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Luc Bürgin
Rätsel der Archäologie

Langen Müller Herbig
2003
268 Seiten
€ 50,- [D]


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Von Klaus Richter am 10.03.2003

  Bereits die Lektüre des Vorworts von Bürgins aktuellem Buch zeigt, dass wir es hier mit einem pseudoarchäologischen Werk zu tun haben, dem es nicht um die nüchterne Präsentation von Funden geht, sondern um die Etablierung eines pseudoarchäologischen Weltbildes, gestützt auf Spekulationen und Verschwörungstheorien. Lassen wir den Autor in seinem Vorwort selbst zu Wort kommen:
 „Wer die Regeln nicht einhält, wird ausgegrenzt. Und ausgesiedelt. Ins Reich der Fantasten. Oder ins Land der Spinner. Dorthin, wo die Revolution ihren Anfang nahm. Immer wieder bliesen die Verstoßenen im Laufe der Geschichte zum Angriff. Einem zusammengewürfelten Haufen gleich zogen sie in den Krieg gegen das Establishment. Nur selten konnten sie anfänglich Siege verbuchen. Doch ihre Armada wächst. Ihr Vormarsch lässt unser Weltbild erzittern. Und ihre Gegner sind alt geworden. Viele sind bereits übergelaufen. Denn die Schlacht hat längst begonnen.“ (S. 9 f.)
 
  In diesen Zeilen wird mit reichlich aggressiver Wortwahl nicht nur die etablierte Wissenschaft als Feind aufgebaut, den es zu bekriegen gilt, es kommt darin auch das ganze Selbstverständnis zum Ausdruck, das Pseudoarchäologen für sich in Anspruch nehmen: Man glaubt sich im Recht, wissenschaftliche Arbeit in Frage zu stellen, weil die Wissenschaftler eine verkrustete Gruppe sei, die ihr eigenes Weltbild mit aller Macht verteidige und Verschwörungen zulasse, um die eigentliche Wahrheit der Öffentlichkeit zu verbergen.
  Wer sich mit wissenschaftlichem Arbeiten und dem Forschungsbetrieb in den Wissenschaften auskennt, der weiß, dass die Unterstellungen des Autors ungerecht gegenüber Wissenschaftlern sind, von denen sich viele mit großem persönlichem Engagement dem wissenschaftlichen Arbeiten verschrieben haben. Doch leider werden die Behauptungen des Autors, die eine Aneinanderreihung spekulativer Unterstellungen sind, bei vielen Lesern auf Verständnis, sogar auf Begeisterung stoßen. Denn so, wie es der Autor in seinem Vorwort formuliert, denken viele überzeugte Anhänger der Pseudoarchäologie, ja dem gesamten Spektrum der Pseudowissenschaften. Bei solchen Lesern wird der Inhalt des Buches auf fruchtbaren Boden fallen und einmal mehr die bereits gefestigte Ideologie bestätigen, getreu dem Grundsatz: Wir haben es schon immer gewusst. Kritiker haben es in diesen Kreisen schwer, werden sie doch in die Ecke des ignoranten Establishments gestellt, das „Revolutionäre“ wie den Autor in die Ecke der Spinner und Fantasten platziert. Und doch erscheint Kritik an Büchern wie diesem geboten, um zumindest die Leser zum Nachdenken anzuregen, die sich nicht völlig der Pseudoarchäologie verschrieben haben, sondern bereit sind, über den Tellerrand zu schauen, einen Blick auf die tatsächliche Arbeit des wissenschaftlichen „Establishments“ zu werfen und die Behauptungen von Autoren wie Bürgin einer kritischen Überprüfung zu unterziehen.
 
  Wer das Buch Bürgins mit kritischem Verstand und offenen Augen liest, merkt schon bald, dass es der Autor ist, der gegenüber Tatsachen ignorant ist, der Fakten ignoriert, die sich nicht in das pseudoarchäologische Weltbild mit seinen Erklärungsmustern einfügen lassen, das sein Angriff gegen das „wissenschaftliche Establishment“ eigentlich ihm selbst gilt.
  Jeden einzelnen der von Bürgin beschriebenen Fälle kritisch zu hinterfragen, würde den Rahmen einer Buchbesprechung sprengen. Auf alle Einzelfälle einzugehen, ist aber auch gar nicht notwendig, denn es reicht aus, ein Beispiel, das repräsentativ für die übrigen steht, herauszugreifen und an ihm die Argumentationsweise des Autors darzulegen: Das erste Kapitel des Buches, das die Überschrift „Cheops-Pyramide: Geheime Kammern erforscht“ und den Untertitel „Ägypten bootet deutschen Entdecker aus“ trägt. Dieses Kapitel bezieht sich auf die Fernsehübertragung von National Geographic aus dem Inneren der Cheopspyramide, die im September 2002 weltweit ausgestrahlt wurde und in deren Verlauf die Fernsehzuschauer nicht nur Zeugen der Öffnung eines Sarkophages aus dem Alten Reich wurden, sondern auch, wie ein kleines Roboterfahrzeug namens „Pyramid Rover“ einen Blick hinter jenen Blockierstein warf, der 1993 bei der Upuaut-Mission des Deutschen Archäologischen Institutes in Kairo, damals unter der Leitung von Rainer Stadelmann, durch den Münchner Ingenieur Rudolf Gantenbrink im Südschacht der Königinnenkammer entdeckt wurde. Was für die Ägyptologen eher eine Randnotiz war, hatte für Pseudoarchäologen große Bedeutung: Man vermutete hinter diesem Blockierstein eine Tür zu verborgenen Kammern und Schätzen, die die ägyptologische Lehrmeinung widerlegen, arabische Legenden und Spekulationen von Pyramidologen aus dem 20. Jahrhundert bestätigen sollten: Die Cheopspyramide ist nicht das ureigene Produkt alten Ägypter, sondern ein Beweis für den Besuch Außerirdischer oder den Eingriff hochzivilisierter „Atlanter“. Die jahrelange Weigerung der ägyptischen Altertümerverwaltung, den Befund im Südschacht näher zu untersuchen, näherte in pseudoarchäologischen Kreisen die Vermutung, hier werde etwas gezielt vertuscht. Eine besondere Rolle spielt Rudolf Gantenbrink in dieser Verschwörungstheorie. Er wird als Opfer der ägyptischen Altertümerverwaltung dargestellt, die ihn „ausbooten“ (S.25), ihn „um die Früchte seiner Arbeit bringen“ wolle (S. 25), vermutlich weil man, so suggeriert es der Autor, keine Entdeckung haben wollte, die alle bisherigen Erkenntnisse über die Cheopspyramide über den Haufen werfen könnte. Gantenbrink als Opfer einer wissenschaftlichen Verschwörung? Diese Geschichte ist zwar inzwischen in der pseudoarchäologischen Literatur zu einem Selbstläufer geworden, wahr wird sie deshalb aber noch lange nicht. Gantenbrink hatte sich nämlich selbst um die Früchte seiner Arbeit gebracht, als er 1993 nach der Entdeckung des Blockiersteins im Südschacht ohne Autorisierung durch das DAI und die ägyptische Altertümerverwaltung Filmmaterial an seine Sponsoren verschickte, von denen sich einige offenbar nicht an den Vermerk „Not For Broadcast“ hielten: Kurze Zeit nach der Entdeckung kursierte die Geschichte vom geheimnisvollen Blockierstein durch die Medien und wurde so der Öffentlichkeit bekannt, bevor die ägyptische Altertümerverwaltung und das DAI, wie es üblich war, darüber berichten konnte. Für Zahi Hawass, damals Chef des Giza-Plateaus, war dieser Fehler Grund genug, die Zusammenarbeit zwischen Gantenbrink und der ägyptischen Regierung zu beenden. Diese Geschichte, die in dem Buch „Im Schatten der Pyramiden“ von Torsten Sasse und Michael Haase auf S. 120 – 126 aus den Blickwinkeln von Stadelmann (DAI), Gantenbrink und Hawass ausführlich beschrieben ist (jenes Buch stand dem Autor übrigens, wie es das Literaturverzeichnis zeigt, zur Verfügung), passt natürlich überhaupt nicht in die seit 1993 in pseudoarchäologischen Kreisen gepflegte Verschwörungstheorie, und so wird sie durch gezieltes Ausblenden unangenehmer Tatsachen kurzerhand in ihr Gegenteil verkehrt.
  Und die Geheimkammern in der Cheopspyramide? Auch sie sind ein Fantasiegebilde: Tatsächlich wurde keine Geheimkammer hinter dem Blockierstein entdeckt, sondern ein leerer, vermutlich bautechnisch begründeter, etwa schuhkartongroßer Hohlraum, an dessen Ende das Kernmauerwerk der Pyramide erkennbar war. Statt seinen Lesern näher zu erklären, welchen Zweck die Schächte, die sowohl von der Königinnenkammer wie auch der Königskammer ausgingen, eigentlich hatten (das wird lediglich en passant in zwei kurzen Sätzen auf S. 26 abgehandelt), ergeht sich Bürgin in einer Verschwörungstheorie, in der die Ägyptologen Zahi Hawass und Mark Lehner die Rolle der Bösewichte übernehmen müssen und die Opfer einmal die Wahrheit und zum anderen Rudolf Gantenbrink sein sollen. Belege für all das sucht der Leser vergebens, statt dessen reiht sich Spekulation an Spekulation, Behauptung an Behauptung. Gegen die Glaubwürdigkeit von Hawass wird sogar sein offensichtlicher Hang zur Selbstdarstellung ins Felde geführt. Nur macht diese Eigenschaft Zahi Hawass noch lange nicht zu einem Verschwörer.
  Geheimkammern mit rätselhaften Schätzen wird man in der Cheops-Pyramide übrigens vergeblich suchen, denn sie entspringen pseudoarchäologischem Wunschdenken, das sich wiederum auf arabische Legenden aus dem Mittelalter stützt. Tatsächlich gehen Ägyptologen heute davon aus, dass es keine Geheimkammern in der Cheopspyramide gibt, denn ihr Kammersystem fügt sich in seiner Konzeption in das anderer Pyramiden der 4. Dynastie ein. Diese enge Beziehung, besonders zu den Pyramiden von Cheops Vater Snofru, wird von Pseudoarchäologen geflissentlich ausgeblendet, denn isoliert lässt sich die Cheops-Pyramide ganz einfach zu einem unlösbaren Mysterium erklären.
 
  Den Abschluss soll ein Zitat aus dem Epilog des Autors machen. Auf Seite 250 fordert er seine Leser, natürlich mit Blick auf die Archäologie, auf:
  „Glauben Sie nicht blindlings, was Ihnen vorgesetzt wird.“
  Dieser Aufruf fällt auf den Autor zurück, der keine seiner Behauptungen mit Quellen belegt und deren Glaubwürdigkeit dadurch zweifelhaft wird. Daran kann auch ein ausführliches Literatur- und Quellenverzeichnis nichts ändern.

 

 

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