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Bruce Sterling
Tomorrow Now
Envisioning the next fifty years

Random House
2002
224 Seiten
$ 24.95


Von Till Westermayer am 29.04.2003

  Bruce Sterling, Austin, Texas, schreibt Science-Fiction. Normalerweise. Er macht auch einige andere Dinge, treibt sich etwa auf der nettime-Mailingliste herum oder hält Hof als Papst des Viridian Design Movements. Mit /Tomorrow Now/ liegt nun ein Buch vor, dass von Random House in die Kategorie »Technologie/Soziologie« eingeordnet wird. Laut Library-of-Congress-Classfication handelt es sich hierbei um Vorhersagen über das 21. Jahrhundert. Das beschreibt /Tomorrow Now/ schon irgendwie richtig, aber nicht vollständig.
  Erstens lässt es die wirklich bibliophile Gestaltung außer acht (den halb-transparenten Schutzumschlag, die Typographie, etc.), und zweitens beschreibt Sterling, wie alle Science-Fiction-Schreiber, in seinem populären Sachbuch eigentlich eher die Gegenwart als die Zukunft, wenn er von der Zukunft spricht. Oder, noch etwas genauer ausgedrückt: er sucht in den Ereignissen und Entwicklungen der Gegenwart nach den Trends und Technologien der Zukunft, der nächsten fünfzig Jahre. Praktischerweise macht er das auch, wenn er mit dem Hut »Science-Fiction-Autor« tätig ist, und so finden Sterlingerati in Tomorrow Now auch ständig Stellen, die eigentlich nichts anderes machen, als den technologischen, sozialen und politischen Hintergrund zu beschreiben, vor dem Bücher wie /Zeitgeist/, /Holy Fire/ oder /Distraction/ sich abspielen. Und das ist auch gut so, denn hier liegt nun endlich eine bei aller amerikanischen Popkultur doch stärker begründete und argumentierende Fassung von Vermutungen über die Zukunft vor, die eingefleischten Sterlingeratis auch in der literarischen Fassung schon verdächtig plausibel vorkamen.
  Insofern hat /Tomorrow Now/ vielleicht die Chance, sich zur Bibel einer neuen futuristischen Bewegung zu entwickeln. Das heißt nicht, das nicht jede und jeder Stellen in /Tomorrow Now/ finden wird, die unwahrscheinlich erscheinen, unplausibel sind oder nur vor dem Hintergrund eines Bürgers des amerikanischen Imperiums verständlich wirken. Trotzdem schafft /Tomorrow Now/ es, in einer Synthese aus Biotechnologie, Transhumanismus, cyberpunkiger Technikverliebtheit, Ökologie und einem vernetz-globalen Politikverständnis einen Gegenentwurf zur stromlinienförmigen Zukunft der 1930er Jahre, zur grade wieder hippen 1960er-Jahre-Zukunft mit ihren Großtechnologien und zu den apokalyptischen Szenarien der 1990er Jahre zu setzen. Und dabei weitgehend überzeugend zu wirken.
 
  En detail: Sterling gliedert sein Buch über das Leben seiner Kinder analog zu einer Szene Shakespears in sieben Entwicklungsstadien des Menschen: das Kind, der Student, der Liebhaber, der Soldat, der Richter, der Rentner/Rentier und schließlich »mere oblivion«, Tod.
  In den einzelnen Kapiteln von /Tomorrow Now/ nimmt Sterling diese Figuren als Ausgangspunkt für weitschweifende Überlegungen. Das Kind steht für die nächste neue Technologie: Biotechnologie, Genetik, Reproduktion und - so wahrscheinlich sonst noch selten zu lesen - die Vision einer auf zu kleinen spezialisierten Fabriken umgwandelten Mikroben zugeschnittenen Gentechnik, die mit sich dann auch ein ganz neues Verständnis für unsere körpereigene Fauna und Flora bringt.
  Der Student repräsentiert eine Welt, in der Netzwerke alles und alles Netzwerke sind (inklusive der grade eben dargestellten Mikroben). Gleichzeitig geht es hierbei um eine Wissensgesellschaft, in der Wissen vergänglich und zugänglich zu gleich ist, und die das Ende des klassischen Gelehrten mit sich bringt.
  Der Liebhaber handelt von der Liebe zu den Dingen und der Liebe der »smarten«, gizmoiden Dinge zu uns und skizziert Designgrundsätze einer Welt, in der »Form follows function« nicht mehr gelten kann, weil die Funktion längst unsichtbar und unformbar in Chips versteckt ist. Funktionale Parallelen zu Jugendstil und Art Deco sieht Sterling hier in allgegenwärtigen, rundlich-organischen technischen Gerätschaften (»Blobjects«), die von uns gestreichelt und liebkost werden wollen.
  »Der Soldat« geht auf die Neue Weltordnung und ihre Schattenseite, die Neue Weltunordnung mit ihren staatenlos gewordenen Territorien, globaler Kriminalität und vernetztem Terrorismus ein.
  Der Figur des Richters gewidmet ist ein Kapitel über Politik und Medien, die längst zu einem symbiotischen Ganzen geworden sind. Als Gegenpol zu auf ein Minimum beschränkten technokratischen Regierungen und dem politischen Aktivismus von Lobbyorganisationen und NGOs imaginiert Sterling das Heraufziehen einer neuartigen globalen Bewegung, deren erste - krude, und dunkle - Variante er im Al-Quaida-Netzwerk sieht.
  Der Rentier lehrt - illustriert mit Beispielen über die alte Informationsindustrie der Verlage - etwas darüber, wie die neue Informationsindustrie des 21. Jahrhunderts nach dem Ende des Startup-Booms aussehen wird.
  Das letzte Todeskapitel schließlich widmet sich den Katastrophen und den Auswegen daraus und macht die Vergänglichkeit der Menschheit deutlich. Massenvernichtungswaffen stellt Sterling den mit Gletscherrückzug und Wetterunbillen illustrierten Treibhauseffekt entgegen, und weist auf ökologische Auswege aus einer dem Rauchen vergleichbaren tödlichen Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen hin. Vergänglichkeit betrifft aber auch die Frage, ob wir uns nicht einer posthumanen, transhumanistischen »Vengeschen« Singularität nähern, hinter der heute nicht voraussehbare Post-Menschen stehen, biologisch, und cybernetisch transformiert: aus unserer Sicht vielleicht gottgleich, aus ihrer eigenen Sicht ebenso in alltägliche Sorgen eingebunden wie wir.
 
  Sterling selbst sieht in den 1990er Jahren eine Belle Epoque, vergleichbar der Zeit vor dem Ausbruch des ersten Weltkriegs. Das Ende dieser Zwischenperiode zwischen Kaltem Krieg und neuer Weltunübersichtlichkeit findet sich aber nicht, wie damals, in einem einzigen Ereignis, auch wenn der 11. September 2001 nahe daran kommt. Vielmehr vollzieht sich der Übergang in eine Zukunft, die uns fremd vorkommen wird, obwohl sie ihre Wurzeln tief im Jetzt hat, langsam und schleichend.
 
  /Tomorrow Now/ ist eine Zukunftsvision, ist aber auch ein Suchen nach den Indikatoren für Veränderungsprozesse. Es ist keine Science-Fiction, kein wissenschaftliches Buch, kein politisches Manifest. Aber irgendwie hat es doch von allem etwas, und kann in den Händen der richtigen LeserInnen zu all dem gemacht werden. Insofern ist es vielleicht sogar ein gefährliches Buch. Hier lauern memetische Viren.

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