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William Gaddis
Das mechanische Klavier

Goldmann
2003
Übersetzt von Marcus Ingendaay
123 Seiten
€ 16,- [D]


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Von Volker Frick am 28.05.2003

  Ein paar Takte zu William Gaddis, der in seinem allerletzten Roman vom Tod des Künstlers durch die Demokratisierung der Kunst erzählt. Er wurde 1922 in Manhattan geboren und wuchs in Massapequa, Long Island auf, erzogen in calvinistischer Tradition, wuchs er auf ohne Vater. Doch der Geist des abwesenden Vaters wird zur literarischen Vision einer Welt, verlassen von Gott, eintauchend ins Durcheinander. Gaddis besucht die Schule in Berlin, Connecticut.
  Nachwirkungen einer frühen Krankheit halten ihn heraus aus dem World War II. Er studiert, verlässt Harvard 1945 ohne Abschluss, arbeitet als fact checker beim ‚New Yorker’, New York, N.Y.: “terribly good training”. Er lernt noch Namenlose wie Burroughs, Ginsberg, Kerouac kennen und begibt sich 1947 auf Wanderschaft. Mexiko, Spanien, Frankreich, Nordafrika.
  1955 erscheint sein erster Roman “The Recognitions”. Dreissig Jahre später erschienen 1985 zeitgleich Don DeLillos “White Noise” und der Roman “Carpenter’s Gothic” von William Gaddis. “Weisses Rauschen” erreichte Deutschland 1987, ein Jahr später war “Die Erlöser” auf dem Markt. Ist es bei DeLillo die völlig unkontrollierte Warenwelt, die uns den Spiegel des Todes vorhält, so bei Gaddis die Entfremdung durch die totalitäre Kommerzialisierung dessen, was man so Alltagswelt nennt. Um es mit Allen Ginsbergs Worten zu fassen: “Das Kapital vernichtet alles außer sich selber.”
  Es klingelt einem in den Ohren, diese konstante Kakophonie eines Amerikas, das sich selbst verkauft: Familien zerbrechen, Künstler begehen Selbstmord, Firmen schliessen, Kinder werden verlassen, coitus interruptus und communication breakdown.
  Im Jahre 1839 entfernte der Physiologe Johannes Müller mehreren Leichen den Kehlkopf, um die Entstehungsbedingungen bestimmter Vokalklänge zu studieren. Neben dieser kleinen Anekdote erfahren wir vom Erzähler in diesem letzten Roman von William Gaddis dann auch überraschend “Habe seit sieben Jahren keinen Tropfen angerührt.” Er liegt im Bett, in einem Raum, ohne Luft, ohne Licht. Er ist mit einem Bein schon im Grab: “In meinem Bein stecken mehr Metallklammern als in der alten Samurai-Rüstung im Esszimmer.” Und er liegt da, und er weiß, er hat nicht mehr viel Zeit.
  William Gaddis (1922 – 1998) hat zu Lebzeiten lange an diesem Buch gearbeitet. So kommt es als ein erquickendes Substrat jahrzehntelanger Beschäftigung daher, mit Platon, mit Tolstoi, mit “Babbage, Babbage, Babbage”. Das mechanische Klavier als die Urform des binären Strickmusters: der Erzähler darob zwiefach düpiert über Vierjährige mit eigenem Computer.
  Schon Jack Gibbs in “JR” (1975; dtsch. 1996) konstatiert recht konsterniert: “Scheiße, hier steht’s doch, hier, wo neue Erfindungen die bloße Möglichkeit des Versagens als Bedingung des Erfolgs eliminieren, was sich besonders in der Scheißkunst auswirkte.” Das findet hier erneute Erwähnung, durch den namenlosen Erzähler: “Du siehst, wir befinden uns längst jenseits des Lustprinzips.”
  Doch um sein Bett herum die Büchertürme, die Notizen, alphabetisch geordnet, aber ach, “der Pesthauch der Entropie”. Abgesehen von den Zeichen, abgesehen von den Bezeichnungen, verwundert es nicht, das dieser Autor in einem Atemzug mit Thomas Pynchon genannt wird.
  Ein letzter Atemzug, es flattern die Bilder vorbei. William Gaddis fasst fast ganz nebenbei die technologische Formation der Vernichtung des Künstlers zusammen. Herausgekommen ist dabei ein kleines intimes Kunstwerk, in Form und Tonfall nicht einstimmig, aber wunderbar essayistisch erzählend, und immer wieder wahrlich ansprechend in der Anrede: “Das hättest du lesen sollen.”
  Da fällt mir eine Anekdote ein. Ein Mann zückt seine Brieftasche, zieht ein Foto heraus und hält es mit den Worten ‚Das ist meine Frau‘ Picasso vor die Augen, woraufhin dieser verdutzt fragt ‚Tatsächlich? So klein?‘.
  So klein dann dieses Buch auch ist, so wunderbar sein wucherndes Chaos, so wundervoll diese disgressions vom Krankenbett aus – zusammen genommen ein Ganzes, unzweifelhaft über die Summe seiner Teile hinaus weisend.
  Letzter dramatischer Monolog über das Ende der Kunst und den Tod des Künstlers. Einen Einfluß von Gaddis auf die eher ambitionierten nordamerikanischen Schriftsteller wie David Foster Wallace oder Jonathan Franzen läßt sich locker behaupten.
  Kulturgeschichte der Technik. Friedrich Kittler erzählt in seinem Buch “Grammophon Film Typewriter” (1986) wie Rilke lange mit einem Gedanken ringt, dann lange damit rang ihn zu Papier zu bringen, und es dann tat. Er zitterte bei dem Gedanken, würde man einen Tonabnehmer über eine Schädelnaht bewegen, dann vernähme man doch so etwas wie das ‚Ur-Geräusch‘.
  Gaddis befriedigt und befriedet andere Antipoden. Leg die Zeitung beiseite, hör auf zu lesen, mach einen Spaziergang. Du wirst darauf zurück kommen. Denn die Kurzweil der Lektüre – unterhaltsam, lehrreich und teilhabend – läßt nur eine Empfehlung zu: diesen Roman, Gaddis‘ letzte Geschichte, „Das mechanischen Klavier“ selbst zu lesen.

 

 

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