den einen oder anderen Abend schwieg er. Anne liest vor: “Wer wirklich schweigsam ist, bleibt still, wenn er etwas zu sagen hat.”
  1959 lernt Anne Atik Beckett kennen. Ihr späterer Mann Avigdor Arikha und Beckett sind drei Jahre zuvor eingeladen bei dem Lyriker Alain Bosquet, der dann alle Gäste ins Crazy Horse einlädt. Nach kurzer Inspektion suchen die beiden das Weite: bis acht Uhr morgens miteinander redend durch die Straßen wandern. Giacometti geht man dann auch schon mal aus dem Weg. Oder “Abende, die sich manchmal bis vier Uhr morgens ausdehnten, bei Wein und Whisky wechselweise, mit einigen Bieren abgerundet, und zur Krönung Champagner.” Glaubt man Anne Atik, so hat Beckett bis ins hohe Lebensalter exzessiv getrunken.
  Sie erzählt aus der Nähe einer Freundschaft. Beckett nicht als Vertreter des Absurden Theaters (wie immer noch fälschlich behauptet wird), nicht als Sekretär von Joyce (wie immer noch fälschlich behauptet wird), sondern, und klingt es auch banal: als Mensch. Und Anne Atik erzählt nicht eigentlich. Sie fängt mit wenigen Worten Situationen ein. Manchmal telegrammartig, wie auch diese tagebuchartigen Notizen erst Jahre nach der ersten Begegnung beginnen, und es sich ganz offensichtlich auch nur um eine Auswahl handelt. Die aber ist gelungen. Anne Atik blättert die profunden Kenntnisse der Musik, der Malerei und der Dichtkunst dieses noblen Autors des vergangenen Jahrhunderts auf. Und verweist darob zurecht mehrfach auf die Biographie von Knowlson.
  Ein tiefgreifendes und so gar nicht hochstapelndes Buch. Postkarten und Briefe, meist nur wenige Zeilen. Die Zeichnungen ihres Mannes von Beckett, beim Schachspiel zum Beispiel. Alles sehr schön - eine literaturgeschichtliche Annotation vielleicht nur. Dieser dem Schweigen zugeneigte Schriftsteller erfährt hier eine liebevolle und aufmerksame Würdigung. Zehn Jahre nachdem er die Laute beiseite gelegt hat, am 22. Dezember 1999, findet Erika Tophoven auf seinem Grab “nur ein paar verwelkte Blumen – und eine Banane.”

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