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Michel Houellebecq
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Rowohlt
2003
352 Seiten
€ 9,90 [D]


Von Volker Frick am 23.09.2003

  Als Leser überrascht der zynische Realismus von Michel Houellebecq nicht mehr. Er ist sehr unterhaltsam, aber auf die Dauer sehr ermüdend. Allenfalls Urlaubslektüre.
  Dieser Roman spielt in der Tourismusbranche, der Protagonist trägt wiederum den Vornamen des Autors, es wird aus Reiseführern zitiert, und der Islam als Monotheismus kritisch gewürdigt. Wenn einer reist, dann will er was erleben. Reisen bildet. Fremde Länder, fremde Sitten. Für Michel ist der Tourismus als ökonomischer Kategorie durch ein sexuelles Moment bestimmt. Und dies gilt es zu forcieren. Sommer, Sonne, Strand, und Sex. Warum also nicht der diskret angebotene Cluburlaub zum Verschleudern der Sekrete? Die Thaimädchen, die kubanischen Frauen, warum extra in ein Hotel, warum also nicht all inclusive? “Ganz allgemein gesehen, ist der Sektor von ausgesprochenem Dilettantismus geprägt – was eine gewaltige Gewinneinbuße für die gesamte Branche darstellt.” Michel hat gute Ideen, sie kommen gut an und finden ihre Umsetzung. Er lernt eine Frau kennen, die bei ihm bleibt. Sie erfüllt seine Wünsche. Und so taucht ein Gefühl auf, vielleicht eher eine verschwommene Empfindung, etwas, was nicht nur etwas neues für unseren Protagonisten darstellt, sondern, und ist es auch harsch, mehr als überraschend für ein Buch dieses Autors ist. Denn Zynismus ist gefühllos. Sein Realitätssinn hingegen ist kalt beobachtend, treffsicher. So stirbt die Lebensabspritzpartnerin des Protagonisten bei einem terroristischen Anschlag auf die Clubanlage, in der sie gerade gemeinsam weilen. Die Attentäter waren vermummt oder trugen vielleicht auch Windeln um den Kopf, alles ging so schnell.
  Im Original erschien dieses Buch 2001, die sexuelle Ausbeutung hingegen ist kein neuzeitliches Phänomen. Sexualität als untergründige Struktur des Alltags, vielfach in der Ausformung gewaltinstruiert, findet in diesem Roman, der eh keiner ist, da offensichtlich durchsichtig konstruiert, nur als gewöhnlicher pseudoliterarischer Abzählreim statt. Vom Cumshot zur doppelten Penetration. “Von geschlechtlicher Not zur sozialen Katastrophe” war der Titel eines Textes von Franz Jung aus dem Jahre 1923 über Otto Gross, aber das ist eine andere Geschichte.
  Es ist eins dieser Bücher, die in den Koffer gestopft werden, die angelesen werden, die im Papierkorb landen, oder bei Ebay, oder einfach nur nasswerden am Pool. Die Dessous des Kleinbürgers als Skandalroman. Michel Houellebecq lebt in Irland, und ich bin guter Hoffnung Michel Houellebecq schreibt, wenn nicht große, dann doch Literatur. Dermaleinst.
  Gerade weil vor Jahren mich eine Zeitgenossin irgendwie fragte “Es geht doch immer nur ums Ficken.” Pause. “Oder?” Und ich eine Antwort durch mein Schweigen vermittelte, möchte ich darob Ihnen nicht zu diesem Buch raten. Michel Houellebecq war von Anbeginn overrated, seinen “Elementarteilchen” aber sei gewünscht ein Überleben in der Literaturhistorie, eingedenk der Worte von Schopenhauer: “Bei gleicher Umgebung lebt doch jeder in einer anderen Welt.”

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