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Bernard Lewis
Die Araber
(The Arabs in History)

dtv
2002
Übersetzt von Wolfram Bayer
287 Seiten
€ 12,50 [D]


Von Richard Niedermeier am 28.12.2002

  Sind sie die Bewohner des Reiches aus Tausendundeiner Nacht oder die ewigen Sorgenkinder der Menschheit? Die Araber geben Rätsel auf. Aber nicht erst seit dem 11. September 2001 tut sich die okzidentale Welt sehr schwer mit ihnen: eine schier endlose Zahl großer und kleiner Nahost-Krisen, das Öl-Embargo in den Siebzigern, Terror und religiöser Fanatismus haben ihr Bild in ein sehr düsteres Licht getaucht. Dabei fällt es uns schon schwer, überhaupt zu bestimmen, wer wirklich ein Araber ist: nur der Bewohner der saudi-arabischen Halbinsel oder auch ein Marokkaner oder Algerier, der Iraker oder gar auch der koptische Ägypter und der christliche Palästinenser? Wer hierzu Antworten sucht, muß sehr weit in die Geschichte des Vorderen Orients zurückgehen, sogar noch über die Anfangszeit des Islam hinaus. Bernhard Lewis, Professor für Nahost-Studien an der Princeton Universität und durch mehrere grundlegende Werke zu diesem Themenbereich auch im deutschen Sprachraum bekannt, hat ein Buch geschrieben, das fundiert historische Orientierung gibt und bei aller kritischen Objektivität nicht ohne Empathie geschrieben ist.
  Dabei versteht Lewis es meisterhaft, die großen Linien arabischer Geschichte von ihren unzähligen Verästelungen zu trennen, ohne ins Oberflächliche und Altbekannte abzurutschen. Das gilt gerade für die Anfangsgeschichte des Islam, die an dem schwer zu fassenden religiösen Charisma Mohammeds hängt. Lewis hält sich hier strikt an das, was dem Historiker zugänglich ist und erarbeitet auf dieser Grundlage ein Persönlichkeitsbild des Religionsstifters, das sein politisches Geschick, seine Fähigkeit, innere Bruchstellen seiner Gegner zu erfassen, hervorhebt. Das Wachsen des Islam als Folge eines politischen Kalküls und günstiger historischer Umstände und nicht allein als Widerschein eines religiösen Eifers – es zeigen sich damit auch die inneren Widersprüchlichkeiten, die durch die Expansionskraft nur unzureichend überdeckt wurden. Die frühe Spaltung in Sunniten und Schiiten, aber auch das Ringen um eine vom nomadischen Arabertum getrennten Gestalt des Islam (Stichwort: die Ablösung des „arabischen Königreichs“ der Umaijaden durch die Abbassiden) geben nur einige Markierungspunkte wieder, die erahnen lassen, welches Entwicklungspotential im Islam steckte und – gegen alle vereinfachenden Thesen vom Kampf der Kulturen (Huntington) – noch immer steckt. Nichts könnte, so die Einsicht, die sich hier aufdrängt, für den Westen fataler sein, als solche Differenzierungen des politischen wie religiösen Arabertums zwischen Rabatt und Basra zu ignorieren und in einem Topf aufzukochen. Wenn nämlich je die Geschichte eine Lehrmeisterin für die Gegenwart (und Zukunft) gewesen ist, dann in diesem Fall. Und gerade die Europäer sollten es sich nicht nehmen lassen, diesen abwägenden Blick auf die arabischen Völker in die Diskussion einzubringen.
  Daß der Verfasser sich nicht allein auf die politischen bzw. militärischen Aspekte der Islamisierung der arabischen Welt beschränkt, sondern auch Gesellschaft, Kultur und vor allem die Ökonomie berücksichtigt, trägt wesentlich zu einer solch differenzierteren Sicht bei.
  Der Leser wird der Rückseite dieses Jahrhunderte alten Gegners ansichtig, die ganz und gar nicht so kriegerisch und aggressiv ist. Ohne einen Avicenna, einen Averroes oder Al Farabi wäre die europäische Geistesgeschichte wohl grundlegend anders verlaufen, hätte die Antike einen Großteil ihres Erbes nicht in das Mittelalter hinein entfalten und damit impulsgebend für die Neuzeit wirken können. Aber was haben die eben Genannten mit dem engstirnigen religiösen Fundamentalismus gemein?
  „Ex oriente lux“ – die Araber sind davon nicht auszuschließen. Wohin sich aber die arabische Welt künftig wenden wird, ob in Richtung auf liberale demokratische Verhältnisse, wie Lewis meint, oder nicht doch in geistige und politische Erstarrung, das läßt sich weder von der Geschichte noch von den Mentalitäten dieser Völker her hinreichend beantworten. Gerade die Weiterentwicklung des Abendlandes und seiner hochtechnisierten Kultur wird über die Richtigkeit von Prognosen entscheiden. Wird der Westen als ernstzunehmendes Gegenüber respektiert oder wird die Abgrenzung von seiner verfallenden Zivilisation zur Überlebensfrage Arabiens? Gelingt ein Dialog mit dieser bis in ihre Wurzeln religiös geprägten Welt oder reden wir auf völlig verschiedenen Ebenen aneinander vorbei? Diese Fragen umreißen auch die Grenzen von Lewis ansonsten bemerkenswertem Buch, das in seinen Zukunftserwartungen eher blauäugig ist. Dennoch, in einem ist es aauch für die zukünftige Entwicklung von unschätzbarem Wert: Es nimmt die Angst, die sich – nicht zuletzt auch aufgrund historischer Erfahrungen - so leicht vor dem Fremden einstellt; es baut Brücken des Verstehens gerade auch dort, wo Abgründe beide Zivilisationen zu trennen scheinen. Da es auch noch kurzweilig geschrieben ist, darf man hoffen, daß es als Mahnung zur Besonnenheit im Umgang mit den Arabern auch gelesen wird.

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