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Der Brockhaus – Naturwissenschaft und Technik.
Medienpaket mit drei Bänden und CD-ROM

Brockhaus
2002
2003 Seiten
€ 239,90 [D]


Von Richard Niedermeier am 28.04.2003

  Wir leben in einem Zeitalter permanenter Revolutionen. Nicht die politischen Umwälzungen berechtigen zu diesem Urteil, sondern die unzähligen großen und kleinen Umbrüche in den Naturwissenschaften und der Technik. Und wie bei allen Revolutionen vermeinen wir den Boden unter den Füßen zu verlieren, ergreift uns die Angst, hilflose Opfer des Neuen zu werden. Mithalten können, das Wesentliche, Weiterführende aus der Flut der Nachrichten heraus zu filtern, Orientierung im Chaos der Meinungen und Theorien zu finden – darauf kommt es an, wenn man nicht den Kopf in den Sand stecken will. Die Frage ist freilich, wie man hineinkommt in den wissenschaftlichen Diskurs, wie man sich Grundlagen verschafft, die dem permanenten Modernisierungsdruck standhalten.
  Das Brockhaus-Lexikon „Naturwissenschaft und Technik“ erweist sich hierfür als außerordentlich hilfreich. Denn es ist weit mehr als nur eine Sammlung von Formeln und Definitionen, zielt nicht auf bloßes Wissen, sondern auf das Verstehen. Da ist einmal die enzyklopädische Darbietung des Stoffes zu nennen. Was sich der Sache nach schon längst eingestellt hat, wird in diesem Lexikon nachgebildet: die Kohärenz der naturwissenschaftlichen Disziplinen ebenso wie die der Themen im einzelnen. Wo immer man einer Einzelfrage nachgeht, hält man unversehens das Ganze in den Händen, beginnt man ein Problem aus verschiedenen Blickwinkeln zu sehen. Dazu tragen – neben den Querverweisen – gerade auch die 75 namentlich gezeichneten Essays und die Übersichtsartikel bei, die wie Knotenpunkte die unvorstellbare Fülle des Materials zentrieren und strukturieren. Es sind ganz unterschiedliche Thememkomplexe, die auf diese Weise eine ansführlichere Behandlung gefunden haben; nennen wir als Beispiele nur: „Naturkatastrophen“, „Bionik“, „Zeitpfeile“, aber auch „Antoine L. Lavoisier“, „Bioethik“ oder – ein leider namentlich nicht gezeichneter, dafür aber brillanter Überblicksartikel - „Leben“. Schon diese notgedrungen knappe Aufzählung zeigt zweierlei: Daß Naturwissenschaften bzw. Technik keinen Platz für ihre eigene Geschichte lassen, ist eine Schimäre. Natürlich gilt hier wie in keinem anderen Bereich sonst der Grundsatz, daß das Neue, das Bessere der Feind des Alten und Guten sei, daß man z.B. nicht die Entdeckungsgeschichte der Elemente kennen muß, wenn man die Gesetzmäßigkeiten ihres Periodensystems studieren will. Und dennoch haben historische Beiträge nicht bloß den Charakter marginaler historischer Reminiszenzen. So steckt etwa in der von Lavoisier überwundenen Phlogistontheorie die Ursprünglichkeit menschlichen Beobachtens, die freilich noch des gezielten und durchdachten Experiments entbehrt. Doch indem wir gerade den Sprung auf diese experimentelle Ebene nachvollziehen, reflektieren wir über die Horizonte unseres Erfahrens ebenso wie über deren methodische Ausweitung; kurz, wir haben lebendig vor Augen, was naturwissenschaftliches Denken als solches ist. Zum zweiten ist Verstehen mehr als nur ein Begreifen und Erklärenkönnen von Gesetzmäßigkeiten. Immer bezieht der Mensch sich selbst und seine Lebenswelt ein, wenn er etwas versteht. Der Artikel „Leben“ schlägt deshalb eine Brücke zu den Lebenstheorien der Philosophiegeschichte, aber auch zur Naturphilosophie der Gegenwart. Daß z.B. das lange Zeit als obsolet verkannte teleologische Denken durch die Philosophen Hans Jonas, Robert Spaemann und den viel zu früh verstorbenen Reinhard Löw wiederbelebt wurde, findet man in den meisten anderen Darstellungen der Naturwissenschaften eben nicht. Hier kommt auch das zur Sprache, was nicht den Minimalbedingungen eines absoluten Konsenses entspricht, hier blicken die Naturwissenschaften über sich selbst hinaus und stellen sich ungeachtet ihrer vermeintlichen Allmacht in Frage. So erweist sich dieses Lexikon gerade auch für Geisteswissenschaftler als eine wahre Fundgrube. Die trotz unumgänglicher Fachterminologie sehr verständlich gehaltenen Beiträge leisten ein übriges, daß auch breitere Leserschichten einen guten Zugang zu den Themen erhalten.
  Es bleibt anzumerken, daß dieses Lexikon auch zusammen mit einer CD-ROM erworben werden kann, die den gesamten Text enthält, den sie durch hervorragende Suchfunktionen bis ins Kleinste erschließt und für die eigene Textverarbeitung rasch zugänglich macht..

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