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Tilman Bechert
Römische Archäologie in Deutschland
Geschichte, Denkmäler, Museen

Reclam
2003
448 Seiten
€ 17,90 [D]


Von Richard Niedermeier am 04.08.2003

  Geschichte und Archäologie des Römischen Reiches haben die Menschen seit je fasziniert, keine Frage; doch was in den letzten Jahrzehnten nahezu explosionsartig angewachsen ist: das Interesse und auch die Kenntnis über die Präsenz Roms nördlich der Alpen, also die sog. provinzialrömische Archäologie. Bedeutende Funde wurden an Rhein und Donau gemacht, und so mancher selbst kleine Ort – man denke nur an das niederbayerische Künzing – schmückt sich inzwischen mit einem Museum zur frühgeschichtlichen und römischen Zeit.
  Es mag genügen, die Geschichte Roms aus Büchern und Quellentexten zu studieren; die römischen Provinzen aber wollen – im ursprünglichen Wortsinn – „erfahren“ sein. Dazu eignet sich als eine Art Vademecum ganz hervorragend Tilman Becherts Buch „Römische Archäologie in Deutschland“.
  Hier finden sich, alphabetisch geordnet und mit nützlichem Kartenmaterial, Skizzen und anderen Abbildungen versehen, sämtliche Fundorte, wobei sogar auf einzelne bedeutsame Fundobjekte hingeweisen wird. Selbst Adressen und Öffnungszeiten jeweiliger Römermuseen wurden mitaufgenommen. Dazu nehmen zahlreiche Verweise die Fundorte aus ihrer Isolation heraus, so daß nicht nur Orte, sondern auch Regionen miterfaßt werden. Kurz, man kann mit diesem Buch ganze Kulturreisen in die römische Vergangenheit planen, ohne daß man frustriert wird von der Diskrepanz zwischen dem Vorgestellten und der Realität.
  Der Auflistung der Denkmäler und archäologischen Funde sind zwei Abschnitte über „Wissenschaft und Forschung“ und über „Die Römer an Rhein, Mosel und Donau“ vorgeschaltet. Der erste von beiden macht mit Arbeitsweisen und Hilfsmittel der Archäologie vertraut und exemplifiziert dabei Grundlegendes an einzelnen Fallbeispielen, die – wie etwa die Frage nach dem Ort der Varus-Schlacht – alle auf das Ineinandergreifen von Archäologie und Geschichte (also Quellen, Dokumente, Geschichtschreibung) abheben. Wenn außerdem ein Überblick über „Die Römerforschung in Deutschland“ von den Anfängen im Humanismus bis heute gegeben wird, so ist dies weit mehr als nur eine Reminiszenz an das Wachsen und Reifen einer Wissenschaft, die sich aus der Rolle eines Orchideenfachs an den Universitäten erst herausarbeiten mußte, oder eine Verbeugung vor ihren frühen Protagonisten. Wir finden uns da unversehens auch mit forschungsleitenden, bisweilen die Forschung auch behindernden Interessen konfrontiert, deren sich jede Wissenschaft bewußt sein muß, wenn sie (selbst)kritisch sein will. Darüber hinaus gewinn man aber auch eine nahezu detektivische Sensibilität für frühgeschichtliche Räume. Wer heute z.B. zwischen Donau und Altmühltal auf eine „Teufelsmauer“ stößt, kann sicher sein, sich nahe einem Relikt aus römischer Zeit aufzuhalten. So waren sie eben die Anfänge der provinzialrömischen Archäologie: Gerade diejenigen Namen wurden zu Zeugen der Vergangenheit, die diese Geschichte eigentlich auslöschen sollten. Hier lernt man einfaches archäologisches Handwerk, noch ganz jenseits der Möglichkeiten der modernen Luftbildarchäologie oder ausgefeilter Grabungstechniken.
  Der zweite Vorspann liefert sozusagen den bisherigen Ertrag der provinzialrömischen Archäologie und Geschichtsforschung. Er verfolgt, aufgeteilt in vier Abschnitte („Zeit der Eroberung“, „Zeit der Konsolidierung“, „Zeit der pax Romana“, „Zeit der Spätantike“), die Geschichte des römischen Lebens in Deutschland. Man wird daran erinnert, daß es sich um einen langen, keineswegs homogenen Zeitraum von etwa fünfhundert Jahren handelt, in dem Aufstieg und Niedergang römischer Herrschaft selbst nur als komplexe Prozesse begriffen werden können. Auch die sog. „germanische Landnahme“ ist deshalb sehr differenziert, eher als ein langsamer Übergang zu betrachten.
  Diese Kontaktnahme zwischen den Kulturen und den Epochenwandel des Übergangs von der Spätantike ins frühe Mittelalter anhand der uns nächsten archäologischen Fundorte und Fundstücke nachzuvollziehen, ist wohl das Aufregendste und Lehrreichste, was uns die provinzialrömische Archäologie bieten kann. Becherts vorzügliches Buch nimmt auch den den Laien in dieses große und bewegende Thema mit hinein.

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