Peter Braun Dichterhäuser
dtv 2003 224 Seiten ISBN: 3423243627 € 15,- [D]
Von Richard Niedermeier am 01.07.2003 „Hereinspaziert ins Haus eines Dichters!“, solch eine Aufforderung zu ungehemmter Neugier würden viele gerne hören: in verborgenen Winkeln zu suchen, Intimes begehrlichen Blicken preiszugeben oder den Bewohner in seiner Gewöhnlichkeit bloßzustellen. Peter Browns Buch über Dichterhäuser befriedigt derartige niedere Bedürfnisse nicht; es macht aus den Häusern aber auch keine Kultstätten oder Museen. Man ist überhaupt erstaunt, welch langen Anlauf der Autor bisweilen nimmt, bis er auf sein eigentliches Thema zu sprechen kommt: die Häuser von Goethe und Schiller in Weimar, von Bert Brecht in Berlin, Theodor Storm in Husum, das Thomas-Mann Haus in Lübeck, das „Rüschhaus“ der Annette von Droste-Hülshoff, das von Grabbe in Detmold und von E.T.A. Hoffmann in Bamberg, Jean Pauls Wohn- und Sterbehaus in Bayreuth, das Geburtshaus der Marie-Luise Fleißner in Ingolstadt, das „Kernerhaus“ in Weinsberg, Hölderlins Turm in Tübingen, Hesses Traumvilla in Montagnola und schließlich das Wohnhaus der Familie Trakl am Salzburger Mozartplatz. Freilich bietet auch dieses Buch Außenaufnahmen und Photos von Interieurs, gibt am Schluß nützliche Hinweise für Besichtigungen; dennoch geht es nicht primär um die Häuser als solche, viel eher um das, was man „Behaustsein“ nennen könnte. In manchen Fällen führt der Lebensweg zur Behausung hin, in anderen führt er davon weg ins Freie, aber auch ins Ungewisse, ins Unstete, ins Wagnis. Da sehen wir den früheren Stürmer und Dränger Goethe, wie er von seiner Christiane Vulpius dickgefüttert sich im Behaglichen seines Gartenhäuschens und schließlich in seinem Haus am Frauenplan einrichtet, nichts mehr an sich herankommen läßt, weder die Leiden Schillers noch die Todesschmerzen der Christiane, die er – sie ist eben doch nicht standesgemäß – in einer der hinteren Kammern einquartiert hat. Welch menschliche Enge hinter einer großbürgerlichen Fassade! Wer etwas über sein Arbeitszimmer wissen will, in dem immerhin Weltliteratur entstanden ist, muß sich mit wenigem, aber Wesentlichem begnügen: ein Stehpult, ein schlichtes Mobiliar, das keine Ablenkung zuläßt, und – wie sollte es anders sein – Goethes Gestaltungsprinzip einer ordentlichen Unordnung, die „der Natur volle Freiheit läßt,...aus sich selbst zu schaffen“. Als Kontrapunkt dazu Schiller, dessen Lebensqualen von seinem endlich errungenen bescheidenen Haus nur abgeschirmt, aber nicht gelindert wurden. Sicherheit und Stabilität hat er darin nicht gefunden, eher – welch Ironie des Schicksals - eine schmerzhafte Beschleunigung seines Sterbens, ausgelöst durch arsenverseuchte Billigtapeten. Das Haus ist aber nicht nur Lebensziel, vorgestellter Inbegriff für kommende Erfüllung und Glück, sondern auch Erinnerung, so mitunter auch eine sehr schwere Hypothek. Marieluise Fleißer erlebt im Haus ihrer Eltern eine behütete und unbeschwerte Jugend, doch ungestraft ins Weite einer gesellschaftskritischen Literatur auszuschreiten, läßt das engummauerte Ingolstadt nicht zu. Es wird ihr, vor allem in den Jahren der Nazi-Zeit, zum Gefängnis. Georg Trakl indes war von Anfang an hinter wohlanständigen Fassaden einem Wechselbad der Gefühle zu seiner eiskalten, egozentrischen Mutter ausgesetzt; es trieb ihn deshalb hinaus in den Rausch, bis er vor der Fratze des Ersten Weltkrieges erstarrte und zerbrach. Keiner der Dichter hat also ein gänzlich ungebrochenes Verhältnis zu seiner Unterkunft, auch nicht der eher behäbige Justinus Kerner, dessen Arbeitsplatz zum Wickeltisch zweckentfremdet wurde und der in seiner Burg alles andere finden durfte als einen beschaulichen Platz zum Schreiben. Brauns kraftvolle Kurzbiographien legen nahe, daß das eigentliche Zuhause der Dichter nur eines sein kann: die Sprache selbst. In ihrem Werk sind sie also zu finden, und es zeichnet Brauns Buch aus, daß es diese Spannung zwischen dem äußeren und dem ideellen Zuhause wider alle themenbedingte Versuchung zum Voyeurismus aushält.
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