Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Iain Banks
Die Wespenfabrik

Heyne


Von Robert Kerber am 28.04.2003

  "Kinder sind keine richtigen Leute, in dem Sinne, dass sie nicht kleine Frauen und Männer sind, sondern eine eigene Spezies, die sich zur gegebenen Zeit (sehr wahrscheinlich) zu dem einen oder anderen entwickeln. Vor allem kleinere Kinder, bevor der verhängnisvolle und schlechte Einfluss der Gesellschaft und ihrer Eltern so richtig auf sie einwirken kann, sind geschlechtslos und nach allen Seiten hin offen und deshalb ungeheuer liebenswert."
  Für einen Moment glaubt man sich im "Fänger im Roggen", doch anders als dessen Held Holden Caulfield, der die Kinder im Kornfeld vor den "Gefahren" der Adoleszenz schützen will, muss man bei Francis Cauldhame, dem 17-jährigen Ich-Erzähler der "Wespenfabrik", eher befürchten, dass er ihnen mit Fußschlingen oder Schlimmerem auflauert. Denn Francis ist ein ausgemachter Satansbraten. Er experimentiert mit selbst gebastelten Sprengkörpern und quält Tiere zu Tode, um mit ihren Köpfen in "Herr der Fliegen"-Manier sein Revier zu markieren oder sie seinen kultischen Schreinen zu opfern. Im schönsten Plauderton berichtet er von vergangenen Missetaten oder skurrilen Todesfällen in seiner Familie und resümiert: "Ich habe seit Jahren niemanden mehr umgebracht, und ich habe auch nicht die Absicht, es je wieder zu tun. Es war lediglich eine Phase, die ich durchlaufen habe."
  Damit wäre die Idylle auf dem kleinen Eiland vor Schottlands Küste, auf der Francis mit seinem Vater lebt, perfekt. (Die Mutter hat, wen wundert's, längst das Weite gesucht.) Würde nicht eines Tages Dorfpolizist Diggs vorbeischauen um zu verkünden, dass Francis' Bruder Eric aus der Irrenanstalt ausgebrochen und wahrscheinlich auf dem Weg nach Hause ist. Und so warten Vater und Sohn auf die Rückkehr Erics, der in der geschlossenen Abteilung saß, weil er Hunde anzündete und Kinder zwang, Würmer zu essen. Blut ist eben dicker als Wasser. Francis erneuert seine Reviermarkierungen, befragt sein Orakel, die titelgebende "Wespenfabrik", wo Eric wohl grade sein möge, und findet nebenbei noch Zeit, sich mit seinem Freund Jamie, einem Lilliputaner, im örtlichen Pub volllaufen zu lassen. Eric wiederum ruft in regelmäßigen Abständen an und lässt auch mal Francis übers Telefon mithören, wie er gerade einen armen Köter malträtiert. Bald ist das Familienglück wieder vollkommen ...
 
  Banks' Debütroman, 1984 erschienen (wie man einigen verstaubt wirkenden Referenzen an die Punkkultur anmerkt), kam seinerzeit sicherlich einem Schock gleich. Denn allen literarischen Qualitäten zum Trotz braucht man einen starken Magen, um die sich aneinanderreihenden Sadismen in dieser Mischung aus Bildungsroman und psychopathischer Studie (und darin Will Selfs "Spaß" und Patrick McGraths "Spider" verwandt) durchzustehen.
  Nur widerwillig mag man "Die Wespenfabrik" als "Meisterwerk schwarzen Humors" goutieren, als die sie rückblickend von Rezensenten bewertet wird, und mehr als einmal scheint die reine Lust an der Provokation des Autors durchzuschimmern, wenn diverse Lebewesen im grausligen Detail zur mentalen Restabilisierung des Helden herhalten müssen. (Wobei man anmerken muss, dass die Darstellung von Tier- oder Kindesmisshandlung in Großbritannien ein noch größeres Tabu darstellt als in unserem Sprachraum.) Wenn aber etwas wirklich unverzeihlich ist, dann die Pointe, die vor allem deshalb enttäuscht, weil eine Unmenge spannenderer Auflösungsmöglichkeiten in der Geschichte stecken. Denn ungeachtet aller vorherigen Schrecken wünscht man sich, Banks hätte, um mit Dürrenmatt zu sprechen, die Geschichte wenigstens konsequent die schlimmstmögliche Wendung nehmen lassen.

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.