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Neal Stephenson
Die Diktatur des schönen Scheins
Wie grafische Oberflächen die Computernutzer entmündigen
("In the beginning .... was the Command Line")

Goldmann
2002
Übersetzt von Juliane Gräbener-Müller
189 Seiten
€ 6,90 [D]


Von Bruno Hopp am 01.06.2003

  Dieses kleine Taschenbuch von Neal Stephenson, der schon das vielgelesene "Cryptonomicon" schrieb, zeichnet Geschichte und Wirkung von grafischen Nutzeroberflächen von Computersystemen nach. Ganz im Stil eines Essays, einer sehr persönlichen Sicht auf den Problemkreis Computerleid und Nutzung der ach so modernen grafischen Oberflächen stellt Stephenson gleich auf den ersten Seiten klar, dass er für viele Jahre ein begeisterter Anhänger dieser Oberflächen war: Apples MacOS ist ihm noch heute vertraut, Millionen Menschen arbeiten täglich mit Microsoft Windows. Fenster und ihre Technologie, wie der englische Begriff "windows" nahelegt, wurden nie von Apple und erst recht nicht von Microsoft erfunden: Unixsysteme haben eine glasklare Trennung von Betriebssystem und darauf aufsetzendem Fenstersystem plus auswechselbarem Fenstermanager.
  Mit zahlreichen Rückblicken auf persönliche Erfahrungen und vielen bildhaften Vergleichen stellt Stephenson dar, wie emotional und irrational manche Computernutzer sein können. Diese ganzen Reihen von Icons, von Symbolen und Menüleisten in Programmfenstern verleiten natürlich die Computernutzer, sich erstmal nur auf dieses grafische Angebot zu konzentrieren. Stephenson ist überzeugt, dass diese reichlich aufdringliche Art die Computernutzer auf Dauer entmündigt und sie davon abhält, die wirklich interessanten Dinge auf den Maschinen überhaupt kennenzulernen. Manchmal provokant, aber immer mit Überlegung und einem Humor der ansteckend wirkt, plädiert Stephenson gegen die Gefahr der Verdummung.
  Anstatt wie tausend Andere aber in Kulturpessimismus steckenzubleiben, argumentiert Stephenson aus persönlicher Erfahrung: er hat in Linux und auch in BeOS frei verfügbare, also nicht kommerzielle Betriebssysteme höchster Qualität gefunden, die er als hervorragende Alternativen ernsthaft schätzen gelernt hat. Inzwischen überzeugter jahrelanger Nutzer von Debian Linux, stellt die systematische Trennung von X-Windows-System und dem darunterliegenden "puren" Betriebssystem eine qualitativ hochstehende Lösung dar, die zudem durch den open-source -Gedanken zahlreiche kommerzielle Angebote mit Qualität und Stabilität übertrifft.
 
  Kurz: spannend geschriebenes Essay, überzeugend und mit spritzigem Humor. Klare Gedanken zu Computerthemen, verpackt im locker-flockigen Stil ohne oberflächlich zu werden. Deshalb: eine klare Leseempfehlung für alle Computeranwender!

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