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Christoph Wagner
Schattenbach

Kremayr & Scheriau
2002
286 Seiten
€ 19,90 [D]


Von Johann F. Janka am 31.12.2002

  Ist die kleine Weinbaugemeinde Schattenbach ein Ort ländlicher Idylle an der Biegung eines Flusses? Oder trügt der Schein?
  Ein Heimatmuseum, ein junger unkonventioneller Archäologe mit Rossschwanz und Flinserl als Kustos, der am liebsten in Mexiko oder Ephesos wäre, wo er zuletzt an Ausgrabungen mitgearbeitet hat, Unmengen von mexikanischen Chilis vertilgt und dazu mexikanischen Agavenschnaps anstatt Riesling trinkt und eine Madonnenstatue, das Herzstück des Schattenbacher Heimathauses.
  Als eines Tages eben diese Madonna mit den sechs Fingern aus dem nicht gerade gut gesicherten Heimatmuseum verschwindet und Museumsleiter Dr. Mario Carozzi dafür einen abgeschnittenen echten Finger und eine seltsame Zeichnung findet, gerät sein Leben, mit dem er ohnehin hier in Schattenbach keineswegs zufrieden ist, gehörig durcheinander. Seine Nachforschungen über das Verschwinden der Madonna steigern nicht gerade seine Beliebtheit bei den Honoratioren des Ortes. Als dann noch eine junge Asylantin mit einem Rosenkranz angekettet in der Kirche tot aufgefunden wird, gerät Carozzi sogar unter Mordverdacht. Ohne sich einschüchtern zu lassen und mit der von ihm nicht gerade angestrebten Hilfe seines „Vorgesetzten“ Hannes Munknast, seines Zeichens Bürgermeister von Schattenbach, kann er dem Dorfkotter vorerst entgehen. Gendarm Loisl, mit Nachnamen, würde ihn mit Begeisterung eben dort gerne sehen, muss sich aber, zumindest einstweilen noch, an die Anweisungen seines Bürgermeisters halten, der einer Verhaftung Carozzis nicht zustimmt und ohne jeden Zweifel die Fäden in Schattenbach zieht. Eine zweite Frauenleiche sowie dubiose Vorgänge auf dem Anwesen des Werftbesitzers und Bürgermeisterfreundes Oskar Pettenhofer gestalten die Situation nicht einfacher. Als ebenfalls nicht gerade hilfreich für Carozzis Ermittlungen verhalten sich der Schattenbacher Pfarrer Seitel und sein Kooperator Pater Canisius.
  Als Carozzi in Pettenhofers Werft einbricht, um das Rätsel des überaus gut situierten Unternehmers zu lüften, findet er eine Menge Holzkisten vor. Die Enttäuschung ist groß, in den Kisten befinden sich nur Heiligenbilder, dem Anschein nach geschaffen vom etwas sonderbaren Messner Spitz. Dann aber findet er unter den Bildern jede Menge Waffen in den Kisten. Nun bestünde Handlungsbedarf durch Gendarmerieinspektor Loisl, von dem er sich aber nicht allzu viel erwartet, da ihm dieser ohnehin nicht glauben würde. Immer tiefer gerät Carozzi in die Verstrickungen um die verschwundene Madonna und die darauffolgenden Morde.
 
  Wagners Hauptfigur Doktor Mario Carozzi, der Schattenbach als einsames Kaff ohne jede Hoffnung und die Schattenbacher als höchst einfältige und obendrein korrupte Provinzler sieht, lebt, wie auch die Schattenbacher in der ihren, in seiner eigenen Welt. Er sehnt sich nach den indianischen Bräuchen und Speisen. Mit seinen Gefühlen und Gedanken ist er weit weg, besonders dann, wenn er aufkocht und sich das eine oder andere, höllischscharf zubereitete mexikanische Gericht auf der Zunge zergehen lässt. Aus welchem Grund er die Stelle als Leiter dieses Heimatmuseums angenommen bleibt für den Leser und auch für Carozzi selbst mehr oder weniger im Dunkeln. Auf jeden Fall fühlt er sich berufen, den Schwachen zu helfen und gegen die „Mächtigen“ in der Gemeinde aufzutreten. Im Zuge seiner „Ermittlungen“ nimmt er sich der Menschen im Asylantenheim, das etwas außerhalb der Ortschaft liegt und einer Gruppe Roma an, um ihnen gegen die Willkür der bösartigen Schattenbacher zur Seite zu stehen. Carozzi, der es schon eher mit Karl Marx hält als mit der Lehre der katholischen Kirche, aber dennoch bei jeder Gelegenheit mühelos aus der Bibel zitiert und auch in allen anderen Bereichen mit umfangreichem Wissen gesegnet ist, wirkt gelegentlich eine Spur zu oberlehrerhaft, was der Geschichte im Wesentlichen aber keinen Abbruch tut.
  Mitunter betreibt der Autor die „Schwarzweißmalerei“ zwischen den Schattenbachern und dem Helden seiner Geschichte etwas zu massiv. Unabhängig jedoch davon ist Wagners Erstlingswerk „Schattenbach“ eine Kriminalgeschichte mit Spannung bis zum Schluss. Wer Christoph Wagners Kolumnen aus diversen Magazinen kennt, hätte sich möglicherweise in „Schattenbach“ noch ein Quäntchen mehr seines herrlich ironischen Humors gewünscht.

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