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Siri Hustvedt
Was ich liebte

Rowohlt
2003
Übersetzt von Uli Aumüller, Erica Fischer und Grete Osterwald
€ 22,90 [D]


Von Volker Frick am 29.01.2003

  Zehn Jahre nach ihrem ersten Roman "Die unsichtbare Frau" (1993) ist nun der dritte Roman von Siri Hustvedt mit dem Titel "Was ich liebte" erschienen. Ein Rückblick auf die letzten 25 Jahre zweier Familien. Da ist der Kunsthistoriker Leo Hertzberg mit seiner Frau Erica, und deren eher spröde Ehe. Und da ist William Wechsler, ein Künstler, verheirat mit einer Dichterin namens Lucille Alcott.
  Leo hatte ein Bild von Wechsler gekauft, einen Frauenakt mit dem verwunderlichen Titel "Selbstporträt". Nachdem beide Paare Eltern jeweils eines Kindes werden, beides Jungen, und nachdem ihr Sohn Matthew bei einem Unfall stirbt, trennen sich Leo und Erica. William Wechsler und seine Frau lassen sich scheiden. Ihr Sohn Mark pendelt zwischen Lucille und William und seiner neuen Frau Violet, Violet Blom, jenes Modell, welches Akt stand für sein Bild "Selbstporträt". Mark verbringt seine Nächte, seine Zeit partyclubbing in der Drogen-, Transvestiten- und der ikonoklastischen Kunstszene New Yorks. Er wird in einen Mordfall verwickelt. Der Roman klingt aus. Der Erzähler, der Kunstkritiker Leo, verliert seine Sehfähigkeit. Zuvor lebte schon der Künstler ab. Er trägt, so die Autorin, Züge ihres Mannes, dem Schriftsteller Paul Auster. Sie selbst ist der Erzähler. Kunsthistoriker reden selten über Kunst, und Künstler reden über alles mögliche.
  Literaturkritiker schimpften dieses Buch Künstler- und Familienroman, gar Intellektuellenroman. Nun, immerhin findet im ersten Teil des Romans ein furioses namedropping statt, Künstler, Schriftsteller, Philosophen, Musiker, es schwirren einem die Windungen, und die meisten Protagonisten schreiben Bücher. Vielleicht machen namedropping und das Schreiben von Büchern den nordamerikanischen Intellektuellen aus. Die zweite Teil beginnt und endet mit dem Tod, eine Verfahrensweise, die der Mann der Autorin in seinen Werken zur leidigen Initialzündung der Erzählung gebraucht. Der dritte und letzte Teil des Romans dümpelt in seiner eigenen Auflösung.
  Der Roman thematisiert Geschlechteridentität. In extremis formuliert Siri Hustvedt erzählerisch die genderdebatte als Konstruktion. Hysterie als Startschuß der Psychoanalyse, Essstörungen als Modeerscheinung, ähnlich dem ‚Werther-Effekt', Symptomübernahme durch Identifikation oder Nachahmung. Die Geschichte zweier Familien ist nicht erst seit den 90ern patchwork, so wird hier letztlich genau solch eine Geschichte erzählt. Patchworkfamilie. Daniel Auster, Stiefsohn von Siri Hustvedt, Sohn aus Paul Austers erster Ehe mit Lydia Davis (Schriftstellerin), war 1996 in einen Mordfall verwickelt, 1998 verurteilt zu einer fünfjährigen Bewährungsstrafe, da er dem Mordopfer $3000 gestohlen hatte. Mit einem Kurzauftritt als Bücherdieb in dem Film "Smoke" von Wayne Wang und Paul Auster dem Publikum bekannt. Auch diese Geschichte fliesst in den neuen Roman von Siri Hustvedt ein, und ich kann mir gut vorstellen, wie sie vor dem Spiegel steht und sagt "Du weißt doch gar nicht wer ich bin."
  Die Fortführung bestimmter Themen. Der Hunger nach Erfahrung, der Tod, Identitätsfindung, der Verlust, die Trauer, die Kunst und das Leben. Dieser Roman ist formal als auch erzählerisch komplex, aber allein dies ist kein Gütezeichen für gute Literatur. Und die biographische Rückbindung des Erzählten an die Wirklichkeit hilft diesem Roman nicht aus der Fiktion heraus. Vielleicht liesse er sich selbst als Kunst deklarieren, allein, er ist leblos und blutleer. Ganz offensichtlich liegt all dem ein Konzept zu Grunde, ganz offensichtlich aber auch ist dies kein Buch, welches die Zeiten überdauern wird.

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