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Hans-Eduard Hengstenberg
Freiheit und Seinsordnung

Verlag J. H. Röll
1998
428 Seiten
€ 35,- [D]


Von Richard Niedermeier am 28.04.2003

  Philosophie im naturwissenschaftlichen Zeitalter – dahinter verbirgt sich eine Leidensgeschichte. Denn kaum war die Philosophie dem Diktat der Theologie entronnen, wurde sie die Magd einer anderen Herrin, der Naturwissenschaft, sofern sie sich nicht ohnehin in die Isolation treiben lassen wollte. Da mußte etwa die Ethik vor dem Kult von Wissenschaft und Technik zurückstecken, die den Menschen als Summe manipulierbarer Bauteile vorstellen und die Natur, die Schöpfung zum (fragwürdig) Besseren „korrigieren“ wollen; und geht man nur ein wenig in die Geschichte der Gegenwartsphilosophie zurück, so findet man die Philosophie sogar um ihre Eigenständigkeit ringen gegenüber dem Bestreben, sie nur noch als Metatheorie einer Wissenschaft anzuerkennen oder sie mit Wissenschaftstheorie zu identifizieren. Noch viel schwerer als andere philosophische Disziplinen haben es da die Metaphysik und die Ontologie. Nietzsches Wort vom „Hinterweltlertum“ der Metaphysiker geistert noch durch alle Köpfe, und Ontologie gilt vielen nur mehr als eine obsolete, bestenfalls historisch interessante Begriffsverwirrung, die Erfahrungstatsachen mit unaufweisbaren Bedeutungen auflädt, fern von jeder empirischen Verankerung. Neuere Ontologien führen daher ein Nischendasein, und ihre Verfasser können von jenen Zeiten nur träumen, in denen die Ontologie als zugleich allgemeinste und fundamentalste Wissenschaft die Horizonte aller Erfahrungswissenschaften vorgegeben hat.
  Der Versuch, die Ontologie als Wissenschaft vom Sein wieder im geistigen Leben der Gegenwart zu verankern, sie erneut zu einem echten, anerkannten und respektierten Gesprächspartner der Naturwissenschaften werden zu lassen, verbindet sich mit einem Namen, mit Hans Eduard Hengstenberg, der freilich gerade innerhalb des philosophischen Sektors noch keineswegs die ihm gebührende Aufmerksamkeit gefunden hat. Die Neuausgabe seiner Werke durch den Verlag J.H. Röll verdient deshalb Beachtung, weil sie diesem äußerst innovativen Denker wieder eine Stimme gibt.
  Der Band „Freiheit und Seinsordnung“ faßt verschiedene Aufsätze Hengstenbergs zusammen, die alle den Kern seines Denkens umreißen: die philosophische Rehabilitierung der Materie und die Bestimmung des Eigenseins der Person. Materie und Person sind beide in der einen Seinsordnung vereinigt, die der Mensch zu berücksichtigen hat, wenn er sich zur Vollgestalt seiner geschöpflichen Freiheit erheben will.
  Das klingt ebenso einfach wie traditionell, denn von der Existenz einer Seinsordnung war auch das Denken der Scholastik zutiefst durchdrungen, und daß der Mensch nur innerhalb dieser Ordnung und in der Anerkennung dieser Sinn und Lebensziel erreichen kann, war damals unbestritten.
  Doch ist Hengstenberg alles andere als ein verspäteter Neuscholastiker, wenngleich er aus der Tradition (bei weitem nicht nur aus der eines Thomas von Aquin, sondern an entscheidenden Markierungen auch eines Johannes Duns Scotus) wichtige Impulse gewinnt. Denn sein Denken steht in den Herausforderungen der Gegenwart, die er ohne ideologische oder weltanschauliche Scheuklappen annimmt. Da wird nichts zurechtgebogen, was einfach nicht zusammenpaßt, sondern erscheint als erste Tugend des Philosophen, die Wirklichkeit auszuhalten, so wie sie sich gibt. Wir sehen dies sehr deutlich am Materiebegriff: Die bis in unsere Zeit sehr häufig anzutreffende Identifizierung der aristotelisch-thomasischen materia prima als reiner, absolut passiver Potenz mit naturwissenschaftlichen Größen wie z.B. den Elementarteilchen lehnt er striktweg ab; und – was selbst heute noch in vielen theologischen Doktorandenseminarien herumgeistert – die Auslegung der Heisenbergschen Unschärferelation als Erweis oder Hinweis auf die Möglichkeit von Wundern findet eine gänzlich ernüchternde Abweisung, wenn er Unschärfen der Messung von solchen des Seins unterscheidet.
  Statt dessen eine hochinteressante Konzeption innerer Konstitutionsverhältnisse des Seienden, deren ganze Tragweite sich in ihrer Anwendung auf die menschliche Person zeigt, die aus dem aporetischen Antagonismus von Geist und Körper befreit wird. Diese Konzeption führt zu einer ganzheitlichen Betrachtung des Menschen, und zwar nicht so, wie es heute zumeist verstanden wird: der Mensch als Summe aus Leib und Geist, bzw. Leib-Psyche und Geist, sondern als eine in sich differenzierte Struktur, deren Elemente in einem Verhältnis der Wechselwirkung zueinander stehen. Diese alle Momente des Menschseins integrierende Wechselwirkung wird nun aber gleichsam „von oben“ bedingt und gesteuert. Es ist ein eigenes Prinzip, das Existenz- und (im Falle des Menschen) Personalitätsprinzip, das dafür verantwortlich zeichnet, daß Geist und Leib sich zur Einheit des menschlichen Wesens verbinden, das in jedem Menschen in ganz individueller Weise realisiert ist. Die praktischen Konsequenzen dieses Ansatzes liegen auf der Hand: Jedem – das mag gerade einem Peter Singer oder Norbert Hoerster gesagt sein - kommt die Würde des Personseins zu, und zwar unabhängig von seiner geistigen oder körperlichen Verfaßtheit, weil Geist und Leib eben nicht mehr das Letzte im Menschen sind.
  Einspruchsmöglichkeiten der Naturwissenschaft gegen ein solches Modell sind nicht so leicht auszumachen, denn Hengstenbergs Konstitutionslehre ist auf einer ganz anderen Ebene angesiedelt und läßt auch umgekehrt den Natur- und Humanwissenschaften einen maximal weiten Raum. Allein die evolutionstheoretische Annahme, daß die Natur sich selbst steuere, sich selbst organisiere (u.a. R. Sheldrake) könnte dieses übergeordnete Prinzip für entbehrlich erklären. Und genau hier müßte der Dialog mit den Naturwissenschaften in der Gegenwart ansetzen. Heisenberg, Bohr, Gehlen oder Portmann, die – um nur einige zu nennen – das geistige Gegenüber Hengstenbergs bilden, würden von den Wissenschaftlern heute nicht mehr ohne Abstriche als ihre Repräsentanten für einen solchen Dialog anerkannt. Doch wie offen im Ausgang dieser auch sein mag, mit Hengstenberg hat die klassisch orienterte Philosophie nach dem Zerbrechen ihrer aristotelischen Fundamente endlich wieder Boden unter die Füße bekommen.

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