Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
China Miéville
Perdido Street Station
(2000)

Pan
2003
867 Seiten
£ 7.99 (€12,93)


Von Till Westermayer am 19.02.2003

  Was genau ist Perdido Street Station? Ganz wörtlich genommen, der Mittelpunkt der Stadt New Crobuzon, der Punkt, an dem die verschiedenen S-Bahn-Linien dieser stinkenden, überquellenden und überaus mehrstöckigen Metropole zusammenkommen. Auf knapp 900 Seiten durchquert Miéville New Crobuzon, stellt einzelne Stadtviertel und deren Bewohner vor.
  Miéville schreibt realistisch, überaus realistisch - allerdings über eine Stadt, die es so nicht gibt, die irgendwo an der Grenze zwischen Horror und Steampunk, zwischen Fantasy und magischem Realismus liegt. Über eine Stadt, in der analytische Maschinen und Biotechnologie- mit verschiedenen, ausgefeilten Formen der Magie koexistieren. Über eine Stadt, in der Menschen mehr oder weniger friedlich mit insektenkopftragenden khepri, amphibischen vodyanoi, Kaktuswesen und vogelartigen garuda zusammenleben.
  In New Crobuzon hat auch die Hölle eine Botschaft. Dämonen und Äther, Thraumaturgie und uns esoterisch erscheinende Kräfte sind hier selbstverständlich. New Crobuzon ist so finster, wie es eine von ausgebeuteten ArbeiterInnen, Rassenkrawallen, Slums einem korrupten Bürgermeister mit der unsichtbaren Hand der allgegenwärtigen Miliz und einer durchorganisierten kriminellen Unterwelt ausgestattete Stadt nur sein kann. Chymische Abwässer fliessen in den Tar, manche Ghettos werden von manchen lieber nicht betreten. Was Miéville hier beschreibt, klingt nach dem Alltag einer Metropole in ihren dunkleren Ecken, wenn auch durch einen Zerrspiegel gesehen.
 
  Aber New Crobuzon ist trotzdem nur der - wenn auch ausgefeilte, realistische und überaus detailreiche - Hintergrund. Das Netz der Handlungsstränge kreuzt sich mit dem Körper der Stadt. Auch hier ist die Perdido Street Station zentral, aber dort enden die Handlungsstränge nicht. Der aus dem ungewollten Wechselspiel von Renegadenwissenschaft und Herrschaftspolitik entstandene übernatürliche Terror, der den BewohnerInnen von New Crobuzon den Schlaf raubt, ist am Ende - mit Hilfe mancherlei fast schon comichafter Gestalten - besiegt. Der Preis dafür ist hoch.
  Ein Happy End gibt es nicht, sondern nur das Drama zerstörter Lebensgeschichten, die irgendwie weitergehen müssen. Nur etwa jede zweite handelnde Person ist ein Mensch. Und die Schicksale, die einem wirklich nahe gehen, sind nicht unbedingt die der Menschen.
  Mit einer immer passenden und manchmal ungewohnten Sprache ermöglicht Miéville hier ungeahnte Identifikationsleistungen.
 
  Während des Lesens ist manchmal der Eindruck entstanden, dass das andersartige Setting in den Vordergrund geschoben wird, dass die Handlung nur dazu dient, durch New Crobuzon spazieren gehen zu können. Dem ist aber - von einigen Längen, die aber wiederum Atmosphäre schaffen, mal abgesehen - nicht so. Vielmehr schafft Miéville es, die Leserin oder den Leser langsam in eine sehr fremde und zugleich bekannte Welt eintauchen zu lassen, die Hauptfiguren - Isaac und Lin sowie Yagharek - kennen zu lernen.
  Lange hält sich der Eindruck, dass es ein Buch sei, in dem es vor allem um eine seltsam verrückte technische Geschichte geht, in der eine Erfindung eine Hauptrolle spielen wird. Erst relativ spät wird klar, dass die so geschaffene Spannung, die inzwischen vertraute, zwar nicht heile, aber doch relativ unbekümmerte Welt der ProtagonistInnen nur deswegen so ausführlich geschildert wird, um den Niedergang umso schmerzlicher zeigen zu können.
 
  Manchmal erinnert New Crobuzon an das Aliengewusel in den Städten des StarWars-Universums - aber mit Magie statt mit Raumschiffen. Und atheistischer als dort, denn Erlöserfiguren gibt es keine.
 
  Das Buch hat auch etwas von Tolkien - eine eigenständige fantastische Welt, die da erschaffen wird (wir erfahren nicht nur etwas über New Crobuzon, sondern über das gesamte Bas-Lak mit seinen verschiedenen Kontinenten und den nur angedeuteten, dort zu findenden Geschichten), ein sehr umfangreiches Buch. Im Gegensatz zum Herr der Ringe sind hier aber die Guten nicht gut, sondern nur weniger böse. Mittelerde erscheint im Vergleich als relativ freundlicher Ort, dem jegliche street-credibility fehlt.
 
  Perdido Street Station hat auch etwas von Gibsonschem Cyberpunk, insofern, als die Straßen von New Crobuzon genauso schwarz sind wie die von Chiba oder der BAMA-Sprawl. Aber statt in der Zukunft finden wir uns in der nahen Vergangenheit einer Parallelwelt wieder. Isaac der Gremnebulin ist Wissenschaftler, könnte als Hacker beschrieben werden, und die ambivalente Rolle intelligenter Maschinen erinnert ebenfalls an Gibson. Im Vergleich zur Vielschichtigkeit New Crobuzons bleibt die Neuromancer-Trilogie jedoch oberflächlich.
 
  Letztlich ist es Miéville gelungen, mit New Crobuzon einen bisher nicht vorhandenen Ort zu schaffen. Es ist interessant, darüber zu lesen. Dort wohnen würde ich ungern, und in die Rolle der Helden - sind es wirklich welche? - der Perdido Street Station schlüpfen möchte ich erst recht nicht. Genau das macht den Reiz des Buches aus.

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.