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Adolf Schröder
Das Kartenspiel
(2001)

Piper
2003
207 Seiten
€ 8,90 [D]


Von Manfred Erdmenger am 02.10.2003

  Der 22jährige angebliche Student Markus Hauser, der Schriftsteller werden möchte, arbeitet sechs Tage in einem Aushilfejob für Selma Bruhns, eine alleinlebende ältere Frau, die bereits geschrieben hat - drei Kisten Briefe an eine Verstorbene, welche er chronologisch ordnen soll, und die sie dann im Hof verbrennt. Es sind sechs Tage, in denen Markus widerwillig, jedoch unwiderstehlich in die Pflicht genommen, in der Bruhns'schen Villa schafft, fünfmal großzügig bar entlohnt. Am sechsten Tage allerdings beobachtet ein Nachbar, wie er in einem starken Regenschauer, das Haus in Eile mit einem Aktenkoffer verlässt. Am siebenten Tage wird er zur Polizei vorgeladen: Frau Bruhns ist tot, mit ihrem eigenen weißen Seidenschal erdrosselt, und in dem Aktenkoffer befinden sich 120.000 Mark.
  Was an der Oberfläche wie eine belanglose Kriminalgeschichte erscheint, entpuppt sich als schrittweise Enthüllung dreier Schicksale, deren Umstände erst ahnen lassen, warum sich die Personen so verhalten: eine Überlebende aus dem Holocaust, ein in der Psychiatrie gelandeter depressiver junger Mann und einer, der seine in den Tod ergebene Tochter bei schwerer Krankheit bis zum Tode gepflegt hat. Es wird wenig gesprochen, alle Höflichkeitskonventionen werden vermieden, oft antworten die Menschen nicht. In solch zähem Kokon des Schweigens dennoch Erkenntnisse über den anderen und Empathe mit ihm hervorzurufen ist schwer für die Handelnden, etwas leichter für den Leser, den der Autor immerhin etwas in den jungen Markus hineinschauen lässt.
  Das Kartenspiel? Ganz einfach: ein Skatblatt wird gemischt, in zwei Blöcke geteilt; die Spieler decken nacheinander je eine Karte auf, wer zweimal die höchste hat, gewinnt. Selma Bruhns hat es mit ihrer Zwillingsschwester Almut gespielt und immer gewonnen. Sie spielt es auch mit Markus.
  Die sechs Tage der Arbeit des Markus sind auch die sechs Kapitel des Romans, der siebente ist in chronologischen Episoden in sie hineingeschossen, eine dritte Bedeutungsebene vermitteln einige oberflächlich faktische Briefauszüge aus den Papieren, die Markus sortiert.
  Der Stil ist fast durchgehend parataktisch. Schröder weiß mit Zeiten umzugehen, die Ereignisse der 6 Tage stehen im Präsenz, was vorher war, in verschiedenen Zeiten der Vergangenheit. Man lasse sich nicht stören von anscheinend in sich widersprüchlichen Sätzen wie: "... ein an der Rückwand des Raumes hängendes Bild. Die Ölfarben leuchteten auf, dunkelbraun, schwarz...". Es sind nur wenige in dem durchweg gut geschriebenen Buch.
  NB: der Figaro Littéraire vom 19.9.2003 lobt die Tiefe des Romans, die ohne die übliche Schwere deutscher Literatur daherkommt.

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