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Alois Prinz
Lieber wütend als traurig
Die Lebensgeschichte der Ulrike Marie Meinhof.

Beltz
2003
320 Seiten
€ 19,- [D]


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Von Volker Frick am 11.03.2003

  Alois Prinz ist studierter Literaturwissenschaftler und Philosoph. Er hat bereits in Buchform vorgelegt die Lebensgeschichten von Georg Forster, Hannah Arendt und Hermann Hesse. Nun also jene der Ulrike Marie Meinhof. In der Sparte Jugendbuch. Die ersten 200 Seiten des Buches erzählen ihre Kindheit und Jugend (“Einmal soll sie sogar vom Baum gefallen sein und sich das Nasenbein gebrochen haben.”), ihr Studium (am 20. Mai 1958 spricht sie auf einer Kundgebung gegen Atomwaffen, in deren Anschluß 4000 Menschen durch die Innenstadt der westfälischen Provinzstadt Münster ziehen), ihre Arbeit als Journalistin bei der konkret, die Heirat mit dessen Herausgeber Klaus Rainer Röhl, ihre Arbeit als Mutter von zwei Kindern. Dann bleiben einhundert Seiten, auf denen nacherzählt wird, wie die Zeit mit einem Sprung aus dem Fenster begann, die Zeit als führender Kopf der Baader-Meinhof-Gruppe, die, auf Empfehlung eines Herrn Genscher, Baader-Meinhof-Bande benannt wurde, aber eher bekannt war unter dem Kürzel RAF, die Rote Armee Fraktion. Es ist die Zeit des militanten Kampfes. Zwei Jahre später, 1972, ist Ulrike Meinhof in Haft. Am 9. Mai 1976 wird sie tot in ihrer Zelle aufgefunden. Ein Internationaler Untersuchungsausschuss kommt zu einer gegenteiligen Lesart ihres Todes, konträr der offiziösen Sprachregelung des Todes durch Suizid. Am 18. Oktober 1977 werden Andreas Baader und Gudrun Ensslin tot, Jan-Carl Raspe sterbend, Irmgard Möller schwerverletzt in ihren Zellen aufgefunden. Bei Alois Prinz ist Jan-Carl Raspe schon tot, und er schreibt “Bei Baader und Raspe waren Pistolenschüsse in den Kopf die Todesursache.” Der nächste Satz bei Alois Prinz geht so: “Die Waffen lagen neben ihnen.” Was uns das sagt? Wenn Sie sich die Kugel geben qua Schusswaffe, dann fällt Ihnen diese aus der Hand. In Bezug auf Jan-Carl Raspe gab es Aussagen von Augenzeugen, die Gegenteiliges beschrieben. Die einzige Überlebende dieser kühlen Herbstnacht, Irmgard Möller, taucht in diesem Buch überhaupt nicht auf.
  Das Buch hat einen Anhang, in dem, neben Texten von Ulrike Meinhof und Texten zu Ulrike Meinhof, auch solche zu den 68ern, Erinnerungen, Lebensläufe annotiert werden, aber auch: Literarische Zeugnisse. Gerade diese Liste ist erschreckend kurz – literarische Zeugnisse zog diese Zeit bürgerkriegsähnlicher Unruhe wesentlich mehr nach sich, als die zehn Bücher, die angeführt werden. “Herren des Morgengrauens” von Peter O. Chotjewitz, “Scheintod” von Eva Demski, und und und. Da fehlt einiges. “Kontrolliert” von Rainald Goetz, “Wahl der Waffen” von Judith Kuckart, “Dieser Tage über Nacht” von Karin Reschke, “Erfinder des Glücks” von Hannelies Taschau, “Heidelberger Novelle” von Eva Zeller. Um nur einige wenige zu nennen.
  Dem Autor gelingt es auf den ersten zweihundert Seiten dieser Lebensgeschichte der Ulrike Marie Meinhof sich zu nähern. Er verfehlt sie, und er ist sich dessen bewußt. Er zitiert indirekt am Schluß des Buches Herold, Horst, den Präsidenten des BKA von 1971-1981: “67 Tote und 230 zum Teil schwer verletzte Menschen auf beiden Seiten (...) viele Milliarden Mark Kosten zur Bekämpfung der RAF (...) elf Millionen Blatt Ermittlungsakten (...).” Hier schimmert der Wahnsinn der Zeit durch. In dem Buch von Prinz ist nichts wiederzufinden, sei’s atmospärisch, sei’s inhaltlich. Es bleibt seltsam oberflächlich, unbeteiligt, alles wird erwähnt, nichts ausgeführt. Der Verlag bewirbt dieses Buch auf seinen Internetseiten mit einer zusammenfassenden Kurzchronologie des Lebens von Ulrike Meinhof, und dort findet sich, und dies sagt durchaus auch etwas über die Qualität des Buches aus, dort findet sich für den Zeitraum 1972 – 1976 der Satz “Wegen Beteiligung an der Baader-Entführung wird Ulrike Meinhof zu acht Jahren Gefängnis verurteilt.” Eine Empfehlung ist dies nicht. Oder um Irmgard Möller aus einem anderen Buch zu zitieren: “Über diese verelendete politische Kultur in diesem Land muss ich dir ja wohl nicht viel erklären...”

 

 

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