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Gerd Scherm
Der Nomadengott
Fantastischer Roman

Kontor für Kunst & Literatur
2003
308 Seiten
€ 18,- [D]


Von Gitta Warnemünde am 13.07.2003

  Gerd Scherm, 1950 in Fürth geboren, ist als Schriftsteller, Künstler, Ausstellungsorganisator und Kommunikationsdesigner tätig. Von Anfang der 70er bis Anfang der 80er Jahre war Scherm u.a. als Kreativdirektor für Rosenthal tätig und wirkte als Projekt-Assistent des Zero-Künstlers Prof. Otto Piene (M.I.T., Cambridge, Mass., USA) für verschiedene Umweltkunst-Projekte. Er organisierte u.a. die Selber Literaturtage, die Rosenthal Künstlertage auf der Mathildenhöhe in Darmstadt und seit 1992 die Fürther Kunst-Begegnungen im Stadtmuseum, Schloss Burgfarrnbach.
  Seit vielen Jahren forscht Gerd Scherm intensiv auf den Gebieten Mythologie, Mythenbildung, Symbolik und Ritualisik.
 
  Ägypten, Ende der zweiten Zwischenzeit. Im Delta hat Pharao Ahmose just sein Werk der Hyksos-Vertreibung erfolgreich zu Ende gebracht. Die Kunde dringt ins ferne Theben, wo eine kleine Hyksos-Gemeinde, deren Vorfahren schon vor Hunderten von Jahren nach Ägypten eingewandert waren, langsam beginnt, sich Sorgen um ihre Zukunft zu machen. Speziell Schreiber Seshmosis, als Einziger des Lesens und Schreibens mächtig, sieht die schwarzen Wolken der Verfolgung seiner Landsleute durch die Ägypter am Horizont aufziehen. Er beschließt, mit seiner kleinen etwas unwilligen Gefolgschaft das Land zu verlassen. Unerwartet wird ihm Hilfe zuteil. Ein allmächtiger „Gott ohne Namen“ erscheint Seshmosis in vielerlei Gestalt und stellt sich schließlich an die Seite der potenziellen Flüchtlinge. Seshmosis ernennt er kurzerhand zu seinem Propheten. Dass die Allmacht dieses Gottes wegen Kurzsichtigkeit leicht eingeschränkt ist, macht die Sache allerdings manchmal ein wenig problematisch. Erschwerend kommt hinzu, dass einer der Hyksos, die sich inzwischen aus Vorsicht in Tajarim umbenannt haben, bei einer Rangelei mit Sobek dessen Anch an sich genommen hat und es nicht wieder los wird. Das gefällt trotz der dadurch auf ihn kommenden ungeahnten Fähigkeiten weder ihm noch den Göttern des Pantheons. Die Tajarim brechen jedoch gegen alle Widrigkeiten auf, um quer durch Ägypten immer entlang des Nils in das legendäre Land der Väter zu gelangen – auch wenn sie nicht die geringste Ahnung haben, wo dieses Land eigentlich genau liegt und was sie dort erwartet.
 
  Gerd Scherm erzählt die ganz und gar unhistorische Geschichte des turbulenten Tajarim-Auszugs - der sich hier parallel zum biblischen Exodus in Form der Hyksos-Verteibung abspielt - mit einer großen Portion trockenen Humors, die mich zeitweilig ein wenig an Kishon erinnerte. Köstlich zum Beispiel die Adaption der Großen Zehn Gebote auf den wirren Haufen Tajarim mit ihrem kleinen „Gott ohne Namen“. Dieser lässt sich von Seshmosis die Originale verlesen, um deren Übernahme zu prüfen.
 
 Zitat:
 Seshmosis: Du sollst nicht stehlen
 Gott ohne Namen: Ihr seid doch jetzt Nomaden, oder ?
 Seshmosis: Ja doch, warum?
 Gott ohne Namen: Und dann „Du sollst nicht stehlen“? Ziemlich unpraktisches Gebot, wenn man Hunger hat.
 Seshmosis: Also gut „Du sollst nicht stehlen, ausser wenn Du Hunger hast“
 
  Nach weiteren Rationalisierungen bleiben schließlich sechs praktisch abgewandelte Gebote übrig; vier werden ersatzlos gestrichen.
 
  Der Autor beschreibt die Begebenheiten voller Situationskomik und mit witzigen Dialogen, die dem Leser nicht nur ein Schmunzeln, sondern hier und da auch mal einen lauten Lacher entlocken werden. Es handelt sich bei diesem Buch nicht um einen der schwülstigen Historienromane, wie es viele auf dem Markt gibt, sondern um einen locker erzählten Lesestoff, der nach meiner Auffassung viel Sachverstand aber auch Bibelfestigkeit erkennen läßt. Schade nur, dass so manchem gänzlich unägyptomanischen Leser viele kleine Anspielungen entgehen werden. So meine leise Befürchtung.
 
  Auf den abschließenden Seiten des Buches finden sich eine Karte, in welche alle im Buch erwähnten Orte eingezeichnet sind, und ein Glossar mit den Personen- und Götternamen.
 
  Jedem – vor allen Dingen jedem Ägyptomanen, der sich eine kurzweilige, intelligent-humorvolle Lektüre wünscht, kann ich diese Erzählung guten Gewissens empfehlen.

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