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Karl Heinrich Pohl (Hrsg.)
Politiker und Bürger
Gustav Stresemann und seine Zeit

Vandenhoeck & Ruprecht
2003
311 Seiten
€ 25,- [D]


Von Richard Niedermeier am 13.10.2003

  Margret Thatcher hat den Deutschen stets mißtraut. Entweder, so ihre Meinung, seien sie devot oder aber sie spielten sich als Herrenrasse auf. Daß solche Vorbehalte nicht neu sind, zeigt auch ein Blick in die Zeit der Weimarer Republik. Die furchtbare Niederlage des Ersten Weltkrieges und die schwere Last des Versailler Vertrages führten zu einer grundlegenden Neugestaltung der Innen- und Außenpolitik Deutschlands. Aber schon damals fragten sich viele, ob diese neue Politik wirklich auf Überzeugung beruhe oder nur Opportunismus sei. Ein Politiker stand dabei im Mittelpunkt des Interesses, der wie kein anderer im In- und Ausland Ansehen genoß und dem es gelang, Deutschland auf die Weltbühne der Politik zurückzuführen: Gustav Stresemann (1878-1929).
  Der Parteichef der nationalliberalen Deutschen Volkspartei, 1923 für wenige Monate Reichskanzler und danach bis zu seinem Tod Außenminister, betrieb eine, wie er es selbst nannte, „nationale Realpolitik“, die Deutschlands Rolle in der Welt durch Versöhnung mit den Westmächten, aber auch durch wirtschaftlichen Aufschwung wieder stärken sollte. Dem diente auch der Abbau sozialer Spannungen und das Bemühen, durch Koalitionen unter Einschluß der Sozialdemokraten eine möglichst breite Basis für die Regierung zu schaffen.
  Stresemann war in seiner Zeit eine Art Hoffnungsträger. Gewandt auf dem diplomatischen Parkett, ausgleichend und versöhnend im Inneren verkörperte er die Schauseite der Weimarer Republik, die freilich durch seinen allzu frühen Tod für immer verhängt werden mußte. Zeitgenossen und später die Historiker haben in ihm etwas Schillerndes erblickt, etwas das Glanz sein oder auch nur eine letzte Inkonsequenz, eine innere Fragilität andeuten mochte.
  War Stresemanns Politik nur der Versuch einer großangelegten Revision der für Deutschland so fatalen Ergebnisse des Weltkrieges oder ist in ihr rudimentär schon die Europäische Idee verwirklicht? Wollte der Liberale und Bildungsbürger den sozialen Ausgleich der Klassen, weil er von der Vorstellung sozialer Gerechtigkeit durchdrungen war oder um im Interesse des Großkapitals die Arbeiter ruhigzustellen? Das Urteil über Stresemann war von Anfang an wesentlich auch eine Sache der Perspektive, des je eigenen Horizontes des Interpreten.
  Und diese Perspektive, unser Blick auf ihn und seine Zeit hat, so meint jedenfalls der Stresemann-Kenner Karl Heinrich Pohl, seit der Wiedervereinigung Deutschlands einen grundlegenden Wandel erfahren (vgl. Pohls „Einleitung“ und seinen Artikel „Gustav Stresemann – Überlegungen zu einer neuen Biographie“). Grund genug für Pohl, einen neuen Ansatz zur historischen Beurteilung zu wagen, und zwar nicht in Form einer geschlossenen Monographie, sondern als eine den aktuellen Forschungsstand weitaus besser repräsentierende Aufsatzsammlung.
  Der Reiz dieses Buches liegt allein schon darin, daß nicht nur deutsche Historiker zu Wort kommen. Es zeigt sich, wie differenziert ausländische Fachleute die Weimarer Schicksalsjahre heute sehen, so daß sie sogar innerhalb der einzelnen Parteien unterschiedliche Strömungen wahrnehmen und danach die Chancen und Risiken der damaligen deutschen Politik beurteilen (so z.B. L. E. Jones in seinem Beitrag „Stabilisierung von Rechts: Gustav Stresemann und das Streben nach politischer Stabilität 1923-1929“). Demgegenüber präsentiert W. Michalka („Stresemann im Lichte seiner gegenwärtigen Biographien: Stresemann aus deutscher Sicht“) bewußt deutsche Sicht- und Zugangsweisen. Andreas Körber („Der Stresemann-Film in der öffentlichen Erinnerung an Gustav Stresemann“) untersucht, wieweit Stresemann in das allgemeine politische Bewußtsein der Nachkriegs-Bundesrepublik eingegangen ist.
  Neben der Außenpolitik (P. Krüger, „Zur europäischen Dimension der Außenpolitik Stresemanns“ und G. Niedhart, „Außenminister Stresemann und die ökonomische Variante deutscher Machtpolitik“) stellt sich vor allem die Innen- und Parteipolitik Stresemanns als Desiderat künftiger Forschungen heraus (u.a. L. Richter, „’Das ausgleichende staatspolitische Moment des zu bildenden Kompromisses’. Überlegungen zum politischen Weg Gustav Stresemanns und der deutschen Volkspartei in der Weimarer Republik“). War Stresemann in der falschen Partei, gab es überhaupt „identitätsstiftende Leitwerte“, die über Staat und Nation hinausgingen (L. Richter)? Über die von Stresemann gewirkten sozialpolitischen Kontinuitäten denkt M. Prinz („Gustav Stresemann als Sozialpolitiker. Magier oder Zauberlehrling“) nach. Prinz nimmt einigen Illusionen den Wind aus den Segeln: Eine stärkere Annäherung der Arbeiterschaft an die Angestellten wäre auch ohne die Zäsur durch Stresemanns frühen Tod nicht zu erwarten gewesen.
  Mehrere Studien beschäftigen sich mit den Anforderungen an eine künftige Biographie Stresemanns. Hier warnt Pohl (s.o.) nicht ohne Grund, in Stresemann eine Heldenfigur aufzubauen, die sich ohne Brüche und innere Verwerfungen entwickelt habe. H. A. Turner („Überlegungen zu einer Biographie Stresemanns“) spielt das Was-wäre-wenn-Spiel – er nennt es eine „kontrafaktische Analyse“ – und geht die Möglichkeiten durch, die sich ohne seinen frühen Tod für die deutsche Politik ergeben hätten. Sein Resüme: Es wäre den Deutschen das Schlimmste (Hitler) erspart geblieben. Allerdings wäre vor allem die künftige deutsche Polenpolitik noch eine enorme Herausforderung gewesen. Aber was das mit einer Biographie zu tun hat? Solche Spekulationen können neue Fragehorizonte für biographische Forschungen eröffnen oder zumindest neue Gewichtungen veranlassen.
  H. Starke („Dresden in der Vorkriegszeit. Tätigkeitsfelder für den jungen Gustav Stresemann“) wendet sich einem bislang vernachlässigten biographischen Kapitel zu. Stresemanns Dresdner Zeit, in der er ganz entscheidende politische Prägungen erfahren hat. Hier biete sich auch die Chance, etwas über die Weltanschauung dieses Pragmatikers zu eruieren.
  Es scheint überhaupt darauf anzukommen, Stresemann nicht nur als Handelnden in schwerer Zeit, sondern als Person mit Tiefendimensionen darzustellen. Daß sein Bild in der Öffentlichkeit nicht identisch sein muß mit der Innenseite seiner Person, stellt J. Wright heraus („Die Maske: Stresemanns politische Persona“). Wright sucht gerade durch psychologische Überlegungen und durch Rückgriff auf fundamentale Erfahrungen Stresemanns die Kompexität seiner Person nachzuzeichnen. Das gilt – von den Ergebnissen einer solchen Untersuchung ganz unabhängig - auch von C. Baechler („Gustav Stresemann (1878-1929): Einige Überlegungen über den Politiker und seine Politik“). Auch hier die Feststellung einer Doppelgesichtigkeit seiner Person wie seiner Politik und deshalb die Aufforderung, in Anerkennung der Grenzen, die jedem Biographen gesetzt sind, in der Beurteilung „synthetisch“ zu verfahren. Unabdingbar sei jedoch, mit der Entwicklungsfähigkeit seiner Person zu rechnen.
  So erbringen alle Beiträge zusammen – über das Stresemann-Thema hinaus - auch ein geschärftes historisches und biographisches Problembewußtsein. Der Leser begreift, daß das Studium der Dokumente nicht genügt. Das Geschäft des Historikers und Biographen ist viel komplizierter. Pohls Stresemann-Buch macht diese ganze Komplexität bewußt und wird deshalb für zukünftige Arbeiten zweifellos Maßstäbe setzen.

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