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Eugen Drewermann
Strukturen des Bösen
(1977)

Schöningh Verlag
1988
1747 Seiten
€ 54,- [D]


Von Richard Niedermeier am 22.05.2003

  Es ist in letzter Zeit still geworden um den umtriebigen Eugen Drewermann, der noch vor wenigen Jahren den deutschen Katholizismus in entschiedene Befürworter und ebensolche Gegner gespalten hatte Und es ist gut, daß es zu dieser Ruhe gekommen ist. Denn jetzt bietet sich wohl eher die Möglichkeit, frei von aller Leidenschaftlichkeit und Polemik den Denkweg Drewermanns nachzugehen. Im Schöningh Verlag liegt schon seit einigen Jahren Drewermanns dreibändige Habilitationsschrift aus dem Jahre 1977 in einer preiswerten Taschenbuchausgabe vor, die es verdient, genau jetzt eine relecture zu bekommen: „Strukturen des Bösen“.
  Drewermann, von Hause aus Dogmatiker, hat hier ein weites Feld sich zur Bearbeitung vorgenommen, was auch auf seinen eigenen weiten Horizont schließen läßt. Er behandelt die jahwistische Urgeschichte des alttestamentlichen Buches Genesis unter exegetischen (Bd.I), psychoanalytischen (Bd.II) und philosophischen (Bd.III) Gesichtspunkten. Jeder dieser Aspekte verlangt eine eigene reflektierte und verantwortete Methode, und damit auch einen Überblick über methodische Alternativen, die in der Interpretation der Mythen im allgemeinen und der jahwistischen Urgeschichte im besonderen bislang zum Tragen gekommen sind. Es ist, das verwundert nicht, eine immense Materialfülle, die Drewermann hier ausbreitet, die bereits das Vorwort des ersten Bandes zu einem Buch im Buche anschwellen läßt, nur um die Vorgehensweise des Verfassers zu rechtfertigen. Es ist eine ständige Konfrontation – man kann aber auch sagen „Begegnung“ – von Exegese, Philosophie und Tiefenpsychologie, in die der Leser hineingenommen wird. Entsprechend den unterschiedlichen Verstehensvoraussetzungen werden manche das zwar nicht gerade als eine leichte Lektüre empfinden, aber die dadurch vermittelte Lust am Denken, am Entdecken neuer Perspektiven, am Kombinieren und geistreichen Spekulieren wird immer das Dominierende bleiben.
  Dies gilt auch dann noch, wenn man am Ende den Positionen Drewermanns, die auch hier schon nicht ohne den ihm eigenen Ausschließlichkeitsanspruch auftreten, widerspricht. Die tiefenpsychologische Auflösung des biblischen Textes hat ja nicht nur in kurialen und bischoflichen Kreisen massive Kritik hervorgerufen, sondern auch unter den historisch-kritisch arbeitenden Exegeten und bei manchem der sog. progressiven Theologen heftige Ablehnung provoziert. Daß Drewermann an der Härte der Auseinandersetzung selbst nicht ganz schuldlos ist, zeigt ebenfalls schon sein Vorwort im ersten Band. Als „trojanisches Pferd hinter den Mauern der Unverbindlichkeit der theologischen Gelehrtenzimmer“ sieht er sich in einem ziemlich kompliziert konstruierten Bild und bekennt, daß er „in Furcht setzen“ wolle. Da stecken viel aggressives Potential und auch Missionsgeist dahinter, ziemlich ungewöhnlich für einen Wissenschaftler, die sich eigentlich „sine ira et studio“ seinem Werk widmen sollte. Doch seine Emotionen, die Drewermann auch hier, äußerlich zwar sehr emotionslos, aber mit um so größerer Nachdrücklichkeit, ja mit Glaubenseifer frei läßt, sind durchaus verständlich: Daß die Bibel zu einem Buch mit sieben Siegeln geworden ist, das nur mehr Wissenschaftler zu öffnen vermögen, daß sie ihre lebensformende Kraft für die meisten verloren hat und zur Spielwiese immer neuer und komplexer Theorien geworden ist, kann man nicht ganz von der Hand weisen. So ist schon der Ansatz Drewermanns durchaus geeignet, Verengungen im Verstehen der Hl. Schrift aufzubrechen und die Rückgewinnung gerade auch der therapeutischen Funktion ihrer Texte einzufordern.
  Für die jahwistische Urgeschichtserzählung heißt dies: Der Mensch begreift sich als Sünder, und zwar nicht nur in dem Sinne, daß er die Normen verfehlt (Sünde als Gegensatz zur Tugend), sondern aals jemand, der sich von Gott als der Quelle seines Lebens (Sünde als Widerspruch zum Glauben) löst. Dieses Sündenverständnis ist zweifellos richtig und – seit Glaube und Kirche in der Tradition radikaler Aufklärung nur mehr als Moralanstalten gesehen werden – für den Menschen von heute eminent wichtig. Daß die Bibel dabei auf mythologisches Material zurückgreift, das sich auch in anderen, davon getrennten Kulturen findet (z.B. die Schlange), daß biblisches Denken Wesensaussagen in der Form von Ereigniserzählungen darbietet (und nur so darbieten kann), ist ebenfalls nicht zu bestreiten.
  Dennoch, mythologisches Material ist das eine, die Motive und die Art seiner Verwendung das andere. Wer sagt, daß die Geschichte ausschließlich eine bloße Darstellungsform des biblischen Denkens ist, durch die der allgemeine Gehalt des Mythos, seine Wesensaussage also transportiert wird? Heilsgeschichte ist der rote Faden aller biblischen Schriften, der als Interpretationskriterium nicht noch einmal hinterfragt werden kann. Freilich läßt sich an der Urgeschichte dieser historische Kern (z.B. des Sündenfalles) nicht mehr ausmachen. Aber daß der Mensch von seinem Wesen her Sünder sei, wie Drewermann behauptet, ist doch – aus exegetischen wie dogmatischen Gründen - zu der Feststellung weiterzuführen, daß er erst dazu geworden sei. Auch wenn die theologische Tradition in der exegetischen Arbeit oft ziemlich unkritisch, ja naiv war, so hat sie doch zu diesem Thema durch ihre präzisen Differenzierungen viel Nützliches beizutragen, das Drewermann hätte berücksichtigen sollen. Jedenfalls spricht nichts gegen eine solche Historisierung, sofern man nicht des Guten zuviel tut und in einen biblischen Fundamentalismus verfällt, der alles wortwörtlich nehmen will. Noch deutlicher werden die Risiken von Drewermanns Ansatz, wenn man den umgekehrten Weg geht und auf die Erlösung von der Sünde, vom Sündersein des Menschen blickt. Es ist doch nicht der mythische Text und sein Verstehen, das nach christlichem Glauben die Erlösung bringt, sondern die Erlösertat Christi selbst, die, wie Augustinus schon erkannte, weit mehr ist als Vorbild (exemplum) oder Lehre. Doch auch hier sollte man nicht unnötig Gräben aufreißen oder vertiefen. Drewermanns Ansatz ist diskussionswürdig und verdient es, wenn auch nicht ohne Korrekturen, in die Symphonie theologischen Denkens integriert zu werden, die allein das Lied vom unfaßbaren Geheimnis der Geschichte Gottes mit dem Menschen anzustimmen vermag.
  Mit „Strukturen des Bösen“ hat man mehr in den Händen als nur ein frühes, wegweisendes Buch in der langen Reihe von Drewermanns Publikationen, das man schon fast als eine vorgezogene Summe bezeichnen könnte. Es haben sich in ihm elementare theologische Fragen und Problemfelder niedergeschlagen, ohne deren Verständnis man nichts vom Denken und der Gottsuche der Moderne begriffen hätte. So ist diesem Buch durchaus zu wünschen, daß es die Gemüter wieder erregt, besser: „anregt“, damit die Wege Drewermann nicht – über einen harten Kreis von Anhängern hinaus – in Vergessenheit geraten.

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