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Gerd Berghofer
Beziehungen und andere Feindschaften

Wiesenburg
2003
124 Seiten
€ 12,- [D]


Von Ewart Reder am 15.07.2003

  Ist erzählende Literatur heute noch möglich? Vieles und viele sprechen dagegen. Schon Ortega y Gasset nannte es”praktisch unmöglich, neue Motive zu finden”, sprach von ”einem ausgedehnten, aber endlichen Steinbruch; denn der Roman verfügt über eine vorgegebene Anzahl möglicher Stoffe.” Erst recht erschöpft wären die Möglichkeiten der Erzählung, die weniger Erzähl-Zeit, damit weniger Abwandlungsspielraum für den Stoff hat als der Roman.
  Und wenn dann noch ein Lyriker zu erzählen anfängt? Schuster bleib bei deinen Leisten (worüber sollen wir dich sonst schlagen?). Aber Gerd Berghofer, der jetzt eine umfangreiche Erzählung mit dem Titel ”Beziehungen und andere Feindschaften” vorlegt, hat auch in seinen Gedichten längst zu erzählen begonnen, ausführlich im jüngsten Band ”Die Geschmeidigkeit der Stunden” (Wiesenburg Verlag 2002). Wie das lyrische Sprechen klingt das Erzählen in Berghofers Fall von innen motiviert; dieser Autor tut nichts, was er lassen könnte. Und so sprudeln Geschichten, ganz neue neben neuartig vertraut wirkenden, aus ihm heraus wie aus anderen nur die Worte zu dem, was nicht mehr erzählt werden kann. Hier spricht einer Bände und hat noch gar nicht viel gesagt. Fremd scheint ihm die Angst vieler Kollegen zu sein, die jeden Einfall zu einem eigenen Buch verarbeiten, ehe denn ihre Einfälle versiegen. Oder die - vornehmere Variante - aus einer beabsichtigten Kur-Kurzgeschichte einen Achthundertseitenberg zaubern.
  Berghofers Geschichtenbergwerk liefert, was der Druck unerträglicher Verhältnisse in den Tiefen des Menschengemüts angelagert hat. Letzteres ist auf einmal wieder vorhanden, keine austauschbare Bedienungsoberfläche mehr wie bei den poetisierenden Golffahrern, den Popstuckateuren des virtuellen Raums. Der Wahnsinn des Bürgers, der seinen Garten vermint, ist so echt wie die Verzweiflung der Abtreiberin, deren schwangere Freundin ihr ein Loch in den Unterleib schwatzt. Der Selbstmörder beim Entern des Eisbärenkäfigs ist nicht weniger real als der Nachbar, dem das schläfrige Ohr von der Wand rutscht und so die neueste Misshandlung seiner Nachbarin entgeht. Expressiv erzählte Impressionen sind dies, eine Art literarische Glasnost des real existierenden Inhumanismus, in den Spitzen nicht stumpfer als Thomas Jonigks Schwulen-Horrorskop ”Jupiter” und doch, anders als bei Jonigk und den meisten, mit gekonnter und gewollter Empathie geschrieben. Diese Welt ist die unsere, und von dieser Welt ist auch ihr Schöpfer. Er könnte in jeder Geschichte plötzlich klingeln und vor dem überraschten Leser stehen. Die Irrungen seiner Figuren sind abgelauscht, aus vertrautem Umgang bekannt, so traut, dass mitunter auch in das Erzählen Wertbegriffe des wildgewordenen Kleinbürgers irritierend intermittieren.
  Sagten wir ”Geschichten”? Ja doch, und trotzdem liegt ein geschlossenes Erzählwerk vor. Die gesammelten Minitragödien gruppieren sich um den Bericht eines langen Abends und seiner Reise in die Beziehungsnacht. Eine ”Wolke von Zeugen” (Hebräerbrief) beglaubigt den inneren Kriegsbericht eines einzelnen Paars. Übrigens lässt sich das Buch auch als Novelle auffassen, ist doch nach Goethes Forderung am Ende des Abends von einer wahrhaft ”unerhörten Begebenheit” die Rede. Aber die soll hier nicht verraten werden, genausowenig wie der Schluss, dessen Magie dem Rezensenten weniger poetisch als pragmatisch einleuchtet, nach dem Motto ‘Irgendwie muss es schließlich weitergehen mit uns beiden.’ Darüber möge der Leser entscheiden, dem ein Leckerbissen wie der hier angezeigte nur ofenfrisch serviert, keinesfalls vorgekaut werden darf.

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