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Hans-Christian Huf (Hrsg.)
Sphinx - Geheimnise der Geschichte (Band 6)
Von Spartacus bis Napoleon

Heyne
2002
358 Seiten


Von Klaus Richter am 06.01.2003

  Das Begleitbuch zur siebten Staffel der erfolgreichen Dokumentationsserie "Sphinx", ausgestrahlt im ZDF und bei ARTE, enthält eine Fülle spannender Themen aus der jahrtausendealten Geschichte der Menschheit: Spartacus und das Leben der Gladiatoren im alten Rom, der Sphinx von Giza, die Eroberung des Inkareiches durch Francisco Pizarro, das Geheimnis Babylon, der Wettlauf nach Indien, der Mordfall Kaspar Hauser und der Mythos Napoleon kennzeichnen die Themenpalette der Fernsehserie und des Begleitbuches. Wer sich über die TV-Sendungen hinaus näher informieren möchte, findet in der populärwissenschaftlich gehaltenen, überwiegend spannend und unterhaltsam geschriebenen Darstellung nähere Informationen. Ein Literaturverzeichnis gibt Hinweise für weitere Rercherchen, ein umfangreiches Register erleichtert die gezielte Suche nach bestimmten Orten, Ereignissen und Personen.
 
  Ein Thema des Buches hebt sich von den anderen ab, weniger in positiver als vielmehr in negativer Hinsicht: "Rätsel in Stein - Das Lächeln der Sphinx" (S. 62 - 111), der schwächste Beitrag des Buches und auch der Serie. Während die übrigen Themen zwar zur Erhöhung der Publikumswirksamkeit in Film und Buch sensationell aufgepeppt wurden, sich aber sonst an die Fakten der Forschung halten, ist es einmal mehr das alte Ägypten, das unter Einbeziehung pseudoarchäologischen Gedankengutes leiden muss. Man fragt sich, ob den Produzenten der TV-Sendung und den Autoren des Beitrages - Peter Glaser und Luise Wagner-Roos - die wissenschaftlich ermittelten Fakten zur Sphinx und die derzeit unter Ägyptologen diskutierten Theorien als nicht sensationell genug zur Fesselung des Publikums erschien und deshalb auf pseudoarchäologische Behauptungen zurückgegriffen werden musste.
  Da ist zunächst einmal der Hinweis auf die in pseudowissenschaftlichen Kreisen nicht abreißenden Spekulationen, es gebe unter dem Sphinx ein umfangreiches Tunnelsystem, das mit der Pyramide verbunden sei. Könne hier, so fragen die Autoren, die Mumie des Cheops zu finden sein (S. 76)?. Richtig ist: Die Mumie des Cheops (Chufu) wurde nie gefunden, nach derzeitgem Forschungsstand ruht sie aber nicht in einem geheimen unterirdischen Grab, wie es der griechische Historiker Herodot beschrieb, sondern wurde vermutlich in der 1. Zwischenzeit gefleddert, als die Kulte für die Pharaonen des alten Reiches im Chaos der Anarchie untergingen und die Pyramiden geplündert wurden.
  Dennoch stellen die Autoren zwischen dem im Jahr 2000 entdeckten "Osiris-Grab" auf dem Giza Plateau und dem geheimen Kammersystem des Herodot eine Beziehung her. Dabei stammt dieses Grab, wie die Autoren selbst eingestehen müssen, aus dem 7. Jhdt. v. Chr. - es wurde nahezu 2000 Jahre nach Cheops' Tod errichtet. Ebenso fehl am Platz für eine seriöse Dokumentation ist eine Bezugnahme auf den "schlafenden Propheten" Edgar Cayce, der in seinen in Trance gemachten Aussagen einen Bezug zwischen dem Sphinx und einer längst untergegangenen eiszeitlichen Kultur herstellt, die das Wissen ihrer Kultur in einer "Kammer des Wissens" unter dem Sphinx verborgen haben soll (S. 96). Nach dieser Kammer suchen Anhänger Cayces und andere Pseudowissenschaftler seit Jahrzehnten verbissen - vergeblich, denn unter dem Sphinx gibt es keine solche Kammer, sie ist reine Fiktion.
  Fiktion ist auch eine angebliche Beziehung zwischen den Pyramiden von Giza und dem Sternbild Orion sowie dem Sphinx und dem Sternbild Löwen. Beides soll dem pseudowissenschaftlichen Autor Robert Bauval zufolge auf einen Ursprung dieser Bauwerke um 10500 v. Chr. hinweisen (S. 100). Die Autoren weisen dankenswerterweise darauf hin, dass Bauvals Spekulationen längst widerlegt worden sind - nur, warum erwähnen sie sie dann überhaupt?
  Fiktion ist ebenso die Behauptung, die Verwitterungsspuren am Sphinx von Giza gingen auf eine große Sintflut zurück (S. 103). Auch dies wird widerlegt, in dem die Autoren den Fachmann für ägyptische Geologie, Dietrich Klemm, zu Wort kommen lassen: Die Verwitterungsspuren deuten auf einen Abrieb von Sand hin.
  So sensationell sich diese Geschichten auch anhören mögen, sie beruhen auf Fehlinterpretationen oder sind schlichte Erfindungen und gewiss nicht dazu geeignet, alternative Erklärungen zu den Forschungsergebnissen der Ägyptologie zu bieten. Man sollte bei TV-Dokumentationen über das alte Ägypten daher tunlichst auf diese Dinge verzichten, denn die wissenschaftliche Forschung hat Ergebnisse zu Tage gefördert, die spannend genug sind und die dadurch dem kulturellen Erbe der alten Ägypter, die mit bescheidenen technischen Mitteln großartiges vollbrachten, weitaus gerechter werden als sämtliche Behauptungen von Phantasten und Pseudowissenschaftlern, die den alten Ägyptern diese Leistungen regelmäßig absprechen wollen.
  Immerhin kommt in dem Beitrag von Glaser und Wagner-Roos auch die Wissenschaft nicht zu kurz, hier insbesondere die Suche nach dem Erbauer des Sphinx, die unter anderem von dem bekannten deutschen Ägyptologen Rainer Stadelmann vorangetrieben wird. Während die große Mehrheit der an der Erforschung des Sphinx beteiligten Ägyptologen davon ausgeht, dass Chephren, ein Nachfolger des Cheops, den Sphinx errichten ließ, glaubt Stadelmann Beweise dafür zu haben, dass der Sphinx ein Werk des Cheops ist. Hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen worden.
 
  Sieht man einmal von den Defiziten des Beitrags "Das Lächeln der Sphinx", bietet der sechste Band aus der Reihe "Sphinx - Geheimnisse der Geschichte" spannende Unterhaltung für trübe Wintertage.

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