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Rudolf Kraus
die sinne verwildert
zerstreute miniaturen aus 24 jahren

Edition Doppelpunkt
2000
63 Seiten
€ 12,50 [D]


Von Elisabeth Schawerda am 16.01.2003

  24 Jahre sind viel und reichen in ein sehr jugendliches Alter des 1961 im Sternbild der Waage – „ich herbstfrischkingskind“ – geborenen Schriftstellers Rudolf Kraus zurück. Dass uns die exrem kurzen biographischen Abgaben in seinem neuesten Lyrikband „die sinne verwildert“ ausgerechnet sein Sternbild wissen lassen, könnte als Deutungshinweis betrachtet werden. Eine Waage ist ein Präzisionsgerät, empfindlich, aus winzige Gewichte reagierend, minutiös, und dennoch ein schwankendes Ding, das immer wieder geeicht werden muss, dessen Zweck die Ermittlung der unbekannten Masse eines Objektes ist.
  Minutiöse Miniaturen – Kraus vermeidet ja das Wort „Gedicht“ – kurze Zeilen wie metallische Gewichtlein, mit der Pinzette anzufassen, nicht handgreiflich also, und zum Schluss ein präzises Ergebnis: dies findet der Leser Seite um Seite vor. Die delikaten Waagschalen fassen nicht viel Materie, der Verstand ist ein scharfer Trancheur, der die Verwilderung der Sinne nur bedingt zulässt: „… die sinne verwildert / nur das denken bleibt koscher / keine lieder & kein freudenschrei …“
  Japanische Miniaturen, also Haikus – „ich schreibe haiku / bin aber kein japaner / zählen kann ich schon“ erwartet man ja geradezu von diesem Autor, aber nicht aus folgendem Grund: „die quintessenz war / dem dichter nicht gegeben / also schreibt er haiku.“ Auch in Tankas erprobt er sich, gießt diszipliniert seine Anliegen in ein strenges Silbenzählwerk.
  „Das lyrische ich“ versteht sich als „… ein dissonanzenkopf / manchmal schräg / und kratzig / … immer wenn ich leide / muß ich lachen“. Der passionierte Lyrikleser, geübt in konzentrierter Offenheit, wird von Rudolf Kraus’ Miniaturen, herausgefordert durch das Balancespiel von Form und Inhalt. Dieses manifestiert sich in einer Sprache, die nach innen glüht und nach außen oft kühl bleibt, aber oft nicht kühl lässt.

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