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Harald Irnberger
„Nuestra América“
Literarische Streifzüge durch Kuba und die Karibik

Patmos
2003
280 Seiten
€ 19,90 [D]


Von Richard Niedermeier am 17.06.2003

  Daß Literatur politisch sein kann, stößt manchem Schöngeist schwer auf; daß sie unter Umständen politisch, hochpolitisch sein muß, wenn sie überhaupt die „condition humaine“ treffen soll, zeigen Harald Irnbergers literarische Streifzüge durch die Karibik, verfaßt unter dem provozierenden Titel „Nuestra América“. Was gibt diesem Titel seinen politischen Sprengkraft? José Marti, der kubanische Literat und Freiheitsheld, der im Kampf gegen die Spanier sein Leben gelassen hat und zum geistigen Ahnherr einer revolutionären Literatur weit über Kuba hinaus wurde, hat diesen Begriff geprägt. „Nuestra América“ steht gegen die verhängnisvolle Geschichte des Kolonialismus wie auch gegen die Geißel des Neokolonialismus, wie er von den USA mehr oder weniger offen, mehr oder weniger brutal bis auf den heutigen Tag ausgeübt wird. Die Karibik als Hinterhof der Vereinigten Staaten, als Markt für moderne Arbeitssklaven, als überdimensioniertes Bordell und Vergnügungszentrum der Yankees und Europäer, unter der Zuchtrute Washingtons gehalten durch Gewaltherrscher wie „Papa Doc“ und „Baby Doc“ Duvalier auf Haiti oder den entsetzlichen Trujillo in der Dominikanischen Republik – läßt dies überhaupt Identität, Selbstbewußtsein zu? Was läge da näher, als daß aelbst die Chronisten des Verfalls und der Dekadenz von außen kommen, wie ein Hemmingway z.B. oder ein Graham Greene, die noch heute die Touristen auf ihre Spuren locken?
  Auch Irnberger geht diesen breiten Pfaden nach, wenngleich nicht so fanatisiert Hemmingway begeistert, wie viele andere das tun. Aber er bietet uns keinen biederen literarischen Spaziergang an, der nur Anschauungsmaterial für eine ausreichend im Bewußtsein verankerte Weltliteratur zu liefern hätte. Nein, Irnberger wirft sich in das Fremde, Dunkle und Hintergründige der karibischen Inseln hinein und spürt dabei einer ganz großen Sache nach: der karibischen Literatur. Von José Marti über Alejo Carpentier, René Depestre, Frantz Fanon, Èdouard Glissant, Derek Walcott – um nur die in unseren Breiten Bekanntesten zu nennen – bis hin zu Ernesto Cardénal, V.S. Naipaul und Gabriel Garcia Marquez reicht der Bogen ihrer Repräsentanten. Und so unterschiedlich die Genannten in ihrer persönlichen Herkunft, in ihrem Lebensweg und in der Sprache ihrer Werke auch sein mögen, die menschlichen Tragödien, die Krise der Humanität in ihren Ländern, die sie beschrieben und in die Erinnerung gebracht haben, haben sie noch weit mehr zusammengeschweißt, als in diesem Schmelztiegel der Rassen und Kulturen ohnehin zu erwarten war. Irnberger wird deshalb nicht müde, Literatur und gesellschaftliche Verhältnisse in Beziehung zu setzen, und er tut es mit der Leidenschaft dessen, der selbst in diesem Antagonismus zwischen Realität und literarischer Idealität Position und Partei bezogen hat. So deckt er auch schonungslos die Ursachen der politischen Abgründe der karibischen Staaten auf, die nicht nur in der zukunftsblinden Arroganz der einzig verbliebenen Supermacht zu finden sind, sondern auch in der Abscheulichkeit des europäischen Kolonialismus, der ganze Generationen entmenschlicht und in die Hoffnungslosigkeit getrieben hat. Daß Literatur den so Entehrten ihre Würde zurückgeben, daß sie in dem unaufhörlichen Widerspiel von Terror und (revolutionärem) Gegenterror ein Richtmaß der Humanität sein kann, ist das permanente hintergründige Credo des Autors. Damit verbindet sich auch eine Option für die aufgeklärte Rationalität, die allein soziale Veränderungen zu tragen in der Lage ist. Den abwegigen Verbindungen der surrealistischen Literatur mit den Voodoo-Kulten kann Irnberger deshalb – mit Recht – nichts abgewinnen. Die karibischen Autoren haben es auch gar nicht nötig, ihre Eigenständigkeit durch eine Flucht ins Irrationale unter Beweis zu stellen. Denn sie haben, wenn sie nicht wie Mario Vargas Llosa, mit dem Irnberger hart ins Gericht geht, opportunistisch das Lied der Mächtigen singen, ohne Zweifel Literatur von Weltgeltung zu bieten.
  Irnbergers Buch erschließt eine terra incognita und führt damit die Literatur einer ganzen Region in das geistige Welterbe der Menschheit zurück.

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